Jugendliteratur Drängende Fragen

Die Bücherschau im Münchner Gasteig macht deutlich, dass sich Jugendliche wieder mehr für politische Themen interessieren. Diskussionsstoff gibt es gerade genug

Von Barbara Hordych

Seit zwei oder drei Jahren ist es deutlich spürbar: "Das politische Jugendbuch hat sich wieder seinen Platz unter den Bestsellern erkämpft", sagt Katrin Rüger. Vier Jahre lang war die Inhaberin des "Buchpalast" in Haidhausen Jurorin beim Deutschen Jugendliteraturpreis, im Anschluss amtierte ihr Leseclub, die "Bücherfresser", ebenfalls vier Jahre lang als Jugendjury beim Deutschen Jugendliteraturpreis. Sie hat also genau im Blick, was über ihre Ladentheke wandert, und über welche Themen die Zwölf- bis 19-Jährigen debattieren. "Nachdem in den vergangenen zehn bis 15 Jahren die Fantasy-Literatur dominierte, die Verlage immer neue Titel in diesem Genre nachlegten, ist seit 2015 eine Zäsur feststellbar", sagt Rüger.

Während die Helden in der Fantasy-Literatur mit magischen oder Superheldenkräften ausgestattet seien, verfügten die Protagonisten im politischen Jugendbuch vor allem über eines: Intelligenz. Mit Grips und wacher Sensibilität suchten sie nach ihrem eigenen Weg in der komplexen Realität, die ihnen in Form von populistischen Parteiprogrammen, Klimawandel, Flüchtlings- und Umweltkatastrophen "sozusagen vor die Füße fällt". In welcher Welt werde ich leben? Wie funktioniert Opposition? Wie hält man in Herrschaftsstrukturen stand? Das sind die Fragen, die den jungen Leser stark bewegen", sagt Rüger.

"Meine Veranstaltungen für Jugendliche sind eigentlich keine Lesungen, sondern eher Diskussionen", meint denn auch der Journalist und Jugendbuch-Autor Martin Schäuble. Bereits vor 15 Jahren recherchierte er als Journalist erstmals in rechten Milieus. Später studierte er in Berlin, Israel und in den Palästinensergebieten Politikwissenschaften und promovierte über zwei junge Dschihadisten. In seinem Buch "Black Box Dschihad" schildert er die konträren Lebenswege zweier "Gotteskrieger" aus dem Sauerland und aus den Palästinensergebieten. Bei der Münchner Bücherschau wird Schäuble nun seinen 2017 bei Hanser erschienenen Roman "Endland" vorstellen. Der beruht auf einem Gedankenspiel: Wie sähe es in Deutschland aus, wenn eine nationale, völkisch gesinnte Partei an die Macht käme?

Martin Schäuble hat vor allem das Kleingedruckte des Wahlprogrammes der Alternative für Deutschland (AfD) genau studiert und lässt die Vorschläge und Einschätzungen dieser Partei Wirklichkeit werden. "Ich habe nur Punkte, die bei der AfD im Wahlprogramm stehen, in die Realität umgesetzt, mit Ausnahme der Mauer", sagt Schäuble. Genau diese gilt es zu bewachen in einem zukünftigen Deutschland, in dem die "Nationale Alternative" an die Macht gelangt ist. Als eines Nachts die Wärmebildkamera anschlägt, weil die mittlerweile als "Invasoren" bezeichneten Flüchtlinge versuchen, nach Deutschland zu kommen, sollen die Jungsoldaten Anton und Noah sie aufspüren - und schießen. Während Anton zunächst systemkonform denkt und lebt, deswegen sogar mit einem perfiden Attentat beauftragt wird, haben die Ereignisse seinen besten Freund Noah schon längst in den Widerstand getrieben.

