Jungstars im Kino Harry hat jetzt Hörner

Wie sollte ein Film sonst lauten, in dem Daniel Radcliffe Hörner trägt? "Horns".

(Foto: Metropolitan FilmExport)

Ex-Harry-Potter Daniel Radcliffe mimt einen teuflischen Gefährten, Ex-Hobbit Elijah Wood wachsen graue Haare: Wie ehemalige Kinderstars den Kater nach ihrem frühen Filmruhm kurieren.

Von David Steinitz

Zur Selbsttherapie nach einer Sozialisation im monströsen Hollywoodapparat drehen ehemalige Kinder- oder Teenie-Stars gerne coole Indie-Produktionen mit kleinem Budget und Hipster-Crew.

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Aktuell kann man drei besonders schräge Therapieerfolge bewundern: Ex-Harry Potter Daniel Radcliffe wachsen in der Horror-Travestie "Horns", nun ja, Hörner - und er muss damit zurechtkommen, dass er eventuell der Teufel ist. Ex-Hobbit Elijah Wood wiederum wachsen im Thriller "Open Windows" eher graue Haare: Er verliebt sich in eine Schauspielerin, gespielt von Ex-Pornostar Sasha Grey, und muss sie vor einem irren Stalker beschützen. Und bei Haley Joel Osment, dem Sohn von Tom Hanks in "Forrest Gump" und Gefährten von Bruce Willis in "The Sixth Sense", wächst die Schüchternheit: Er muss als High School-Lehrer in der Komödie "Sex Ed" seinen YouPorn-geschulten Schülern Aufklärungsunterricht geben - ist aber selbst noch Jungfrau.

Ein Film voller Chat-Fenster

Formal am spannendsten und inhaltlich am dämlichsten ist "Open Windows", der dieses Jahr bereits auf der Deutschland-Tour des Fantasy-Filmfests in ein paar Kinos zu sehen war. Der spanische Regisseur mit dem wunderbaren Künstlernamen Nacho Vigalondo erzählt seine trashige Geschichte um einen Internet-Nerd, der eine berühmte Schauspielerin beschützen muss, komplett in Chat-Fenstern. Das entbehrt zwar nach spätestens drei Filmminuten jeglicher Logik, weil trotz NSA nicht in jedem amerikanischen Hotelzimmer versteckte Kameras sind, in die man sich hacken kann. Aber der Look des Films ist schon faszinierend.

Señor Vigalondo inszeniert eine sehr hübsche Parodie jener Gleichzeitigkeit , die das Smartphone-Zeitalter als kategorischen Alltagsimperativ installiert hat: Irgendwann finden in den sich überlappenden Chat-Fenstern so viele Dinge parallel statt, dass man sich auf keines mehr wirklich konzentrieren kann. Weder auf den hackenden Elijah Wood noch auf die sich entkleidende Sasha Grey noch auf die etwas holprig ins Drehbuch geschriebenen Auto-Explosionen.

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Die kann man aber über dem pompösen Geweih von Daniel Radcliffe schnell wieder vergessen: Nachdem seiner hübschen, etwas hexenhaften Freundin in "Horns" der Schädel zertrümmert wurde, wachsen dem Halbstarken Ig plötzlich Hörner. Problem Nummer eins: Ig fürchtet, dass dies ein Zeichen dafür sein könnte, dass er an dem brutalen Mord beteiligt war, es aber verdrängt hat. Problem Nummer zwei: Wenn einem jungen Mann in einer gottesfürchtigen US-Kleinstadt Hörner wachsen, könnte man annehmen, dass das negatives Aufsehen erregt. Es kommt aber viel schlimmer: Zu Igs Verzweiflung sind die Kleinbürger allesamt froh, endlich einen teuflischen Gefährten zu haben, dem sie ihre perversesten Wünsche und Träume beichten können - und die sind wirklich sehr pervers.

Radcliffe, der seit der Potter-Ära eine fast schon unverschämt gute Balance zwischen der Fortsetzung seiner Hollywood-Karriere und ein paar hübschen, kleinen Indie-Produktionen gefunden hat, spielt den unfreiwilligen Beelzebub ganz raffiniert. Nie kann man sich sicher sein, ob er in diesem merkwürdigen Spiel der Gute oder der Böse ist.

Von der Grundschule auf den Roten Teppich

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Haley Joel Osment hingegen hat schon als Kinderschauspieler so viel Drama und Horror gedreht, dass er sich jetzt lustvoll in einer Komödie austobt. "Sex Ed" ist in der letzten Woche in einer Handvoll US-Kinos gestartet und, wie im US-Indie-Film derzeit oft praktiziert, gleichzeitig als Video on Demand.

Mediaplayer

Die Kolumne "Mediaplayer" erscheint jeden Montag im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung.

Die Geschichte des überforderten Junglehrers, der aufgrund von wilden Bananenexperimenten im Sexualkundeunterricht Ärger mit dem örtlichen Pfarrer bekommt, stammt von Bill Kennedy, der zum Autorenteam der Hitserie "House of Cards" gehört. Und Osment, der die vergangenen fünfzehn Jahre seit seinem letzten großen Auftritt als Kinderstar in Steven Spielbergs "A.I." vor allem mit der Synchronisation von Trickfilmen und Computerspielen verbracht hat, entpuppt sich als sehr talentierter Komödiant, der das Tragen von Hawaiihemden zur Performance ausweitet.

Alle drei Filme sind als Video on Demand im amerikanischen iTunes-Store erhältlich. "Horns" und "Open Windows" gibt es als Stream und Download bei Amazon USA, wo Letzterer auch als DVD angeboten wird.