1972, im Vorwort zur Neuauflage seines Buches "Große Pianisten in unserer Zeit", schrieb Joachim Kaiser, man könne Chopins Terzen-Etüden "eben nicht kommunistisch oder spätkapitalistisch interpretieren...man kann sie nicht politisch links oder rechts spielen, sondern nur mit linker oder rechter Hand". Das war 1972 mutig. Sich so zu äußern, hieß 1972 uneindeutig sein oder affirmativ oder sogar anti-aufklärerisch. Im Roman oder im Theaterstück durfte man das allenfalls noch sein. In der veröffentlichten Meinung musste man erklären, warum man nicht an der geforderten Weltverbesserung teilnehmen wollte.

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Mir, der ich mich oft genug zu letzten Endes donquichotesken Weltverbesserungsgesten habe hinreißen lassen, ist dieser vor Zurückhaltung fein vibrierende Joachim Kaiser oft genug rätselhaft vorgekommen. Also noch einmal: Wie konnte ein so Erlebnisfähiger, so grandios Reizbarer, so wenig verführbar sein?

Es steht mir nicht zu, am hohen Nachthimmel unserer Denkwürdigkeiten Joachim Kaisers Platzanweiser zu sein. Aber in dieser Dimension kann man sagen, jemand sei näher bei Richard Wagner als bei Beethoven, ohne dass er deshalb von Beethoven weiter weg wäre als von Richard Wagner. So geht es eben zu im Geistigen. Jenseits des Messbaren. Eine der Voraussetzungen für die Geburt dieses Bildes aus dem Geist der Verehrung ist, dass ein Sternbild keine Fotografie präsentiert, überhaupt nichts Porträthaftes. Auch Beethoven und Wagner erscheinen im Kaiser-Sternbild nicht als solche, sondern als Verklärungen. Kaisersche Verklärungen. Vor dieser Sprache darf man sich verneigen. Wie sie das schafft, von Erklärung zu Verklärung zu werden! Beethoven und Wagner erklärend, verklärt er beide.

Reisender Kulturjournalist

In der Sternbildpartie, in der er in seiner persönlichsten Frequenz funkelt, ist er der Reisende, der Weltreisende. Als solcher wird er in seiner bewegenden Nüchternheit, in all seiner glühenden Sachlichkeit erlebbar.

Es gibt ein Buch von ihm "Imaginäre Gespräche", von Kant bis Ingeborg Bachmann; darin findet man ein Gespräch mit Alfred Kerr. Joachim Kaiser lässt sich zu Kerr sagen: "Es gibt wohl keinen Theaterkritiker, der auch nur annähernd so viele und so anschauliche Reisebücher geschrieben hat wie Sie." So viele, das kann sein, aber anschaulicher als Joachim Kaiser selbst hat keiner sich im Reisen und als Reisender ausgedrückt. Und wieder ist die Sinnlichkeit im Geistigen sein Stilparadox. Dieser Autor reist in fernste Länder mit einem kulturjournalistischen Auftrag, den er sich selbst gibt. Und es entsteht eine Art Naturforscher-Sachlichkeit. Die schließt weder Begeisterung noch Liebe aus.

Er kann von Weltszenen jeder Art begeistert, aber tendenzlos erzählen. Er will nirgends diese oder jene existierende Meinung über dieses Land, über jene Stadt, unterstützen. Er schließt sich deutlich an nichts meinungshaft Existierendes an. "Musikrätsel im postkulturrevolutionären China", so der Titel seiner China-Erfahrungen im Jahr 1985. Die Überschrift sagt doch alles.

Er ist so fleißig, kundig, interessiert, erlebnisbereit wie man nur sein kann. Heim bringt er dann eine Reiseprosa, in der Chinas Rätselhaftigkeit brillant funkelt. Wenn er zum Beispiel dem Wort "Viererbande" begegnet - und dieses Wort war damals in aller Munde -, merkt er an: "...immer diese parteiischen lakonischen, suggestiv wirkenden, Widerspruch fast unmöglich machenden Totschlageformeln, welche manche China-Bewunderer für so bewunderungswürdig "bildhaft" halten..."

