Jungautorin Hegemann inszeniert ihre erste Oper "I make hits motherfucker"

Die Schriftstellerin Helene Hegemann, aufgenommen auf der 65. Frankfurter Buchmesse im Oktober 2013.

Mit einem krakeelenden Untertitel feiert Helene Hegemann die Premiere ihres Opern-Erstlingswerks "Musik". Der Popstar der jungen Literatur hat in Köln ein poetisches Pop-Spektakel frei nach Frank Wedekinds Sittenstück inszeniert und dafür auch den Text geschrieben.

Von Michael Struck-Schloen

Musik! Musik! Was habe ich um deinetwillen auf Gottes Welt schon ausgestanden!" Der Ausruf der geschundenen Klara Hühnerwadel aus Frank Wedekinds dramatischem Sittenbild "Musik" ging schon manchem Rezensenten von den Lippen, der wieder einer zeitgenössischen Bemühung um die Renovierung der Gattung Oper beiwohnte. Dass Helene Hegemann, der Popstar unter den superjungen Autorinnen, diesen Satz nicht in ihr erstes Opernlibretto frei nach Wedekind genommen hat, ließ hoffen. Und wirklich: Dem Abend "Musik" - mit dem punkig krakeelenden Untertitel "I Make Hits Motherfucker" - fehlt die augenzwinkernde Selbstbespiegelung des Genres ebenso wie das Blutsaugen an Wedekinds Renommee. "Musik" ist, selbst in seinen anfängerhaft unausgegorenen und langatmigen Passagen, ein wunderbar unbescheidenes, jugendfrisches und poetisches Spektakel, das die Oper zwar nicht reformiert, aber das Gesamtkunstwerk ins Leben holt.

Was man nicht von jedem Projekt behaupten kann, das vom "Fonds Experimentelles Musiktheater" beim NRW Kultursekretariat in Wuppertal gefördert wurde. Die Dauerbaustelle Musiktheater will der Fonds mit neuen Ideen versorgen, indem er auf der Zusammenarbeit zwischen Text, Dramaturgie, Musik und Bühne schon im Keim jedes Werks besteht. Das konnte den verblasenen Kunstanspruch mancher Produktionen nicht verhindern, wohl aber die ästhetische Selbstherrlichkeit der Beteiligten: Wo jeder jedem reinreden kann, wird der Alleingang einer Kunstsparte weniger wahrscheinlich. Der Effekt ist an "Musik" erkennbar: Aus der Summe der Teile entsteht ein überraschendes Neues.

Hegemann, bei der Uraufführung im Kölner "Palladium" auch für die Regie zuständig, hat Wedekinds Stück weniger als Vorlage denn als Steinbruch behandelt. Im Theaterstück, das erstmals 1908 in Nürnberg gegeben wurde, reist die geistig eher schlichte Klara aus der Schweiz in eine deutsche Großstadt, um sich im Wagner-Gesang ausbilden zu lassen. Im Laufe des "Privatunterrichts" wird sie von ihrem Gesangslehrer zweimal schwanger, lässt das eine Kind abtreiben, erlebt den Tod des zweiten mit und endet im Wahnsinn - ein völlig überhitzter Plot, in dem die titelgebende Musik nur eine ironische Metapher für die Spanne zwischen hehren (Kunst-)Idealen und der deprimierenden Wirklichkeit ist.

Das alles interessiert die Librettistin nicht mehr als Gesellschaftsanalyse, sondern nur noch als Reservoir von Motiven, die sie nach Belieben in ihre eigene Geschichte einfügt. Hegemanns Sprache besitzt die harten Konturen aus ihren Romanen, die verzweifelte Lyrik am Rande des Lächerlichen, das derbe Alltagsdeutsch; das Englische, das oft wie verkappte Songtexte klingt, steht für den Traum von der Überwindung der Verhältnisse. Erzählt wird von einer Klara, die Musik so sehr liebt, dass sie in ihr aufgehen will: als Popstar, der sich in der ersten Szene hinterm Mikrofon spreizt und rekelt wie Madonna.

Wunderbar unbescheiden und jugendfrisch holt Hegemann das Gesamtkunstwerk ins Leben

Für dieses Ziel lässt sie sich von ihrem Gesangslehrer (Henryk Böhm als baritonal potenter Spießer) vernaschen, von seiner Frau umschwänzeln - eine Paraderolle für Judith Rosmair, die alle Klischees von der verwöhnten bisexuellen Großstadtzicke virtuos ausspielt. Zweimal platzt die unwahre Gefühlsblase dieser Menage à trois: Zuerst landet Klara in der Klapsmühle, beim zweiten Mal kann sie sich losreißen und bricht im Bus der Städtischen Verkehrsbetriebe in eine neue Freiheit auf. Während aus dem Off ein melancholischer Song erklingt, sieht man im Schwarz-Weiß-Film das schöne und entschlossene Gesicht der Sängerin Gloria Rehm, bereit für die große Selbständigkeit.

Die Schlussszene der zweistündigen Uraufführung zeigt vor allem eines: In "Musik" verfällt die Oper dem Kino. Kathrin Krottenthaler hat melancholische Landschaften und Highways am Abend gefilmt, dann wieder beobachtet sie die Darsteller beim Rollenspiel, wenn sie sich bemalen, küssen oder Gesichter ausprobieren wie auf Andy Warhols Polaroids. Wenn das Licht auf der Bühne (Janine Audick) verglimmt, sieht man schlafende Leiber und Mordszenen, psychedelische Muster und Operationen am offenen Herzen, raffiniert geschnitten und irgendwie immer etwas traurig.

Dazu lässt das kräftig besetzte Gürzenich-Orchester mit dem Dirigenten Walter Kobéra die Musik pulsieren, wie man es von John Adams oder Philip Glass kennt. Es ist ein meist weiches Klangbett, das der Komponist Michael Langemann hier ausbreitet und das der Handlung oft einiges von ihrer Schärfe und Nähe nimmt. Pop-Songs, Salonstücke, auch Wagner-Anklänge (Tristan!) mischen sich hinein; für Gloria Rehm sind heikle (und großartig gesungene) Koloraturarien vorgesehen. Der konventionelle Operngesang aber bleibt durchweg ein Fremdkörper. Es ist eine Musik, die sich unterordnet und anschmiegt an die übrigen Theaterelemente - an diesem Abend im melancholischen Kölner Nordosten.