Kapitalismus Multimorbidität

Der Starautor Tomáš Sedláček und Oliver Tanzer legen die Ökonomie auf Freuds Couch. Die Diagnose: niederschmetternd. Das Buch: leider auch.

Von Wolfgang Streeck

Manchmal kann einem sogar der Kapitalismus leidtun. Andererseits braucht, wer solche Feinde hat, nun wirklich keine Freunde. Tomáš Sedláček ist spezialisiert auf die Verfertigung von Abhandlungen über das Abgründige im kapitalistischen Wirtschaftsleben, in denen er seine Leser unter anderem mit einem end- und bodenlosen klassisch-literarischen Zitatenschatz traktiert. Zugleich ist er (nebenher?) "Chief Macroeconomic Strategist" einer tschechischen Bank und war nach eigenem Bekunden "Wirtschaftsberater" von Präsidenten und Ministern in der Tschechischen Republik nach der Wende zum - Kapitalismus! Ein Mensch in seinem Widerspruch?

Sedláčeks erstes Buch, "Die Ökonomie von Gut und Böse", erschien 2009 auf Tschechisch und wurde rasch, was man einen internationalen Besteller nennt; die deutsche Übersetzung erschien drei Jahre später. Alles vom Feinsten, und alles Feine auf engstem Raum: Kapitel I über Gilgamesch, Kapitel II über das Alte Testament, Kapitel III über "Das Christentum: Spiritualität in der materiellen Welt", usw. usw., bis hin zu "Adam Smith, Schmied der Ökonomie". Es folgt Teil 2, "Blasphemische Gedanken", über: die Gier, den Fortschritt, die "Achse von Gut und Böse", die unsichtbare Hand, den Homo oeconomicus, die animal spirits, die Mathematik und die Wahrheit. Nichts fehlt, nichts ist originell, aber immerhin gibt es viele wünschenswert lange Zitate aus vielen kanonischen Texten, die man, weil im Druck abgesetzt, auch gut für sich lesen kann.

Den Verdacht freilich, dass man es mit einem zu erbarmungsloser Koketterie neigenden Namedropper zu tun haben könnte, wird man nicht los (siehe die Widmung: "Für meinen Sohn Chris . . . Ich wünsche ihm, dass er eines Tages ein besseres Buch schreiben wird").

Jüdische Mystik und griechische Mythologie müssen zur Analyse herhalten

Stützen wir uns auf Schiller, wie der sich auf Aischylos: Das eben ist der Fluch des gutverkauften Buchs, dass es fortzeugend immer Bücher muss gebären. Dem Erstling folgten zwei kleinere, koproduzierte Werke: "Bescheidenheit" (2013), in dem Sedláček und ein Mathematiker namens David Orrell, gemeinsam einvernommen von einem Journalisten, Bescheidenheit als Grundlage "für eine neue Ökonomie" (Untertitel) vorschlagen, wenn auch nicht für eine neue ökonomische Theorie oder auch den Verfasser derselben. Auch hier geht es wieder um alles, aber gut, darum geht es heute ja tatsächlich. Dann, kurz darauf (2015), ein Zwiegespräch mit David Graeber, "Revolution oder Evolution: Das Ende des Kapitalismus?", wobei der Chief Macroeconomic Strategist sich auf die Seite der Evolution schlägt, der Occupy-Mann, wen wundert's, auf die der Revolution - Graeber: Der Kapitalismus ist schon tot und nur noch ein Zombie; Sedláček: Wir sollten dem Zombie "eine Seele einhauchen".

Mehr Diwan als Couch: Das Originalmöbelstück von Sigmund Freud steht heute in London.

