John Cage zum 100. Für Überrumpelungen immer gut

Er gilt als einer der einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts, dabei war John Cage kein Kompositionstechniker, sondern vielmehr ein Utopist des Loslassens. An seinem 100. Geburtstag wird der 1992 gestorbene Schönberg-Schüler und verstörende Avantgardist wie ein Guru verehrt.

Von Wolfgang Schreiber

John Cage, den Künstler und Weisheitslehrer, leibhaftig anzutreffen in den Musikstädten und Avantgardezirkeln Europas war in den Siebziger- und Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts keine Kunst. Der Kalifornier ging gern auf Reisen, er gab sich kultiviert, freundlich, ließ mit sich reden, konnte einen dabei sehr ernst anschauen oder seinen scharfen Intellekt verstecken hinter einem entwaffnend offenen, fast kindhaften Lachen.

Cage wurde von Veranstaltern, Galeristen, befreundeten Musikern oft gebeten, nach dem Rechten zu sehen, wenn Stücke von ihm aufgeführt wurden: in Köln, Bonn oder Venedig, in München oder Bremen, in Bologna, Stuttgart oder Metz war er zugegen. Zeigte sich als Akteur in eigener Sache, als der begnadete Vorleser eigener Texte mit leiser, sanft melodisierender Stimme. Und doch war da immer auch eine Distanz.

Die in Freiburg lehrende chinesische Pianistin Pi-hsien Chen, die neulich in der Berliner Akademie der Künste Cages furchtbar knifflige "Music of Changes" spielte, erinnert sich an die Treffen mit ihm: "Was mich früher sehr irritierte, war, dass mir Cage immer wie ein Fremder begegnete, so liebenswürdig und freundlich war er zu jedem gleich. Gleichmütig. Frei."

Viele Gesichter der Kreativität hatte der Musiker und Komponist, der Dichter und Zeichner, Meister der zenbuddhistischen Leere, Stille, der an der Oberfläche entlang und dabei in die Tiefe denken konnte. Mancher professionelle Beobachter sah in Cage hauptsächlich den Verunsicherer, den pfiffigen Schelm der Avantgarde, der schon bei seinem ersten Auftauchen in Europa Mitte der Fünfziger alle strukturalistischen Gewissheiten der Garde um Nono, Boulez und Stockhausen erschütterte - mit seiner vom Zufall komponierten Musik, diesen scheinbar simplen Botschaften der Absichtslosigkeit, des Abschieds vom Ego, mit seinem Credo von 1981: "I welcome whatever happens next" - Ich begrüße alles, was mir gerade neu begegnet.

Aber ganz so einfach war Cage nicht zu haben, wenn er bei Konzerten und Aktionen auftrat. Cage-Missverständnisse hatten meistens zu tun mit falschen Erwartungen der Hörer - nämlich des Hörens.

Friedfertigkeit stand auf seinem Gesicht geschrieben

Das radikale Null-Nummer-Stück von 1952, als "4'33" legendär geworden, ist nur das berühmteste Beispiel: Emanzipation der Geräusche der Umgebung, beim Verzicht auf Musik. Unruhe, Enttäuschung, Wut als Reaktion des Düpiertseins waren früher die Antwort. Cage meinte: Störe einen dabei die Bezeichnung "Musik", könne auch eine andere genommen werden . . .

Er war für Überrumpelungen immer gut, nur blieben sie gewaltlos. Friedfertigkeit stand auf seinem Gesicht geschrieben. Die Erinnerung ist wach an Cages Erscheinen beim Recherche-Musikfestival im französischen Metz in den frühen Achtzigern. Es hatte dort eines Abends geheißen: Cage will morgen Mittag im Restaurant de la Gare eine Performance machen. Keiner wusste, was daraus werden könnte.

Als der Nebenraum des Bahnhofsrestaurants schon überfüllt war mit Musikern, Musikleuten, Neugierigen, geschah lange nichts, man wartete und wusste nicht, auf was. Man sah in dem Raum keine "Ausführenden", keinerlei Vorsorge für ein Erklingen oder etwas Geräuschhaftes, keinen Komponisten, man hörte nur Stimmengewirr.

Ein spiritueller Kraftakt

Plötzlich Cages grauer Haarschopf in der Menge, der Mann machte sich zu schaffen an einem mächtigen Tisch: Er begann, den Tisch mit seinen Armen bedächtig durch die Menschenmenge im Raum zu schieben, Cage schob und schob, er zog wie mit einem dicken Stift unsichtbare Linien in den Raum. Kein Entkommen: ein Ritual perfekter Sinnfreiheit, zwanglos, stumm, konzentriert, dabei feierlich, fast inbrünstig. Die Leute wichen rechts und links ehrerbietig zurück, um dem Mann bei seiner Arbeit Platz zu machen, sie drängten hin und her, beobachteten, grübelten, tuschelten, lachten, staunten: Cage teilte den Raum wie der Prophet die Fluten, er teilte die Versammelten in zwei Lager mit der mobilen Installation eines mobilen Geistes. Ein spiritueller Kraftakt.

"Die freigelassene Musik" heißt der gerade erschienene Band mit spekulativen Texten über John Cage (Klever Verlag Wien), die der Musikpublizist Heinz-Klaus Metzger aus unzähligen Begegnungen mit Cage und seiner Musik des Zufalls herausdestilliert hatte.