Westwirklichkeit auf der Probe

Gelegentlich gesteht der Reisende: "Ich reise für mein Leben gern: aber aus Schwäche." Die stellt sich heraus als eine höchst wertvolle Schwäche. Seine Phantasie reiche nicht aus, sich ein Land vorzustellen, alle gelieferte Information verhelfe ihm nicht zu einem sinnvollen Satz, nicht einmal zu einem Vorurteil. Ich ahne, dass er mit diesem lockeren Parlando der Kritik der Urteilskraft seines Königsberger Landsmanns recht nahe kommt, der "die empirische Exposition...immer den Anfang machen" ließ. Aber Joachim Kaiser scheut sich auch nicht, ein einfacheres Motiv im Wappen zu führen: "Wer nie in die Welt fährt, nimmt dem Vaterlande zu viel übel." Mir gefällt natürlich das -e- am Hauptwort. Und dass es bei aller Beiläufigkeit ein eher mutiger Satz ist in unserer Zeit.

Schon um diesen Autor nicht ins Zwielicht fataler Gemütlichkeit geraten zu lassen - und nirgends gehört er weniger hin -, muss jetzt gesagt werden, dass ihn jede Art von Weltwirklichkeit immer ganz auf die Probe stellt. In China, Südamerika, Ägypten und eben auch einmal auf der Insel Rhodos.

Er wird konfrontiert, er konfrontiert uns mit der Ermordung aller Juden des Ghettos von Rhodos. Er erzählt, was unsere Soldaten, die er "Henker" nennt, dort getan haben. Ich habe nichts gelesen über das, was Deutsche im 2. Weltkrieg getan haben, was so furchtbar, so grauenhaft ist, wie das, was Joachim Kaiser da erzählt. Ich kann, was Joachim Kaiser festhält, nicht noch einmal festhalten. Es stellt sich wieder die Wirkung ein: Wir erleben es, als wären wir dabei gewesen. Im Konzertsaal bei Artur Rubinsteins Brahms-Konzert oder bei der Ermordung aller Juden des Ghettos von Rhodos. Zu lesen auf Seite 65 des Buches "Den Musen auf der Spur", München 1986.

Neugier ist seine Leidenschaft

Er berichtet, weil wir, wenn er es uns nicht erzählen würde, nichts von dem Erzählten wüssten. Das heißt, er erzählt, als wäre er der Erste, der über die Monumente Altägyptens und die Maße Griechenlands berichtet. Er darf sich des Entdeckerischen bei allem, was er formuliert, sicher sein. Er erzählt eine Hamlet-Aufführung im Old-Vic-Theater. Was er in dieser Aufführung erlebt und mit genau bleibender Begeisterung erzählt hat, darf er dann nennen "die Summe der Hamlet-Tradition eines Hamlet verehrenden Weltreiches".

Oder er, in Eleusis, allein auf dem Platz, von dem aus einmal die Eleusinischen Mysterien zugänglich gewesen sein könnten. Dann erzählt er uns den Ursprung der Mysterien so, wie wir ihn einfach noch nicht gehört haben. Entdeckerisch. Eine Begeisterung, die der Genauigkeit dient. Er ist neugierig wie vielleicht Darwin neugierig war. Er weiß so viel, dass er, wo er hinkommt, die hier wesentlichen Fragen stellen kann. Ihn zwingt der Amon-Tempel in Karnak, nah bei Theben "in die Knie". 134 Sandsteinsäulen "beängstigend dicht beisammen". Warum? Und er erfährt's . RamsesII. wollte damit ein Papyrusdickicht symbolisieren.

Warum ist Joachim Kaisers Neugier nie und nirgends trivial? Die Antwort ist erschütternd einfach: Er fragt und forscht nicht für andere, er fragt und forscht, weil es ihn selber interessiert. Weil es ihn etwas angeht. Er will etwas wissen, etwas erfahren, er selber. Jedesmal wenn seine Neugier wieder gestillt ist, atmen wir mit ihm auf. Diese Neugier ist eine ehrwürdige Leidenschaft. Was dadurch zur Sprache kommt, ist und bleibt unüberholbar richtig. Die Erfahrungsart gibt den Ausschlag, ohne dass das Erfahrene dadurch unwichtig würde. Wichtig wird es und bleibt es eben durch die Art, wie es erfahren wird. So ist das, wenn ein Autor am Werk ist.

Einen Menschen lange Zeit, eigentlich ein Leben lang wahrnehmen, ohne ihn zu beobachten, führt unwillkürlich zu einem Bild von diesem Menschen. Man fühlt sich dann nicht verantwortlich für dieses Bild. Es ist natürlich mehr als ein Bild. Es ist mindestens so sehr ein Roman wie ein Bild. Aber ein Bild ist es auch. Oder eben ein Sternbild. Eine Deutlichkeit, in der die Erklärung die Verklärung produziert.

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(SZ vom 18.12.2008/jb)