Kabarett Exkurse in Würde

Holger Paetz, hier in Karl-Valentin-Gedächtnis-Pose.

(Foto: Erik Dreyer)

Holger Paetz ist Kabarettist, Lyriker, Musiker - und vor allem Aufklärer

Von Oliver Hochkeppel

München"Wenn in morgendlicher Frühe/ unsre Stadt noch friedlich scheint,/ gibt sich einer große Mühe./ Denn er ist der Stille Feind./ Lässt bewusst die Sohlen schlürfen./ Seitlich sind sie schon kaputt./ Andre sollen schlafen dürfen?/ Ihm geht's schließlich auch nicht gut." So beginnt "Der Hausverlasser", eines der Gedichte von Holger Paetz, die der Kabarettist soeben in seinem bereits zweiten Gedichtband unter dem gleichen Titel veröffentlicht hat. Im Eigenverlag und im handlichen Brevier-Format, dafür edel in Leinen gebunden. Paetz knüpft damit an eine höchstens im Poetry Slam in anderer Form, sonst fast vergessenen Tradition an: an die des humoristischen Gedichts, wie es ein Morgenstern oder ein Ringelnatz, ein Kurt Tucholski oder ein Erich Kästner, zuletzt ein Robert Gernhard gepflegt haben.

Bekannt wurde er vor allem in seiner Paraderolle als nölender Nörgler

Diese illustre Reihe ist als Vergleich nicht zu hoch gegriffen, denn "die Gedichte des Paetz" (wie er so schön als Untertitel formuliert) sind in der Tat grandios. Immer überraschend, immer auf den Punkt, immer heutig, nie altbacken, und sprachlich virtuos mit allem arbeitend, was sich an Dialekten, fülligen Bildern und Verben finden lässt. Derb kann es werden, aber auch ganz zart. Thematisch ganz dem Alltag und dem wahren Leben verpflichtet, von "Mein Fahrrad" über "Ein schöner Mann" (mit das kürzeste Gedicht des Bandes, und eines der wenigen nicht gereimten: "Ein schöner Mann/ macht ein hässliches Auto/ ansehnlicher./ Leider/ ist es meistens/ umgekehrt") bis zu "Sechzger Sein" mit der schönen Anweisung: "Bayerisch lesen. Und düster."

Für viele mag der Lyriker Paetz eine Überraschung sein, ist der 65-jährige Schwabinger (in München auch geboren, aber in Aschaffenburg aufgewachsen) doch vor allem in seiner Paraderolle als nölender Nörgler bekannt geworden, der so griesgrämig schauen kann wie kaum ein anderer. Dazu passt, dass er die Kunst des tagesaktuellen Politkabaretts beherrscht wie wenige. Seit langem ist er nicht nur einer der profiliertesten Jahresrückblicker, er macht im Karl-Valentin-Musäum seit Jahren sogar Monatsrückblicke.

Doch auch diese klassische Kabarettistenrolle greift beim Multifunktions-Kleinkünstler Paetz noch zu kurz. Ursprünglich war er ein "Folkie", wie er selbst sagt, einer aus der Liedermacher-Ecke. So gehört auch er zur Garde derer, die in den Siebzigerjahren auf den Liederbühnen wie dem KEKK oder dem Robinson groß wurden. Noch in dieser Zeit gewann er auch den Liedermacherpreis des hessischen Rundfunks. So hat die Musik früher nicht nur eine große Rolle in seinen Programmen gespielt, er schrieb zehn Jahre lang auch das Nockherberg-Singspiel (wo er auch Guido Westerwelle verkörperte) und veröffentlichte Song-Alben. 2002 war er Mitglied des schon damals neu gegründeten Lach-und-Schieß-Ensembles, schied allerdings schon ein Jahr später im Unfrieden.

Die vielen - um ihn selbst zu paraphrasieren - Gesichter des Paetz kann man nun in seinem neuen Solo-Programm "Ekstase in Würde" erleben. Wie kriegt man Höhepunkte hin, die im Rahmen bleiben, lautet da seine zentrale Frage - wo doch die Kombination "Deutsche Ekstase" ohnehin so unmöglich klingt wie "Schweizer Hochseefischer". Es ist freilich ein lockerer Rahmen, keine tragende Story wie etwa bei "Gott hatte Zeit genug" mit dem Mann, der einen Bankraub plant. So bleibt Raum für viele satirische Exkurse. Zum Beispiel zu Luther, dem Paetz mit allerlei frauenfeindlichen, gewaltverherrlichenden und antisemitischen Originalzitaten derart zu Leibe rückt, dass man sich fragt, was man da eigentlich ein Jahr lang gefeiert hat. Religion ist ohnehin ein gern genommenes Thema des Aufklärers Paetz , wie auch eine Gedankengang zur Beschneidung zeigen wird. Zu zimperlich darf man beim Live-Paetz nicht sein.

Holger Paetz: "Der Hausverlasser", Holger Paetz Verlag; "Ekstase in Würde", Mi. bis Sa., 8. bis 11. November, Theater im Fraunhofer, Fraunhoferstr. 9