K-Pop Als hätte Jeff Koons aus Dantes Höllentrichter eine Großraumdisko gebaut

Die K-Pop Band BTS bei einem Auftritt in den USA bei den Billboard Music Awards 2018.

(Foto: Rob Latour/REX)
  • Koreanische Popmusik ist in Asien omnipräsent, nun erobert der sogenannte K-Pop den Rest der Welt.
  • Musikalisch ist K-Pop ein Cocktail aus verschiedenen westlichen Genres, der mit einer Prise Geschmacksverstärker und sehr viel Sirup abgeschmeckt wird.
  • Doch hinter dem zwanglos anmutenden Entertainment, steckt ein menschenverachtendes Geschäft.
Von Kim Maurus und Jonas Lages

Bereits einen Monat bevor sich die Staatschefs aus Nord- und Südkorea umarmten, überquerte ein vierköpfiges Sonderkommando die Grenze am 38. Breitengrad. Codename: Roter Samt. Das Ziel: Pjöngjang. Die Mission: erfolgreich.

Der nordkoreanische Despot Kim Jong-un, so berichtete die nordkoreanische Nachrichtenagentur, war nach dem Treffen mit den vier Frauen aus dem Süden "tief bewegt". Er hatte einem Konzert der südkoreanischen Girlgroup Red Velvet beigewohnt. Sie spielten ihren Hit "Bad Boy", in dem eine junge Frau mit einem Macho flirtet. "Bad Boy down" singen die Mädchen, der Schurke ist erledigt. Drei Wochen später legte Nordkorea sein Atomprogramm auf Eis.

Herzen brechen, Familien auch

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Egal, ob man in Shanghai fernsieht, in Hongkong Kleidung kauft oder in Tokyo Kosmetik sucht: der Einfluss der koreanischen Popkultur ist in Asien omnipräsent. Hallyu, die sogenannte Koreanische Welle, schwappt seit der Jahrtausendwende mit freundlicher Unterstützung der südkoreanischen Regierung über den Kontinent. Und mittlerweile hat diese Welle ein globales Ausmaß angenommen. "Arab News" berichtet über saudische Teenager, die vom K-Pop-Fieber infiziert sind. In Lateinamerika treten regelmäßig koreanische Musiker auf. Und letzte Woche hat die Boyband BTS den Riesenmarkt USA erobert. Mit "Love Yourself: Tear" eroberte sie den ersten Platz der amerikanischen Albumcharts. Und die mehr als 3 0 000 Karten für die beiden Deutschlandkonzerte von BTS waren in neun Minuten ausverkauft.

Die Künstler leiden oft unter den Klauseln der Knebelverträge, die sie unterzeichnet haben

Musikalisch ist K-Pop ein Cocktail aus verschiedenen westlichen Genres - momentan dominieren Trap und Tropical House -, der mit einer Prise Geschmacksverstärker und sehr viel Sirup abgeschmeckt wird. Idealerweise hat sich ein Song schon nach vier Takten im Gehörgang festgekrallt und wartet im Refrain mit englischen Phrasen und universell verständlicher Onomatopoesie wie "Boombayah" oder "Bingle Bangle" auf. Es ist nicht unüblich, dass eine Gruppe Country, Reggae und House kombiniert - in einem Song wohlgemerkt.

Es herrscht fast immer der akustische Ausnahmezustand, aber damit ist im Grunde viel zu wenig gesagt, denn die Reizüberflutung namens K-Pop erreicht erst ihr rechtes Maß, wenn man sich die Musikvideos anschaut. Darin sieht man Menschen mit großen Augen, Stupsnasen und herzförmigen Gesichtern durch Parallelwelten in Neonfarben oder Pastelltönen tanzen. Im rechten Moment geben sich die Protagonisten besonders "aegyo", eine Spielart der Niedlichkeit, bei der man der Kamera kokett entgegen schmollt. Kurzum, das Ganze wirkt in etwa so, als hätte Jeff Koons aus Dantes Höllentrichter eine Großraumdisko gebaut.

K-Pop-Star zu werden ist der Traum koreanischer Kinder; die Branche verspricht Erfolg und Anerkennung, letzteres insbesondere von der eigenen Familie. Doch hinter dem zwanglos anmutenden Entertainment, das die Fans auf der Bühne zu sehen bekommen, steckt ein menschenverachtendes Geschäft. Im Alter von zwölf, dreizehn Jahren schleppen Eltern ihre Kinder zu den Castings der Agenturen, unter ihnen die drei größten Entertainment-Unternehmen YG, JYP und SM. Wer es schafft, sich getrennt von Familien und Freunden jahrelang einem Trainingsplan zu unterwerfen, der viele Stunden Arbeit und wenige Stunden Schlaf vorsieht, ist am Ende der Ausbildung zum makellos tanzenden und singenden Idol transformiert.