(Foto: E. Engelman/dpa)

Nun also "Lilith und die Dämonen des Kapitals: Die Ökonomie auf Freuds Couch", verfasst mit Oliver Tanzer, einem Wiener Journalisten - ein Sequel, wenn es je eins gegeben hat. Seele auch hier, die "Seele der Wirtschaft", aber weit entfernt von neu eingehaucht, und so krank, dass Sedláček und Tanzer gleich Freud und Jung gemeinsam zu einer "psychologischen Analyse des ökonomischen Systems" bitten, egal wie sehr diese sich zu Lebzeiten zerstritten haben mögen. Auf die Frage, warum "die Wirtschaft" eine "Seele" haben und Psychoanalyse plötzlich auf "Systeme" anwendbar sein soll, und was ihre zwei Nothelfer dazu wohl gesagt hätten, verschwenden die Autoren keine Zeit. Stattdessen erklären sie ihr Vorgehen zu einem Durchbruch ("Das Feld, das wir hier bearbeiten, ist noch völlig unbestellt") und laienanalysieren kräftig drauflos: "Bei uns liegt, übertragen gesprochen, die Ökonomie auf der Couch, und wir hören ihr zu. Wovon spricht sie, was erhofft sie sich, wovon träumt sie? Was fürchtet sie . . . Welche Erlebnisse und Gefühle versteckt sie unter dem Mantel des Schweigens, was ist für sie ein Tabu?"

Die Diagnose: niederschmetternd; der Patient: ein Wrack. Die "psychischen Defekte der Ökonomie" sind, in der Reihenfolge ihres arztbrieflichen Erscheinens, maligner Narzissmus, Sadismus, Kleptomanie, Angststörungen, Realitätswahrnehmungsstörungen, Aberglaube, Verdrängung, Suchtverhalten, Sadomasochismus, Fetischismus, bipolare Störungen, Spielsucht - von den Seelenärzten Sedláček und Tanzer nach bewährtem Gilgamischmasch-Verfahren diagnostiziert mithilfe der jüdischen Mystik (Lilith), der griechischen Mythologie (reichlich und immer wieder, von Apollo und Marsyas bis Aphrodite) und Epik (Zorn des Achilles), bis hin zur Beschreibung des Kapitalismus von heute als "Bordellökonomie" mit "High-Speed-Wirtschaft" - Multimorbidität, wie sie im Buche steht, freilich nur in diesem.

Wie heilt man so was? Dazu müsste man wissen, wer genau der Patient ist: "die Öko-nomie", also jede, oder "der Kapitalismus". Es geht um "die Dämonen des Kapitals", aber auf "Freuds Couch" liegt "die Ökonomie". Die Autoren stört das nicht weiter. Uns anderen aber kann es nicht egal sein, ob der Kapitalismus erkrankt ist, oder die Ökonomie an sich selber oder am Kapitalismus, oder die Gesellschaft an der Ökonomie - je nachdem läge die Heilung in einem gesunden Kapitalismus, einer gesunden Ökonomie, einer Ökonomie ohne Kapitalismus oder, warum nicht, einer Gesellschaft ohne Ökonomie. Man weiß es nicht und befürchtet, dass das Absicht ist: So können die Autoren auf der Antikapitalismus-Welle schwimmen, ohne fürchten zu müssen, auf Antikapitalismus festgenagelt zu werden - was für einen Chief Macroeconomic Strategist ja auch peinlich werden könnte: Wie sollten seine Kunden da Vertrauen zu ihm haben, wo doch Vertrauen bekanntlich das Wichtigste ist im Finanzgeschäft?

Tomáŝ Sedláček, Oliver Tanzer: Lilith und die Dämonen des Kapitals: Die Öko- nomie auf Freuds Couch. Hanser Verlag, München 2015. 350 Seiten, 26 Euro. E-Book 19,99 Euro.

(Foto: )

