Juden und Muslime in Frankreich Fromme Fluchten

Frankreichs Juden, einst Kern der Zivilgesellschaft, fühlen sich im Stich gelassen: Ein Soldat patrouilliert vor einer jüdischen Schule in Paris.

(Foto: Jeff J. Mitchell/Getty Images)

In Frankreich lebten Juden und Muslime lange Zeit so eng zusammen wie kaum sonst in Europa. Aber diese Zeiten sind vorbei - und der Hass wächst.

Von Danny Leder, Paris

Am vergangenen Wochenende erlebte Frankreich zweierlei: die wohl größten Demonstrationen der Neuzeit und die Bestätigung, dass ein Riss durch die Gesellschaft geht: Die muslimische Bevölkerung blieb den Willenskundgebungen gegen den Terror meistens fern.

Das heißt nicht, dass sich keine Muslime unter den Demonstranten befanden. Die islamischen Würdenträger hatten zur Teilnahme aufgerufen. Und zahllose Personen aus muslimischen Familien waren von Anfang an bei den Trauerkundgebungen aktiv. Aber die meisten davon waren Muslime von der Art, wie ich Jude bin, in die Jahre gekommene Atheisten mit Linksdrall.

Ich wohne in Paris, aber mein Viertel im volkstümlichen Nordosten der Stadt hat so ziemlich alles zu bieten, darunter etliche "Cités", ein Begriff, der sowohl die Sozialwohnbauten als auch ihre überwiegend franko-arabischen und franko-afrikanischen Mieter umfasst.

Weil es früher nur wenige Halal-Restaurants gab, besuchten die Muslime koschere Gaststätten

Am Sonntag also strömten die Familien der weißen Mittelschicht zu den Kundgebungen. Nur Leute aus den Sozialbauten waren kaum darunter. Dabei demonstrieren junge Franko-Araber und Franko-Afrikaner ebenso gern wie ihre übrigen Altersgenossen. Bei Schülerstreiks sind sie immer dabei. Aber ausgerechnet diesmal, wo wir sie besonders gern gesehen hätten, ließen sie uns hängen.

Dazu kamen unangenehme Meldungen: dass in einigen Cités Jugendliche Polizeistreifen mit dem Victory-Zeichen empfingen - auch in der Nähe des jüdischen Supermarkts, wo vier Kunden erschossen worden waren. Sie riefen den Beamten Drohungen zu wie etwa "Ihr kommt als Nächstes dran".

Zusammenbringen müssen, was nicht zusammen geht

Nicht nur nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo", sondern nach jedem Anschlag von Dschihadisten, wird von Muslimen in Europa verlangt, dass sie sich vom Terror distanzieren. Aber wie sehr sie sich auch zum Rechtsstaat bekennen - sie gelten stets als illoyal. Warum der Dialog im Moment so vergiftet ist wie nie. Von Sonja Zekri mehr ... Analyse

Eine Stufe milder erschien da die Haltung der Schüler, die die Schweigeminuten in ihren Klassen mit Pfiffen störten. Wahlweise behaupteten sie, hinter den Anschlägen stünde "ein von Israel gesteuertes Komplott" oder, es habe gar keine Todesopfer im jüdischen Supermarkt gegeben, "sonst hätte man die Leichen im TV gesehen". Einige Schüler lehnten die Schweigeminute mit der Begründung ab, Charlie Hebdo habe sich mit den Mohammed-Karikaturen eine solche "Bestrafung" selber zuzuschreiben.

Muslime erleben Kränkungen und Diskriminierung bei der Jobsuche

Nur wenige gingen so weit, und das ist ein Trost. Dass viele muslimische Jugendliche die Mohammed-Karikaturen nicht verwinden konnten, kann ich verstehen. Sie empfanden sie als eine weitere Kränkung ihrer Gemeinschaft - vor allem in Verbindung mit der allgemeinen Diskriminierung, etwa bei der Jobsuche. Und weil sie das Engagement von Charlie Hebdo gegen Diskriminierungen nicht wahrnehmen.

Es gab auch die Klage von muslimischen Jugendlichen, man würde mit zweierlei Maß messen, schließlich versuche die Staatsführung dem franko-kamerunischen Kabarettisten Dieudonné M'bala M'bala einen Riegel vorzuschieben. Am Mittwoch wurde er vorübergehend in Polizeigewahrsam genommen, später wieder freigelassen, aber es wurde ein Verfahren wegen "Verherrlichung des Terrorismus" eingeleitet.

Der Vergleich hinkt freilich: Charlie Hebdo ist ein linkes Pazifistenblatt, das sich gegen jeden Rassismus erhob, während Dieudonné in seinen stets ausverkauften Auftritten den Holocaust leugnet und mit aggressiven Andeutungen eine potenziell tödliche Hetze gegen Juden betreibt. Am Tag des Pariser Marsches schrieb Dieudonné auf seiner Facebook-Seite, er verstehe sich als "Charlie-Coulibaly" - der Name des Judenmörders im Supermarkt.

Seit dem Jahr 2000, unter dem Eindruck, besser gesagt dem Vorwand der zweiten palästinensischen Intifada sind Übergriffe gegen Juden stetig angewachsen. Was sich im übrigen Europa im letzten Sommer bei Protesten gegen den Krieg in Gaza äußerte, ist in Frankreich längst ein chronisches Phänomen, das mancherorts eine Vertreibung in Gang gebracht hat.