Kabarettist Georg Schramm in Berlin Über allen Gipfeln ist Wut

Mit geschliffener Rhetorik und demonstrativem Zorn wiegelt Georg Schramm in seinem Solo-Programm das Publikum auf. Die Vorstellungen sind ausverkauft, die Leute gieren nach dem Kabarettisten, seit er nicht mehr im TV zu sehen ist. Sein Auftritt zeigt, warum Schramm so sehr fehlt.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

Das begreife ja wohl jeder: Die Versuche, uns zu erklären, dass Angela Merkel uns regiere, seien lächerlich. Und für die, die es nicht begreifen, erklärt es Georg Schramm.

Einer ihrer meistbenutzten Sätze sei: "Wir dürfen die Märkte jetzt nicht nervös machen." "Würde die mächtigste Person der Welt je so einen Satz sagen?", fragt der Kabarettist und gibt selbst die Antwort. "Das ist der Satz einer Ohnmächtigen!"

Das Publikum tobt. Und das ist nur der Anfang. Georg Schramm, seines Zeichens schärfster Hund unter den politischen Kabarettisten Deutschlands, gibt eine Vorstellung seiner Künste im Deutschen Theater in Berlin. Seine Auftritte sind ausverkauft, bis auf den letzten Rang gefüllt ist der Saal. Noch bis zum Samstag ist er nun allabendlich im berühmten Kabarettprogramm der "Wühlmäuse" zu sehen - ebenfalls vor ausverkauftem Haus.

Die Leute gieren nach seinen bissigen Analysen des politischen Klimas, der gesellschaftlichen Strukturen, sie wollen mehr von seinem bewusstseinserweiternden Scharfsinn. Und Schramm haut in seinem Programm "Meister Yodas Ende - Die Zweckentfremdung der Demenz" die Pointen raus, als gäbe es kein Morgen. Fast drei Stunden lang toppt ein Geistesblitz den anderen. Am Ende ist das Publikum erschlagen, aber glücklich.

Alte Bekannte: Dombrowski und Oberstleutnant Sanftleben

Seine Kunstfigur Lothar Dombrowski, der gestrenge und stets übelst gelaunte Preuße mit Lederhandschuh, lädt zum Seniorenabend unter dem Motto "Altern heißt nicht Trauern". Gastredner ist der aus dem TV beliebte Oberstleutnant Sanftleben in Uniform, der leicht angeheitert über den Irrsinn des Drohnen-Debakels und die Unterscheidung zwischen dem Vergießen von unerwünschtem Eigenblut und erwünschtem Fremdblut schwadroniert. Und dann sind da noch Drucker August, der hessische Sozialdemokrat und ehemalige Gewerkschafter, der nun vom Schrebergarten aus zu Supermarkt-Boykotten zum Thema Mindestlohn aufruft - und sein Konterpart, ein ewig kalauernder oberflächlicher Rheinländer.

Alle vier Kunstfiguren ergeben ein großes Volksstück, das die Unzufriedenheit der Deutschen und das stete Granteln und Grummeln unter der Oberfläche seziert - und als vollkommen richtig hervorhebt. Doch der Figur von Georg Schramm selbst am nächsten kommt wohl der alte Dombrowski. Weil er die schlauesten Sätze sagen darf. Und das Publikum damit aufzuwiegeln gedenkt.

Galoppierender Zorn

Wie zum Beispiel mit dem Satz des Papstes Gregor des Großen aus dem 6. Jahrhundert: "Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht." Die Gesellschaft müsse ihren Zorn wiederfinden, um die Missstände zu bekämpfen. Und sich nicht einlullen lassen von haltlosen Versprechen der Politik.

"Was ist denn das Böse heutzutage?", fragt Dombrowski mit schneidender Stimme. Die Bundesregierung sei nicht das Böse. Das Böse müsse groß und wirkmächtig sein, da falle die Bundesregierung schon mal weg. Merkel, die FDP, Seehofer? "Höchstens ein Furunkel am Gesäß des Bösen." Der Saal bebt vor Zustimmung, vor Gelächter - und vor Freude über die schier endlose Aneinanderreihung erwünschter Grenzüberschreitungen.