Jonathan Franzen: Freiheit Mustermann, geh' du voran

Eine Dreiecksgeschichte, eine Vergewaltigung: Zehn Jahre nach den "Korrekturen" erzählt Jonathan Franzen mit einem Familienroman vom Verhältnis des liberalen Amerika zur Gewalt.

Von Lothar Müller

Was ist die härteste Herausforderung für den Familienroman? Nicht, dass eine Ehe zugrundegeht, der Stammsitz der Familie aufgegeben werden muss und die miteinander zerstrittenen Kinder sich in Spiralen des Unglücks verfangen. Davon kann das leidgeprüfte Genre gut leben. Die härteste Herausforderung eines Familienromans ist, wenn seine Figuren beschließen, sich nicht mehr fortzupflanzen, keine Familien mehr zu gründen, also den Stoff zu vernichten, von dem er lebt. Eben dies ist die Obsession des Vogelschützers Walter Berglund in Jonathan Franzens neuem Roman Freiheit.

Schon als Jugendlicher hat er die Berichte des "Club of Rome" gelesen, als Anwalt von Nachhaltigkeit und Ressourcenschutz hat er Karriere gemacht, durch eine Affäre mit der Kohleindustrie an Ansehen verloren, nun will er dem Erzübel, das den Planeten bedroht, der energiekonsumierenden, landschaftszersiedelnden, sich rücksichtslos ausbreitenden Gattung Mensch mit einer Anti-Zeugungs-Kampagne entgegentreten. Es versteht sich, dass der Autor eines Familienromans seiner Figur dabei nicht einfach zusehen kann. Er muss ihr ins Handwerk pfuschen. Und das tut er auch. Aber dazu später mehr.

Als Jonathan Franzen im Herbst 2001 seinen Roman Die Korrekturen veröffentlichte und rasch zu einem Star der amerikanischen Literaturszene aufstieg, war darin die Vaterfigur ein Eisenbahningenieur. Er versank in seiner Alzheimer-Erkrankung, aber er war eine Figur der Erinnerung an die räumliche Selbsterschließung Amerikas im 19. Jahrhundert. Jetzt, fast ein Jahrzehnt nach den Korrekturen, legt Franzen dem Publikum wieder einen Roman vor, in dessen Mittelpunkt die Geschichte einer Familie steht. Und er hat ihm einen Titel gegeben, der eine Verfassungsnorm zitiert und keinen Zweifel daran lässt, dass hier zugleich die politische Geschichte der Nation erzählt werden soll.

Kurz vor den Terroranschlägen des 11. September waren die Korrekturen erschienen. Es folgte ein Jahrzehnt, in dem die Neocons die radikale Freiheit des Marktes propagierten und im Irakkrieg die Operation "Enduring Freedom" aus der Taufe gehoben wurde - und in dem das liberale Amerika in eine tiefe Krise geriet. Jonathan Franzen hat diese zeithistorische Konstellation tief in seinen Roman eingelassen. Er erzählt die Geschichte des drohenden Selbstverlusts einer liberalen Familie in der Bush-Ära.

Walter Berglund entstammt väterlicherseits einer skandinavischen Einwandererfamilie, die es nicht recht zu etwas gebracht hat, und mütterlicherseits dem Kulturmilieu der Twin Cities St. Paul und Minneapolis. Er wird aus Opposition zu seinem misanthropischen Vater zu einem Ausbund an Fürsorge im Umgang mit Mensch und Natur und schafft es trotz seiner Schüchternheit, Patty zu erobern, die Tochter eines jüdischen Anwalts aus New York, dessen Frau eine Karriere bei den Demokraten macht. Auch Patty steht in Opposition zu ihrer Herkunftsfamilie, verweigert die Bildungs- und Kunstansprüche ihrer Eltern und Geschwister und lebt als Star im College-Basketballteam vom Geist unerbittlicher Konkurrenz.