Kabarett Furchterregend witzig

Charmant, dreist, unverschämt, bösartig: Sarah Hakenberg.

(Foto: PNP/Pierach)

"Nur Mut!" - am Samstag hat Sarah Hakenbergs neues Kabarettprogramm im Lustspielhaus Premiere. Ein Abend über Angst-Deutsche, die eigentlich keinen Grund haben, sich nichts zu trauen

Von Thomas Becker

Das Thema ihres neuen Programms stand für Sarah Hakenberg schon lange fest: das aktuell wohl schlimmste deutsche Volksleiden, die Angst. "Oma war noch mutig. Wenn jemand behauptete, ein Lebensmittel sei krebserregend, schob sie es in den Mund und antwortete: ,Auch der Tod will seine Ursache haben.'" Die Enkelin fragte sich: "Warum sind wir heute nur so ängstlich? Kinder stehen unter ständiger Beobachtung ihrer Eltern, Jugendliche trauen sich nicht mehr, die Schule zu schwänzen, Erwachsene bringen ihr erspartes Geld zur Bank, und viel zu wenige Menschen riskieren - außer bei Facebook -, ihren Mund aufzumachen. Nicht mal beim Zahnarzt." Also nannte die 37-Jährige ihr viertes Solo-Programm "Nur Mut!". Dass sie davon jede Menge besitzt, werden die Premierenbesucher am Samstag im Lustspielhaus schon aus der Ferne sehen: Die Künstlerin ist hochschwanger und erwartet in vier Wochen ihr erstes Kind.

Erst mal die Frage nach dem Wohlbefinden: "Erstaunlich gut", ruft sie fröhlich ins Telefon, "wenn jetzt noch irgendwas nicht hinhaut, wäre es echt ärgerlich. Jetzt bin ich so nah dran." Sie meint die Premiere, nicht die Entbindung. Sarah Hakenberg ist eine zierliche Person, die am Klavier und in ihren Liedern sehr charmant sein kann, aber auch herrlich dreist, unverschämt und bösartig. Zimperlich ist sie nicht, weder mit anderen noch mit sich selbst. Im Geburtsvorbereitungskurs hätte man gern mal Mäuschen gespielt: "Das bestätigt alle Klischees", erzählt sie, "lauter Frauen mit Panik vor der Geburt - da denke ich überhaupt nicht dran! Ich habe Angst vor der Premiere, wie immer!" Sie sei ein "sehr perfektionistischer Mensch". Insofern war sie mit den Vorpremieren nur mäßig zufrieden: "Mir war drei Monate lange einfach nur schlecht - ausgerechnet in der Zeit, als ich keine Tour geplant hatte, um mein Programm zu schreiben." Als es ihr wieder besser ging, stand sie vor dem nächsten Problem: "Mich geistig voll auf die Inhalte zu konzentrieren, kreativ zu sein: Das hat mich teilweise überfordert - weil sich dazwischen die Hormone gemeldet haben, die Baby-Klamotten kaufen wollen. Ich bin also beim Thema Mut und Angst, denke aber an was Hellblaues." Ein Junge also? Auch dazu eine Schote: "Meine Frauenärztin meinte: ,Ihr Baby ist gesund, das Herzchen schlägt, alles super - es ist aber leider ein Junge. Man kann nicht alles haben.'"

Sarah Hakenberg, laut Selbstauskunft im Kölner Karneval gezeugt und in Zorneding aufgewachsen, hat es der Liebe wegen nach Ostwestfalen verschlagen, ins 24 000-Einwohner-Städtchen Warburg irgendwo zwischen Kassel und Paderborn. Hakenberg schwärmt: "Ich mag den Slang hier, den Humor der Leute. Warburg kennt kein Schwein, aber es ist unglaublich hübsch: Fachwerkhäuser, Kirchen, eine gewachsene Stadt mit Fußgängerzone, Kino, Freibad und Kleinkunstbühne. Ganz viele Hügel, und ich hab' eine tolle Aussicht." Und einen Partner, der in Elternzeit gehen wird, damit die junge Mutter ihre Bühnenkarriere nicht allzu lange unterbrechen muss. Was schade wäre, wo es doch gerade so gut läuft: Ernst-Hoferichter-Preis 2014, Deutscher Kabarettpreis (Förderpreis) 2015, mehr Angebote als sie annehmen kann - das war nicht immer so.

Ihren ersten Auftritt hatte Klein-Sarah mit neun: als Maria im Krippenspiel. Sie lernte Klavier, Violine und Gitarre, bewarb sich nach dem Abi an mehreren Schauspielschulen, ohne Erfolg. Während des Studiums (Theaterwissenschaften, Philosophie und Neuere deutsche Literatur) begann sie, eigene Geschichten zu schreiben. Es folgten Poetry Slams, Mixshows und ein paar Jahre später mit den Programmen "Der Fleischhauerball" und "Struwwelpeter Reloaded" der Durchbruch. Kein Wunder: Wenn sie vom "Hündchenlynchen in München" singt, ist der geniale Tauben-im-Park-Vergifter Georg Kreisler nicht weit. In der Laudatio zum Deutschen Kabarettpreis hieß es über sie: "Raffiniert täuscht sie in ihren Programmen Nettigkeit vor, um dann - wenn der Zuschauer sich wohlig eingerichtet hat - umso boshafter verbal zuzuschlagen. Mit ihrem kabarettistischen Biss und ihren selbstkomponierten Liedern ist sie auf dem besten Weg, eine der ganz starken Frauen im deutschen Kabarett zu werden."

Davon gibt es immer noch wenige. Hakenberg weiß auch nicht, warum: "Im Theater trauen sich die Frauen ja schon. Gefühle zeigen und auswendig gelernten Text aufsagen: Das mögen Frauen noch viel lieber als Männer. Die Angst scheint bei Frauen gekoppelt zu sein an den Aspekt: ,Ich traue mich jetzt, lustig zu sein.' Da ist noch eine Hemmung. Aber ich finde, es ändert sich gerade: Es kommen Frauen nach: Hazel Brugger aus der Schweiz, Sarah Bosetti aus Berlin." Mutige Frauen. Hakenbergs Thema: Mut beziehungsweise Angst. Sie sagt: "Wenn ich Zeitung lese, interessiert mich nicht, welcher Politiker was gesagt hat, sondern das Phänomen an sich und wie die Leute darauf reagieren." Ihr Angst-Deutscher tickt so: Je mehr er besitzt, umso mehr hat er Angst vor Verlust. Ergo: bloß nicht zu viel anschaffen, um auch nicht so viel verlieren zu können.

"Bei uns herrscht Angst, wohin man nur schaut: ums Kind, wegen ungesundem Essen, wegen dem Wackelpudding, weil der angeblich krebserregend ist, wegen schlechter Fenster. So was kriegen wir ständig auf die Ohren - eine tolle Marketing-Strategie, eigentlich." Auch ihre Message wird sicherlich ankommen, ohne moralischen Zeigefinger, aber versehen mit einem dicken Ausrufezeichen: Mehr wagen, Leute! Aber Sarah Hakenberg wäre nicht Sarah Hakenberg, hätte sie nicht auch noch ein kleines, aber feines Lied zum Thema Übermut.

Sarah Hakenberg: Nur Mut!, Premiere Sa., 12. März, 20 Uhr, Lustspielhaus (ausverkauft)