Jürgen Kuttner "Das Beste ist, sich selbst ignorieren zu können."

Der Regisseur Jürgen Kuttner über seine brachial-adornitische Diskursrevue "Das Chamäleon: Wer ,Ich' sagt, lügt schonmal" im Marstall des Residenztheaters

Interview von Egbert Tholl

Jürgen Kuttner hat inzwischen schon einige Regiearbeiten am Residenztheater abgeliefert. In München bekannt wurde er zuvor durch seine Videoschnipselabende an den Kammerspielen. Am Dienstag hat, nach krankheitsbedingter Verzögerung, sein neuester Streich im Marstall Premiere: "Das Chamäleon: Wer ,Ich' sagt, lügt schonmal" - eine Diskursrevue.

SZ: Herr Kuttner, wie geht es Ihrem Ich?

Jürgen Kuttner: Ich habe den Vorteil, dass ich mich nicht allzu sehr darum kümmere. Dann hat man weniger Sorgen. Ich bin nicht so ein Selbstbeschäftler. Ich vergesse mich, lebe so in den Tag hinein, das ist super. Wenn das Ich sich erst einmal zu Wort meldet, dann hat man Probleme, dann fängt man an, sich auf die Couch zu legen, überlegt, hat man das richtig, das falsch gemacht. Das Beste ist, sich selbst ignorieren zu können.

Aber nun müssen Sie sich doch damit beschäftigen.

Aber nur repräsentativ. Ich lasse das doch nicht an mich heran. Man kann ja über Psychoanalyse reflektieren, ohne selbst auf der Suche nach dem Über-Ich und dem Es zu sein. Außerdem bin ich ein guter Vergesser, das ist manchmal ein Vorteil, manchmal ein Nachteil. Manchmal sage ich tolle Sachen, da merke ich im Sagen, das ist super, das kannste noch zehn Mal sagen - und schon habe ich's vergessen. Das hat aber den Vorteil, dass jeder Tag für mich eine Entdeckungsreise ist.

Deswegen zeigten Sie in den Kammerspielen zwanzig Mal das Beuys-Video: Weil Sie stets vergessen hatten, dass Sie es bereits gezeigt hatten?

Nee, Beuys ist für mich der Schrecken. Den habe ich insgesamt wahrscheinlich 400, 500 Mal angesagt. Und es gruselt mich davor, immer wieder dasselbe zu erzählen. Ich höre mir ja selber zu. Deswegen könnte ich kein Kabarettist sein, wo man ein fertiges Programm hat und weiß, wann die Pointe kommt. Wenn ich mich nicht selbst überraschen kann, würde mir so gähnend langweilig, da würde ich auf der Bühne einschlafen. Oder tot umfallen. Ich brauche schon die Spannung, immer etwas auszuprobieren. Im Grunde ist es mit dem "Chamäleon" dasselbe.

Jürgen Kuttner hat nicht nur an archäologischen Grabungen teilgenommen, sondern seinen Adorno drauf. Das prädestiniert ihn zur Erforschung des Ichs.

(Foto: Konrad Fersterer)

Mit dem überraschen Sie sich selbst?

Ich weiß nicht, was das wird. Da gab es eine Grundidee, eben: Wer "Ich" sagt, lügt schonmal. "Ich" ist ja eine kühne Behauptung. Wer sich seiner selbst so sicher ist, dem würde ich erst einmal gleich misstrauen. Im Prinzip kommt der Titel ja von Adorno, aus den "Minima moralia" - im Original ist der Satz etwas differenzierter. Bei uns wird das eher ein brachial-adornitischer Abend.

Geht es jetzt eher um die postmoderne Idee, dass ein konsistentes Ich verschwunden sei . . .

Nee, es geht um den Umgang mit diesem Ich, ob es ein Bewusstsein dafür gibt. Da spielt ja so viel rein, Opportunismus ist drin, Hochstapelei, Angebertum, der Wunsch, ein anderer zu sein, als man eigentlich ist. Wir versuchen jetzt ein Gespräch auf einer gewissen Höhe. Ich glaub' eher nicht, dass der Abend diese Höhe überhaupt erreichen wird. Aber es ist ein Anlass, bestimmte Sachen mal wieder auszuprobieren. Es ist ja ein reduzierter Abend, zu einer Show gehören eigentlich eine Showtreppe, eine Show-Band, Glamour-Girls. Wir haben drei Schauspieler, und die Musik kommt vom Band. Das ist ja auch eine Ich-Behauptung.

Aber Ihr habt doch ein Glamour-Girl dabei, Genija Rykova.

Aber der Traum ist doch eigentlich, man geht so schön eine Showtreppe runter, links drei große, langbeinige Frauen, rechts drei große, langbeinige Frauen, mit Straußenfedern und allem. Was machst du nur mit Genija Rykova? Da kriegste ja nicht mal Symmetrie hin. Die ist entweder rechts von mir oder links von mir. Und jetzt mal bei aller Achtung vor den Kollegen: Arthur Klemt oder Gunther Eckes sind doch kein Ersatz für eine zweite langbeinige Blondine.

Genija Rykowa taugte erst im symmetrischen Doppel als vollwertige glamouröse Show-Garnierung, findet Kuttner.

(Foto: Konrad Fersterer)

Das heißt, das Ganze wird gar nicht so verhirnt?

Nee, ich hasse Diskurstheater. Ich finde, das Ernste muss immer als Quatsch erzählt werden. Und umgekehrt.

Der Titel klingt nach René Pollesch.

Nee, der stammt von mir. Also halt schlecht erinnerter Adorno, das passiert ja öfter bei mir. Wenn du wissen willst, wo genau bei Adorno "wer ,Ich' sagt, lügt" steht und du das googelst, dann sind vielleicht die ersten zehn Treffer Kuttner. Aber, im Ernst: Jede Diskursbehauptung wäre totale Angeberei. Es wird nicht verhirnter sein als ein Videoschnipselabend.

Ja, das kann man jetzt so oder so sehen. Diese Abende konnten ja sehr wohl etwas intellektuell Hinterfotziges haben.

Ich hoffe natürlich, dass sich das bei diesem Abend auch so einstellen könnte. Aber wir lesen keine Lacan-Texte.

Und kündet nicht von der Auflösung des Ichs im Zeitalter der digitalen Kommunikation.

Nee, nee, nee. Ich hab da drei richtig grundsolide Identitätstiere auf der Bühne, die sich auch wirklich darüber beklagen, über diese ganze digitale Scheiße, Identitätsdiebstahl, Twitter-Account-geknackt. Nee, das sind ganz solide Handwerker der Identitätsbehauptung. So richtig analog. Nicht Identität to go, Identität 24, ne, keine Identität in der Cloud.

Sie sind sicher selbst total oft bei Facebook?

Wenn ich halt mal Werbung für mich machen muss.

Aha!

Manchmal sind es halt drei Meldungen in der Woche, und dann wieder ein halbes Jahr gar nichts.

Schläft dann Ihr Ich?

Nee, dann geht's ihm gut.

Das Chamäleon: Wer ,Ich' sagt, lügt schonmal; Premiere am Dienstag, 19. Januar, 19.30 Uhr, Marstall des Residenztheaters, Marstallplatz 5