Jeremy Irons im Gespräch "Wir verändern uns, ohne es zu bemerken"

Eine Buchverfilmung hat ihm einst den Oscar gebracht, nun kommt Jeremy Irons mit Bille Augusts Leinwand-Adaption von "Nachtzug nach Lissabon" in die Kinos. Ein Interview über die Chancen im Leben, menschliche Metamorphosen und die Zusammenarbeit mit Martina Gedeck.

Von Paul Katzenberger

In seinem Leben deutete zunächst nichts auf eine künstlerische Karriere hin, doch als Jeremy Irons nach der Schule Veterinärmedizin studieren wollte und in der Aufnahmeprüfung an Chemie und Physik scheiterte, entschied er sich für eine Theaterausbildung. 1980 wechselte er mit der Hauptrolle in dem Mehrteiler "Wiedersehen mit Brideshead" von der Bühne ins Fernsehen - und schon 1981 gelang ihm mit dem Kinofilm "Die Geliebte des französischen Leutnants" an der Seite von Meryl Streep der Durchbruch. Als einer der weltweit gefragtesten Charakterdarsteller kam Jeremy Irons seitdem vom Horror- über den Kostüm- bis zum Musicalfilm zum Einsatz. Größte Erfolge feierte er als Hauptdarsteller in großen Literaturverfilmungen wie "Eine Liebe von Swann", "Das Geisterhaus" und "Lolita". Für die Hauptrolle in der Adaption des biografischen Romans "Die Affäre von Sunny B." von Alan Dershowitz bekam er 1991 den Oscar als bester Hauptdarsteller. Nun kommt Irons wieder mit einer Literaturverfilmung in die Kinos - von diesem Donnerstag an ist er in Bille Augusts "Nachtzug nach Lissabon" zu sehen, der auf dem gleichnamigen Weltbestseller von Pascal Mercier beruht.

Süddeutsche.de: Herr Irons, warum haben Sie bei "Nachtzug nach Lissabon" die Hauptrolle übernommen? Überzeugt hat der Film die meisten Kritiker bislang nicht.

Jeremy Irons: Bille August ist einer meiner Lieblingsregisseure. Es hat mich zudem gereizt, mit den vielen großartigen Schauspielern zusammenzuarbeiten, die er für diesen Film engagieren konnte. Und ich freute mich auf die Dreharbeiten in Lissabon, wo ich schon früher gerne gearbeitet habe.

Was hat Sie an dem Stoff als Schauspieler gereizt?

Ich habe vor vielen Jahren eine Figur in der Fernsehserie "Brideshead Revisited" gespielt, die ähnlich war. Es ging da um einen Mann, der eine andere Welt betritt, die ihn anzieht, und die ihn verändert. Die meiste Zeit tat ich in der damaligen Rolle gar nichts, außer zuzuhören. Es erfordert Demut, sich durch eine Geschichte zu bewegen, ohne wirklich der Protagonist zu sein, obwohl man natürlich derjenige ist, mit dem diese Erfahrung etwas macht. Das hat mich gereizt.

Wie hoch war der Aufwand, sich auf Ihre Rolle des Raimund Gregorius vorzubereiten? Pascal Merciers gleichnamiger Roman, auf dem der Film basiert, ist ziemlich komplex.

Ich war begeistert von Merciers Buch. Es geht da um einige sehr interessante Themen. Die vielen inneren Gespräche, die meine Figur Raimund Gregorius darin führt, waren für mich von entscheidender Bedeutung. Außerdem war ich fünf Wochen in Lissabon, um die Atmosphäre zu spüren. Je weniger du in einem Film sagst, desto mehr musst du in das Leben deines Protagonisten eintauchen, denn du kannst ihn nicht so sehr über Dialoge darstellen, als vielmehr über Gedanken.

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Welche Drehbücher sind für Sie interessant? Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Rollen aus?

Die Frage ist für mich in etwa so, als ob Sie sich erkundigen würden, auf welches Essen ich stehe. Da würde ich antworten: Etwas, das gelungen ist. Etwas, das ein guter Koch zubereitet hat. Aber auch etwas, das ich nicht jeden Tag esse, also etwas Neues. Oder etwas, bei dem ich Leidenschaft spüre. Und außerdem geht es nicht nur um das Drehbuch. Wer ist der Regisseur? Wer ist der Produzent? Ist das eine Geschichte, die die Leute sehen wollen? Ich werde womöglich dafür bezahlt. Die Entscheidung beruht also auf vielen Faktoren, und ich fälle sie instinktiv.

Wenn der Regisseur Bille August heißt, reagiert Ihr Instinkt offenbar meistens positiv. Zumindest haben Sie mit ihm bereits vor 20 Jahren "Das Geisterhaus" von Isabelle Allende gedreht. Auch da geht es um die Veränderung eines Mannes ...

... ja, eine sehr große Veränderung. "Das Geisterhaus" umfasst das ganze Leben der Hauptfigur Esteban Trueba, von 18 bis 80 Jahren. Bei "Nachtzug nach Lissabon" ist die Veränderung von Raimund Gregorius sehr viel schwächer ausgeprägt, sie spielt sich nur in einem Zeitraum von wenigen Monaten ab.

Aber in beiden Filmen geht es um die menschliche Metamorphose. Wie empfinden Sie ihre eigene persönliche Veränderung seit 1993, als sie in "Das Geisterhaus" mitspielten?

Wir verändern uns, ohne es normalerweise zu bemerken. Mir persönlich steht glücklicherweise die Möglichkeit offen, mir meine alten Filme anzusehen und auf diese Weise zurückzublicken.

Welche Erkenntnisse hat Ihnen dieses Privileg vermittelt?

Vor einem halben Jahr habe ich mir "Das Geisterhaus" noch einmal angesehen. Ich hatte es seit seiner Fertigstellung nicht mehr gesehen. Und mir ist da jemand gegenüber getreten, der sich von mir recht deutlich unterschied. Das hat mich sehr überrascht. Vor drei Jahren habe ich mir mal wieder "The Mission" angesehen - einen Film, den ich vor 27 Jahren gemacht habe. Da habe ich mich kaum wiedererkannt - ich dachte, das sei mein Sohn.

Üblicherweise ist der Vater lebensklüger als der Sohn. Was haben Sie im Laufe Ihres Lebens gelernt?

Ich akzeptiere Menschen viel eher als früher, die völlig anders sind als ich. Allein schon deswegen, weil ich so viele unterschiedliche Charaktere gespielt habe. Ich sehe inzwischen klarer in Menschen hinein und halte mich nicht so sehr mit ihrer äußeren Fassade auf, die die meisten von uns aufbauen, um durchs Leben zu kommen.