Kabarettist Peter Ensikat zum 70. Hat es die DDR je gegeben?

Ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem nicht immer die Katze gewann: Wie der ostdeutsche Kabarettist Peter Ensikat lernte, seinen Zensor zu lieben - und wann man die Regierung mit Lachen hinnehmen muss.

Von Franziska Augstein

Der ostdeutsche Satiriker Peter Ensikat und der westdeutsche Satiriker Dieter Hildebrandt kannten einander schon vor 1989. Als Deutschland im Jubel schwelgte, weil die Vereinigung von Ost und West vor der Tür stand, trafen beide einander wieder: "Willst du dich mit mir vereinigen?", fragte Hildebrandt so argwöhnisch, als wäre er Rotkäppchen und Ensikat der böse Wolf. Ensikat schüttelte entschieden den Kopf: "Nee!" - worauf Hildebrandt sagte: "Gut, dann können wir ja Freunde bleiben."

Als die beiden deutschen Länder zueinandergefunden hatten und alle eine große Familie waren, zeigte sich schnell, was in Familien eben nur allzu typisch ist: Die Westdeutschen betrachteten die Brüder und Schwestern im Osten als die bucklige Verwandtschaft, das nahmen die Ostdeutschen den Wessis verständlicherweise übel. Der Nebeneffekt: Peter Ensikat hatte zu tun.

1993 publizierte er das Bekenntnisbuch "Ab jetzt geb' ich nichts mehr zu". Es folgte "Was ich noch vergessen wollte" (2000). Und weil man das Vergessen nicht ausführlich genug betreiben kann, setzte er nach mit "Das Schönste am Gedächtnis sind die Lücken" (2005). Bereits Ende der neunziger Jahre fragte er in einem Buchtitel: "Hat es die DDR überhaupt gegeben?"

Diese Frage war schon deshalb berechtigt, weil gleich nach der Wende viele DDR-Bürger entdeckten, dass sie eigentlich zeitlebens Dissidenten oder Opfer oder beides gewesen waren, nur dass ihnen das zuvor nicht aufgefallen war. Allein, der Satiriker Peter Ensikat hat sich selbst nie als Opfer gesehen.

Das Studentenkabarett "Rat der Spötter", für das er 1961 Texte schrieb, wurde verboten. Die Programme die er am Dresdner Kabarett "Herkuleskeule" mitentwarf, mussten ausführlich mit den Zensoren besprochen werden, und viele Nummern wurden verboten. Ensikat war ziemlich verdattert, als er trotzdem 1988 zusammen mit Kollegen den Nationalpreis der DDR erhielt. Heute zweifelt er daran, dass er ein guter Regimekritiker gewesen sei. All seine satirische Kritik, hat er bescheiden geschrieben, habe den DDR-Bürgern in Wahrheit doch vor allem dabei geholfen, das Regime "mit Lachen hinzunehmen".

In dem Maße, wie das stimmt, ist es falsch. Ein Satiriker kann in einer Diktatur nur dann politisch etwas ausrichten, wenn er bekannt wird - steter Tropfen höhlt den Stein. Mitunter konnten Peter Ensikat und sein Freund Wolfgang Schaller bei der Herkuleskeule mit ihren Zensoren gemeinsame Sache machen, mitunter haben die Zensoren die politische Pointe durchgehen lassen, weil sie - im Gegensatz zum Publikum - schwer von Kapee waren.

"Wie viel Unterhaltungswert wir dieser Zensur einst verdankten", hat Ensikat neulich in München gesagt (er hielt eine Rede auf seinen Bruder, den Zeichner Klaus Ensikat), "davon macht man sich heute kaum noch einen Begriff. Es war ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem eben nicht immer die Katze gewann."

Alles in allem war es nicht leicht, Satiriker in der DDR zu sein. In der heutigen Bundesrepublik ist das übrigens kaum anders. Das Fernsehen setzt lieber auf Klamauk und Comedy. Wenn Ensikat in der DDR wieder einmal verboten war, hat er Kindertheater gemacht.

Für Kinder gutes Theater machen: Das ist eine große Kunst. Sie beherrscht nur, wer sich als Erwachsener noch über die Welt verwundern kann. Das Staunen angesichts der Absurditäten, denen er begegnet, ist die entscheidende Inspiration des politischen Satirikers Peter Ensikat, der nun siebzig Jahre alt wird. Wir gratulieren.

Späßle gmacht

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