Von Burkhard Müller

Der Kapitalismus steckt in seiner schlimmsten Krise seit Menschengedenken. Warum es trotzdem so schwer ist, gegen ihn zu sein.

Der Kapitalismus steckt in seiner schlimmsten Krise seit Menschengedenken. Wenn an der Weisheit seiner Einrichtungen jemals Zweifel am Platze gewesen sind, dann scheint der Zeitpunkt jetzt gekommen zu sein. Und doch: Geschimpft wird über ihn wie über das Wetter, bei dessen Erörterung sich das Missvergnügen mit der Fügung ins Unvermeidliche verschränkt. Eine Kritik, die erwägt, was es mit ihm wirklich auf sich hat und wodurch er gegebenenfalls zu ersetzen wäre, lässt sich nirgends ausmachen, auch und gerade nicht von Seiten jener, die über Jahrzehnte hinweg kein gutes Haar an ihm gelassen haben.

kapitalismus kritik demo ddp

Demo gegen Staatshilfen für angeschlagene Banken, März 2009 in Hamburg. (© Foto: ddp)

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Vor dreißig, vierzig Jahren war das anders. Damals schien der Kapitalismus für gar nicht wenige Menschen in allen westeuropäischen Ländern das schlechthin Abzuschaffende zu sein. Mit "Kapitalismus" war dabei zunächst die Wirtschaftsform gemeint, aber da Wirtschaftsformen durch und durch gehen, galt der Widerstand ebenso dem gesellschaftlichen System und den Mentalitäten, die von ihm bedingt waren.

Vom Grad der Feindschaft

Das Spektrum der Linken sortierte sich nach dem Grad der Feindschaft zu ihm, von der gemäßigten Sozialdemokratie, die mit ihm eine Art Milchwirtschaft betreiben wollte, bis zu den diversen radikalen Flügeln, die für sofortige Schlachtung eintraten. Heute aber haben alle Begriffe, die sich aus solcher Gegnerschaft definieren, ihre Bedeutung verloren. Die Gegnerschaft selbst scheint keinerlei Sinn mehr zu haben. Und das Wort "links" taugt nicht einmal mehr zur Umreißung eines Milieus in Kontaktanzeigen.

Dächte man heute noch so wie damals, müsste die Hochrechnung lauten: Wenn schon der prosperierende und funktionierende Kapitalismus, der so viele Leute an seinen Segnungen teilhaben lässt, solchen Zorn erregte, wie muss es ihm erst an den Kragen gehen, wenn er in eine schwere Krise gerät und alle nur noch seine Nachteile zu spüren bekommen! Es passiert aber gegenwärtig das genaue Gegenteil: Je schlechter es dem kapitalistischen System ergeht, desto mehr ängstigen sich alle, ob es wohl noch einmal davonkommen wird. Fragt man nach den Gründen solchen Wandels, den man geradezu als eine Lähmung der Verstandestätigkeit bezeichnen muss, so kommt man bei zwei sehr verschiedenen, aber einander ergänzenden Antworten heraus.

Zum einen muss aus heutiger Sicht die Feindschaft von damals wie ein Akt des Übermuts und des Undanks aussehen. Nur weil es der Ökonomie hierzulande damals noch mehr oder minder gut ging, durfte man sich den Luxus leisten, an den ökonomischen Grundlagen völlig einseitig das zu betrachten, was Anlass zur Beschwerde gab, und auszublenden, wie sehr man von ihnen abhing. Nicht von ungefähr verschränkte sich in der Kritik von damals das politische mit einem familiären Element; als borniert, schuldig, unerträglich erschien jene Elterngeneration, die doch ihren Kindern genau die Bildung, Muße und Sicherheit verschafft hatte, ohne die sie ihren kritischen Standpunkt niemals hätten beziehen können.

Wollte man jedoch diese Erklärung allein stehen lassen, so wäre das unangemessen hämisch. Man sollte noch etwas Zweites bedenken. Die Gegnerschaft zum Kapitalismus hatte zu ihrem Rückgrat die Theorie. Als Theorie besaß sie den Vorsatz, eine blinde Praxis auf ihren Begriff zu bringen. Denn zum Kapitalismus gehört es, dass er in seinem Funktionieren zwar den Erdball bis in den letzten Winkel durchdringt, aber sich dabei selbst nicht zu erkennen vermag. Das Höchste an Besinnung, wozu er sich jemals aufgerafft hat, besteht in seiner Behauptung von der "unsichtbaren Hand des Markts", die es schon richten werde, auch wenn es auf Anhieb nicht so aussehen mag, ein offensichtlicher Fall von obskurem Mystizismus.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum man nicht wünschen kann, dass es keinen Kapitalismus gäbe.

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