Kapitalismus Schuld und Schulden

Erfasst die Glaubenskrise jetzt auch die Ökonomie? Eine Debatte in Köln über "Religion und Wachstumsdenken" mit so unterschiedlichen Denkern wie Tomáš Sedláček, Josef Ackermann und Hans Christoph Binswanger.

Von Johan Schloemann

Wenn jetzt die Verhandlungen zwischen Griechenland und seinen Gläubigern immer dramatischer werden, dann geht es dabei, wie der Begriff der Gläubiger ja schon sagt, auch um die Frage: Wie kann der Glaube an die Rückzahlbarkeit von Krediten insgesamt aufrechterhalten werden? Die privaten Kreditgeber mussten immerhin schon vor drei Jahren auf mehr als die Hälfte ihrer Forderungen an Athen verzichten. Da ist man mitten im Reich der scheinbar rationalen Ökonomie unterwegs und fragt sich plötzlich: Hilft nur noch beten?

"Heaven on Earth", den Himmel auf Erden, das verspricht die kapitalistische Ökonomie nach einer Analyse des amerikanischen Ökonomen Robert H. Nelson aus den Neunzigerjahren. Walter Benjamin nannte in einem oft zitierten Fragment aus dem Jahr 1921 den Kapitalismus eine "Religion fortschreitender Verschuldung". Seit Max Webers Aufsatz über die protestantische Ethik (1904/1905) wird heftig über den Einfluss der Religion auf das wirtschaftliche Verhalten in einer Kultur diskutiert. Und Jesus Christus warnte laut Matthäus-Evangelium, man könne "nicht Gott und dem Mammon dienen".

Dass die geldgetriebene Wirtschaft ein Götzendienst sei, hört man also schon lange. Umgekehrt gibt es auch Einiges an Forschung über die Ökonomie der Religion: Bilanzen zwischen Diesseits und Jenseits, Kirchenfinanzen, Supermarkt der Religionen. Aber seit der jüngsten Finanzkrise wird das Fiktionale, das (Quasi-)Religiöse, auch das Kultische am Kapitalismus wieder ganz neu und grell beleuchtet. Das verbindet sich oft mit generellen Zweifeln am Wachstum und am "System". Und diese Zweifel gehen ihrerseits häufig wieder aus bestimmten Glaubensenergien und Erlösungshoffnungen hervor.

"Irgendwie stimmt die ganze Theorie nicht mehr", sagt der Ex-Chef der Deutschen Bank

Nicht zuletzt deshalb fand in Köln eine multikonfessionelle Konferenz der Kulturstiftung des Bundes über "Religion und Wachstumsdenken" statt, unter der Überschrift: "Ihr aber glaubet". Da sagte der Germanist und Mediendenker Jochen Hörisch, die Ökonomie habe ihre Aufklärung immer noch vor sich: Sie rede schließlich vom "Fiat-Geld", also von der Schöpfung aus dem Nichts. Und nach wie vor glaube sie an das Wirken der unsichtbaren Hand - also an den wirtschaftsliberalen Gedanken, der sich im 18. Jahrhundert bei Adam Smith selbst einer stoisch-christlichen Vorstellung von der Vorsehung verdankte.

Ins dieses Horn stießen manche auf dem ambitionierten dreitägigen Symposion. Der Tscheche Tomáš Sedláček, derzeit ein Popstar der kritischen Ökonomie, sagte, der Marktglaube sei die globale und globalisierbare Religion schlechthin. Und der Berliner Literaturwissenschaftler Armen Avanessian erkannte im Primat der "Austerität" eine Sehnsucht nach der Rückkehr religiöser, asketischer Motive. Wobei Avanessians Auffassung, die gegenwärtige Beschleunigung könne man doch "für den gesellschaftlichen Fortschritt nutzen" - sie nennt sich "Akzelerationismus" - in der Diskussion mit einem wirklich radikalen und konsequenten Wachstumskritiker wie Niko Paech sehr schnell als haltlos und rätselhaft verpuffte. Das muss hier glaubenskritisch unbedingt festgehalten werden, weil der sympathische, aber ärgerlich unpräzise Denker Armen Avanessian gerade in bestimmten Kunst- und Theoriezirkeln als neue Hoffnung für die kritische Intellektualität gehandelt wird.