Im letzten Kapitel geht es von den "Neurosen der Ökonomie" zu ihrer Therapie. Aber statt dass wir wenigstens jetzt den Patienten kennenlernen, treffen wir den "Schäfer vom Monte Cristallo". Psychoanalyse, so lesen wir, liefert keine einfachen Antworten. Stattdessen "begleitet" das Buch "den Leser ein Stück in jene psychischen und existentiellen Abgründe . . ., die sich als Folgen einer radikal-ökonomisierten Gesellschaft aufgetan haben." Zu lernen ist in den Schluchten des Was-auch-immer, dass es einer "Änderung der Einstellung des Einzelnen" bedarf: dieser soll zum Beispiel keine "Zinsspannen jenseits von drei Prozent" (Chief Macroeconomic Strategist!) oder "vom Handel immer günstigere Preise verlangen". Dem folgen anderthalb Seiten gute Worte über eine richtig verstandene Mathematik und Ökonometrie über Euklid hinaus, immerhin mit gekrümmten Raumzeiten, und dann "ein Märchen zum Schluss": eine "Geschichte, die sich die Bauern im Südtiroler Ampezzo-Tal erzählen". Sie handelt von einer heiratslustigen, mit blauen Augen ausgestatteten, sich ihre Zeit mit allerlei Sphinxereien vertreibenden Prinzessin, ihrem "Berater" (!) und einem auf Dichter umgeschulten Schafhirten, ebendem vom Monte Cristallo, genannt "der verrückte Bertoldo", eine Geschichte, die so kitschig ist, dass es dem Rezensenten die Schrift verschlägt und er sich darauf beschränken muss zu berichten, dass Bertoldo die Prinzessin natürlich kriegt und die Moral sein soll: "Erinnerungen, die in die Zukunft wirken können, sanfte Macht statt hartem Streben" heilen die Welt, die Wirtschaft, den Kapitalismus, alles. Letzter Absatz, wörtlich: "Sollten Sie aber einmal auf den Wiesen des Padeòn am Fuße der Marmolada weilen, oder gar am Fuße des Parnass in Griechenland, erinnern Sie sich, was in den Torbogen des Orakels von Delphi in den Stein gemeißelt steht: 'Erkenne dich selbst'."

Im Treibhaus der Ökonomie-/Kapitalismus-Kritik wachsen die erstaunlichsten Stil-, Gedanken- und Geschmacksblüten. Andererseits ist "Lilith und die Dämonen des Kapitals" geeignet, die Innung der seriösen Kapitalismuskritik zu blamieren; zünftiges Einschreiten ist deshalb geboten. Einschlägige Mängelrügen wären: Wie Kraut und Rüben; den "Gut gesagt"-Zettelkasten zur Neige geleert; die Prosa geschwätzig, der Gedankengang disziplinlos, bis zum Ausreißen derselben an den Haaren herbeigezogen; immer wieder weit jenseits der Kitschgrenze - und eine erstaunliche Zahl von Geschmacklosigkeiten, wie etwa die seitenlange Wiedergabe einer Gruppenvergewaltigung aus "Last Exit to Brooklyn" (für Stellensucher: Seite 319/20) - mit Lichthupe und Martinshorn auf der bestsellerischen Überholspur an allen Nachdenklichkeiten vorbei, atemlos durch die Nacht des wilden Denkens, auf Dauerjagd nach Gänsehaut; ein außer Kontrolle geratener Bewusstseinsstrom von Leuten, die es für "Kreativität" halten, wenn sie einfach mal drauflosschreiben und so weiter.

Immerhin werden wir informiert, wie so etwas zustande kommt. Ein Lektor hat ermutigt, eine Lektorin geholfen, aber das gibt's ja auch im weniger erlesenen Leben. Unsere Autoren, das brauchen wir wörtlich (Seite 7ff.), "trafen einander in einem dieser traditionsreichen Kaffeehäuser Wiens . . . und dann fingen wir an zu reden . . . Was dabei herauskam, war neu, ungewöhnlich und spannend." Als Nächstes tiefe Gespräche bei einem niederösterreichischen, dafür aber englisch benamten "Intellektuellenforum"; anschließend reiste Sedláček "von einer Konferenz zur anderen, New York, Peking, Paris, London", und weiter ging's mit E-Mails: "Wie bei uns üblich, ergab ein Gedanke den anderen . . . und bevor wir es bemerkten, waren so viele Ideen geboren, sie hätten mannigfach Konferenzen füllen können." Es folgten "Gespräche über Mythen und Ontologie auf einem Segelschiff auf dem Nil", und "ungeheuer begabte Studenten" sowie ein "wissenschaftlicher Board" trugen das Ihre bei. Die Zeit war knapp, schließlich "durchlief Europa wichtige Transformationen und Herausforderungen", weshalb die Autoren "eingeladen" waren, "im Projekt des damaligen EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso einen 'New Narrative for Europe' zu entwerfen. Und so konstruierten und de-konstruierten wir unter Tags Europa, auf Konferenzen in Mailand, Rom und Berlin. Sobald aber die Dämmerung hereinbrach, diskutierten wir Lilith . . . So schrieben wir und schrieben . . ." 350 Seiten. Gruselig.