Gehorsamkeit zieht sich da ähnlich durch, wie noch zu Hochzeiten des koreanischen Neokonfuzianismus: Bestrafungen im Sinne von zusätzlichem Training und Demütigungen vor der Gruppe sind keine Seltenheit, Widerworte und Schwäche können das Aus der Karriere bedeuten.

In sogenannten "Sklavenverträgen" verpflichten sich die Bandmitglieder ihrer Agentur für mehrere Jahre. Immer wieder schaltet sich Koreas Fair Trade Commission ein, zuletzt 2017, woraufhin YG und JYP einige Klauseln aus ihren Verträgen streichen mussten. Darin waren Bußgelder in Höhe der dreifachen Investitionssumme in ein Idol festgelegt gewesen, sofern es seinen Vertrag vorzeitig beenden will. Zudem war den Bandmitgliedern verboten worden, nach Auslauf des Vertrags zu einer anderen Agentur zu wechseln.

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Das kollektive Ziel des Erfolgs gilt es kompromisslos zu verfolgen. Nicht jeder wird dabei den Ansprüchen gerecht. Ende 2017 beging Kim Jonghyun, der Leadsänger der Band SHINee, Selbstmord. In seinen Abschiedsnotizen entschuldigte er sich dafür, seiner Depression nicht gewachsen gewesen zu sein. Die Frage, warum Teenager die Schikanen der K-Pop-Industrie freiwillig über sich ergehen lassen, stellt sich unter Koreanern selten. Zu groß ist der Wunsch nach Ansehen.

Die Geschichte des K-Pops ist auch eine Erzählung der Selbstermächtigung

Die Schattenseiten dieser Industrie hält die globale Fangemeinde nicht davon ab, ihre Idole anzuhimmeln und damit das Geschäft am Laufen zu halten. Denn es macht ja Spaß in eine Welt zu entfliehen, die so sanft und süß wie ein Macaron ist. Und vielleicht ist neben der Perfektion, den Schauwerten und dem Eskapismus der Reiz gerade in Asien und Lateinamerika noch ein anderer. Die Geschichte des K-Pops ist auch eine Erzählung der Selbstermächtigung, des ökonomischen Aufstiegs, des Anspruchs auf Konsum und Weltgeltung - und zwar weder aus dem Westen noch aus dem kommunistischen China. Die Geschwindigkeit, in der sich Südkorea in den letzten Jahrzehnten zur Wirtschaftsnation entwickelte, prägt die Beschleunigungsästhetik jedes K-Pop-Songs.

Und es schadet sicher nicht, dass K-Pop der Logik der digitalen Welt folgt. Die Videos gleichen mit ihren Sinnesreizen der Aufmerksamkeitsökonomie von Instagram. Songs sind strukturiert, als würde man auf Spotify die Charts im Zufallsmodus durchklicken. Die Idole haben Gesichter, die auf das perfekte Selfie hin operiert sind. Die globale Verbreitung wäre ohne die Präsenz auf Youtube und Twitter undenkbar. 2017 wurde über BTS häufiger getwittert als über Donald Trump und Justin Bieber zusammen.

In diesem Jahr wurde innerhalb von 24 Stunden kein Video öfter gesehen als das zu BTS' Single "Fake Love", die im Gewand des momentan besonders erfolgreichen Emo-Raps gekleidet ist, bei dem der Beat zwar brettert, aber die Stimmung in Moll-Sphären schwebt. Doch vor allem sind BTS in der "Me Too"-Ära der komplette Gegenentwurf zur toxischen Männlichkeit, die zum Beispiel noch immer den US-Hip-Hop prägt. Dass BTS sich nun dessen musikalischer Signatur bedient, ohne sein Weltbild zu übernehmen und erfolgreich in das Ursprungsland reimportiert, ist die besondere Pointe. Anstelle von Waffen werden Kajalstifte geschwungen. Auf westliche Augen wirken die Jungs zart, androgyn, unschuldig. Im Video zu ihrem Liebessong "Euphoria" strahlen sie die Kamera schmachtend an und knuddeln auf einer Strandmauer.

Unsichtbar bleibt, dass diese schöne heile Welt das Ergebnis einer jahrelangen Dressur ist, ein Produkt des koreanischen Perfektionismus.

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