Die sehr beliebte Entlarvung von religiösen Aspekten unserer Wirtschaftsform, die stets Erwartungen der Zukunft einpreist, kann allerdings leicht verdecken, dass die Glaubenszweifel innerhalb der Ökonomie längst stärker sind, als manche Entlarver annehmen. Das zeigte sich in Köln schlagend an Josef Ackermann, dem früheren Vorstandssprecher der Deutschen Bank und Lieblingsbuhmann der Bankenkritik. Ackermann hatte sich in die Räume des Kölnischen Kunstvereins zu einem Gespräch mit seinem einstigen Doktorvater Hans Christoph Binswanger locken lassen, dem 85-jährigen Geldtheoretiker und Prediger maßvollen, umweltverträglichen Wachstums. Und noch nachdenklicher als bei einem früheren Gespräch der beiden in Frankfurt sagte Josef Ackermann nun: "Irgendwie stimmt die ganze theoretische Untermauerung nicht mehr, an die wir geglaubt haben."

"Der religiöse Mensch tut einfach so, als wäre er schon reich", sagt ein islamischer Gelehrter

Der Bankmanager, der einst seine Doktorarbeit in Sankt Gallen über die geldschöpfende Wirkung des Bankgeschäfts schrieb, meinte damit die aktuelle Lage in Europa: Die Zentralbank flutet den Markt mit Billionen, die Zinsen sind minimal - und trotzdem werden nicht genug Kredite nachgefragt. Und das widerspricht eben ökonomischen Grundüberzeugungen: Es verbreite sich "die Angst", so Ackermann, "dass die große Geldmenge gar nicht nachfragewirksam ist". Und Binswanger spitzte zu: "Das ganze Geldsystem baut heute auf einer Schuld bei der Zentralbank, die niemals zurückgezahlt werden kann." Zusätzlich zur konkreten Problemen der gegenwärtigen EZB-Politik entstand so tatsächlich eine Atmosphäre von Glaubenskrieg und Glaubenszweifel. Die Pointe aber war - ganz anders, als es viel platte Kapitalismuskritik meint -, dass das Bankensystem heute nicht an zu viel freiem Markt krankt, sondern im Gegenteil an zu wenig Marktwirtschaft im Rahmen notwendiger Regulierung. Und der vielgerügte Plural "die Märkte" - das sind auch wir alle.

So lehrreich diese Kontraste für sich genommen schon sein können, so hätte in Köln doch die Gefahr bestanden, dass die Deutung des Kapitalismus als "Religion" ein metaphorisches Dauerfeuer bliebe, das am wahren Charakter ausgeübter Religion vorbeischösse. Und so war es sehr erfrischend, dass zugleich viele ausgewiesene Religionsexperten und Theologen eingeladen waren. Ein Versuch des interreligiösen Dialogs unter dem großen Fragezeichen "Wachstum?" - auf diese Weise auch ein Probelauf, wie man die Gemüts- und Diskurslagen "Post-11. September" und "Post-Finanzkrise" zusammenbringen könnte.

Das geht dann etwa so: Ein muslimischer Investmentbanker erklärt auf sehr unaufgeregte, angenehm zivile Art, wie das Geschäft islamkonformer Geldanlagen funktioniert. Ein evangelischer Theologe erklärt, warum sich die Religion nicht auf Moral reduzieren lässt. Oder eine katholische Theologin (Saskia Wendel) und ein islamischer Theologe (Milad Karimi) erklären die Zeit-, Zukunfts- und Gottesvorstellungen ihrer Religion auf hohem Niveau - und beide zitieren unabhängig voneinander den protestantischen Existenzphilosophen Sören Kierkegaard. Und natürlich gibt es das Wachstum auch in der Religion: seelisch, ethisch, eschatologisch. Karimi brachte es auf die Formel: "Der religiöse Mensch tut einfach so, als wäre er schon reich."

Sehr reizvoll auch, einen so beschlagenen Kulturwissenschaftler wie Thomas Macho, der erneut über den aktuellen Zusammenhang von Schuld und Schulden nachdachte, mit einem katholischen Theologen wie Klaus von Stosch ins Gespräch zu bringen, der die biblische Botschaft so zusammenfasste: "Keinem mehr auferlegen, als er tragen kann." Wie immer man den Ertrag solcher Begegnungen bewertet, eine Summe lässt sich vielleicht doch ziehen: Vieles, was nach Kampf der (Glaubens-)Systeme aussieht, ist eigentlich eine innere Zerrissenheit in unserer Lebensform.