Groß sei das Bedürfnis seiner jungen Zuhörer, zu erfahren, wie er recherchiert habe. Also bringe er Fotos mit, erzähle von seinen Erlebnissen bei Wahlkampfveranstaltungen der AfD und von seinen Aufenthalten in Addis Abeba. Dort habe er auch heimlich ein Krankenhaus besichtigen können. "Offiziell gibt es da keine unterernährten Kinder, aber ich war auf der Station, wo es die natürlich doch gibt. Die Krankenschwestern und die Eltern hatten auch ein Interesse daran, mir die betroffenen Kinder zu zeigen", sagt Schäuble. Es sind Erfahrungen, die in seinem Buch auch die junge Fana macht, die gerne Medizin studieren möchte. Stattdessen verpflichten sie ihre Eltern, das wenige Geld, das sie verdient, abzugeben. Bewusst habe er Fana "nur" als Wirtschaftsflüchtling angelegt, die vor der Perspektivlosigkeit und der Dürreperiode aus Äthiopien flieht. Sie hat keinen Kriegshintergrund. Aber wegen des Klimawandels, den es laut AfD gar nicht gibt, fällt im Buch eine ganze Regenzeit aus. Millionen Menschen haben nichts zu essen. "Letztlich ist es für die Betroffenen egal, ob sie als Opfer in einem Folterkeller sterben oder verhungern", sagt Martin Schäuble.

Ähnlich wie Schäubles Protagonist Anton hält auch der 17-jährige Robin in Christian Linkers Jugendroman "Der Schuss" sich selbst für unpolitisch. "Aus allem raushalten" lautet sein Lebensmotto. "Natürlich ist es etwas gewagt, wenn man eine Hauptfigur wählt, die so wenig denjenigen ähnelt, die das Buch lesen", sagt der Theologe und Jugendpolitiker Linker über seinen Roman, den er bei der Bücherschau vorstellen wird. Denn Robin sei alles andere als "bildungsnah", habe die Schule abgebrochen und dazu keinerlei Idee, was er mit seinem Leben anfangen soll. Die alleinerziehende Mutter ist auf Kur, so dass Robin und seine jüngere Schwester Mel in der tristen Hochhaussiedlung komplett auf sich alleine gestellt sind. Doch dann wird Robin Zeuge eines Mords, den zwei Anhänger der rechtsgerichteten "Deutschen Alternativen Partei" an einem ihrer eigenen Leute begehen. Der "Abtrünnige" hatte vor, einem Journalisten belastendes Informationsmaterial zu verkaufen. Robin merkt auf einmal, dass er sich nicht mehr länger raushalten kann aus allem. Er muss sich entscheiden, ob er den Film, der einen Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft dokumentiert, dem aufstrebenden Politiker Fred von der "Deutschen Alternative" übergibt. Oder ob er ihn einem Journalisten und seiner Mitarbeiterin aushändigt - und damit möglicherweise selbst zur Zielscheibe der Rechten wird.

In seinem multiperspektivisch erzählten Roman nimmt auch der 19-jährige Fred, die demagogische Galionsfigur der "Deutschen Alternative", einige Kapitel ein. "Ich war selbst darüber erschrocken, als ich merkte, wie leicht mir das fiel, in seine Haut zu schlüpfen und seine Gedanken zu schildern", gibt Linker zu. Aber das seien eben die "dunklen Seiten, die wir alle in uns tragen, das ergeht Krimiautoren, die Verbrecher schildern müssen, genauso". Auch wenn die Situation sich für Robin letztendlich positiv auflöst, bleibt Fred auch nach seinem Tod ein Problem. Nicht nur, weil er innerhalb der Romanwelt zum Märtyrer und Mythos für die jungen Rechten wird. Sondern auch für die Leser. "Das Ende empfinden viele Jugendliche als Schlag in die Magengrube. Sie fragen mich in empörten Mails, warum das so ist und wie das weitergehen solle", sagt Linker.

Er verstehe diese Empörung. Letztlich freue er sich aber darüber. Denn genau deswegen schreibe er Bücher. Wie auch schon in seinem Vorgänger-Buch "Dschihad Calling", das die fiktive Geschichte einer Radikalisierung erzählt, stelle er literarisch Fragen, die ihn selber beschäftigten. "Früher hieß es in der Schule immer: Was wollte der Autor uns damit sagen? Ich würde das abändern in: Was wollte der Autor uns damit fragen?", sagt Christian Linker.

Christian Linker: Der Schuss, Donnerstag, 23. Nov., 9 und 11 Uhr; Martin Schäuble: Endland, Sonntag, 26. Nov., 16.30 Uhr, Gasteig, Rosenheimer Str. 5