Jugendroman Wir sind Kometen

Julya Rabinowich erzählt die Geschichte einer syrischen Jugendlichen, die mit ihrer Familie in einer Flüchtlingsunterkunft in Wien lebt. Das Leben ist schwierig in dieser familiären Enge, doch das Mädchen behauptet sich.

Von Antje Weber

Das Warten ist schlimm. "Dieses Warten ist so schwerelos wie Gegenstände im Weltraum. Kein Boden. Kein Oben, kein Unten", schreibt die 15-jährige Madina in ihr Tagebuch in der Flüchtlingsunterkunft, in der sie mit ihrer Familie in einem viel zu engen Zimmer lebt. Und sie hat es ja noch gut: Während die Erwachsenen nur um sich kreisen, kommen die Kinder wenigstens raus: "Wir sind Kometen, die zwischen Schule und Kindergarten und dem großen Warten hin- und herziehen. Das hilft."

In ihrem klugen Mädchenroman "Dazwischen: Ich" erzählt Julya Rabinowich vom schwierigen Anfang in einem neuen Land, nach dem schwierigen Ende in einem anderen Land. Die Wiener Schriftstellerin kennt sich mit solchen Übergängen aus - sie emigrierte einst selbst als Kind aus St. Petersburg, hat unter anderem auch als Dolmetscherin für Kriegs- und Folterüberlebende Einblicke gewonnen. Einfühlsam versetzt sie sich in ihre Tagebuchschreiberin hinein und lässt sie in jugendgerechter und doch feiner Sprache erzählen. Manches davon mag, bei allem Schrecken, erwartbar scheinen: Erinnerungen an traumatisierende Kriegserlebnisse, harte Fluchtbedingungen, bis hin zu abweisenden neuen Schulkameradinnen, die im Vorbeigehen laut sagen: "Die stinkt." Das besondere aber ist, wie die Veränderungen - im Verhalten der Figuren, aber vor allem in der Wahrnehmung der Ich-Erzählerin und somit der Leser dargestellt sind: Erwartungen werden getäuscht, Vorurteile konterkariert.

Verkleidungsspiele: Darth Vader kommt wohl auch in diesem Jahr wieder zur Buchmesse. Blutelfen mit blauem Haar werden ebenfalls erwartet, Sailor-Moon- Bunnys und andere Manga-Mädchen. Seit mittlerweile zehn Jahren findet auf der Frankfurter Buchmesse das Finale der Deutschen Cosplaymeisterschaft statt. Cosplay kommt ursprünglich aus Japan, ist seit dem Manga-Boom im Westen aber auch hierzulande beliebt. Dabei stellen die Teilnehmer eine Figur aus Manga, Anime, Comic, Film oder Computerspiel möglichst originalgetreu dar.

Den Frauen wiederum fällt der Schritt zum eigenständigen Handeln schwer

Denn es gibt keine einfachen Lösungen, das wird nicht nur Madina im Laufe der Zeit klar. Selbst wenn man wie sie das Glück hat, eine gute Freundin in der Schule zu finden: Missverständnisse und Probleme bleiben nicht aus. Das hat mit kulturellen Unterschieden zu tun, mit der Scham über die eigene Armut, aber auch mit den ganz normalen Themen, die eine Fünfzehnjährige umtreiben: Madina muss ihren sich entwickelnden Körper kennenlernen, muss ihre ersten Gefühle für einen Jungen einordnen. Und das alles in einer Ausnahmesituation, in der die Positionen in der Familie fest gefügt zu sein scheinen: Da ist der aufbrausende Vater, die schweigende Mutter, die boshafte Tante und der siebenjährige Bruder, der alles darf - er soll seine ältere Schwester schließlich sogar überwachen.

Das große Verdienst von Rabinowich ist, dass sie vereinfachende Zuschreibungen und Rollenklischees hinterfragt - beziehungsweise zeigt, wie sie sich langsam auflösen. Der Vater zum Beispiel, den man als strengen Macho verurteilen kann, wird auch als Opfer der Tradition dargestellt. Den Frauen wiederum fällt der Schritt zum eigenständigen Handeln schwer. Hier kommt Madina ins Spiel: Die Jugendliche hat die Wartezeit genutzt und mehr gelernt als nur eine neue Sprache. Sie träumt von einer besseren Zukunft und tut alles, um sie zu erreichen: Dieser Komet will nicht zu früh verglühen. (ab 13 Jahre und Erwachsene.)

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Julya Rabinowich: Dazwischen: Ich. Carl Hanser Verlag, München 2016. 256 Seiten, 15 Euro.