Jean Ziegler im Gespräch Empört euch!

Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler sollte die Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele halten - zwei Monate später wurde er ausgeladen. Nun spricht er über den Skandal und erläutert den Zusammenhang zwischen Bankenrettung und Hungerkatastrophe.

Interview: Alex Rühle

Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler, 77, war jahrelang UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und ist Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrates. Als Autor des Buches "Der Hass auf den Westen" wurde er im Februar eingeladen, die Eröffnungsrede bei den Salzburger Festspielen zu halten. Zwei Monate später lud ihn das Land Salzburg wieder aus. Ziegler hat nun trotzdem eine Rede geschrieben und sie im Salzburger Ecowin-Verlag veröffentlicht.

SZ:Herr Ziegler, warum wurden Sie von den Festspielen wieder ausgeladen?

Ziegler: Der offizielle Grund ist meine angebliche Nähe zu Gaddafi. Was absurd ist. Ich habe den zum letzten Mal 1991 getroffen, damals war er noch nicht verrückt. Er hat mich eingeladen, weil meine Bücher auf Arabisch erschienen waren. Er sieht sich ja selbst als Autor, auch wenn das Grüne Buch ein fürchterlicher Mist ist. Ich habe solche Einladungen mehrmals angenommen, weil es für einen Soziologen aufschlussreich ist, solchen Despoten zuzuhören.

SZ: Aber waren Sie nicht auch Mitglied des Gremiums, das den Gaddafi-Menschenrechtspreis vergeben hat?

Ziegler: Das ist eine immer wieder wiederholte Diffamierung, die falsch ist. Und um es deutlich zu sagen: Gaddafi gehört zu den schlimmsten Diktatoren.

SZ: Gut, was ist denn dann der wahre Grund Ihrer Ausladung?

Ziegler: Die Salzburger Festspiele sind eine heilige Handlung, die aber sündhaft teuer ist. Als die Hauptsponsoren Nestlé, UBS und Credit Suisse hörten, dass ihre Großkunden 30 Minuten lang mir zuhören müssten, ohne aus dem Saal rennen zu können, war das für die eine Horrorvorstellung. Die haben dann so lange Druck ausgeübt, bis mich die Landeshauptfrau wieder ausgeladen hat.

SZ: Ihre Rede ist aber ja auch starker Tobak. Sie schreiben darin: "Ein Kind, das heute verhungert, wird ermordet." Wer sind denn die Mörder?

Ziegler: Die kannibalische Weltordnung, hervorgebracht vom Raubtierkapitalismus. Der Terror der Profitmaximierung. Die Weltlandwirtschaft könnte zwölf Milliarden Menschen normal ernähren, das Doppelte der Weltbevölkerung. Wir tun es aber nicht. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind. Das Geld ist nicht da. Denn es wird gebraucht, um die Banken zu retten.

SZ: Aber wo sind die Mörder?

Ziegler: Am Eingang des kenianischen Flüchtlingslagers Dadaad muss die UN aufs Grausamste selektieren, viele Hungerflüchtlinge, die da ankommen, werden abgewiesen, nur noch die Kräftigen werden eingelassen. Weil es kein Geld gibt, um all die Geschwächten zu versorgen. Seit der Finanzkrise haben die europäischen und amerikanischen Großbanken mehr als acht Billionen Euro erhalten. Im gleichen Zeitraum hat das World Food Programm die Hälfte seines Budgets verloren, es schrumpfte von sechs auf 2,8 Milliarden. Als die UN einen Notappell herausgab, dass sie für den Monat Juli 180 Millionen Euro benötigen, haben sie 58 Millionen erhalten!

SZ: Ist es eigentlich moralische Empörung oder Zorn, der Sie antreibt?

Ziegler: Sehen Sie, Jean-Paul Sartre, dem ich viel verdanke, schreibt: Um die Menschen zu lieben, muss man sehr stark hassen, was sie unterdrückt. Ich bin zornig. Aber nicht auf Personen, sondern auf die Strukturen und die Unvernunft. Was in Afrika passiert, ist eine Katastrophe mit Ansage. Es herrscht seit fünf Jahren Dürre, aber erst jetzt, wo die Menschen sterben, berichten die Medien.

SZ: Aber haben die ostafrikanischen Länder nicht auch zu wenig Präventivpolitik betrieben?

Ziegler: Warum gibt es in jedem Land der Welt Notvorräte, aber in Äthiopien, Somalia und Kenia nicht? Erstens sind die Preise der Grundnahrungsmittel explodiert, Weizen und Reis kosten doppelt so viel wie vor einem Jahr, weil die Hedgefonds und Großbanken nach der Finanzkrise auf die Agrarrohstoffbörsen umgestiegen sind. Die machen damit legal astronomische Profite, aber die Äthiopier können sich, obwohl sie wissen, dass der Abstieg in die Agonie begonnen hat, keine Notvorräte leisten. Zweitens macht es die Auslandsüberschuldung unmöglich, infrastrukturelle Verbesserungen voranzubringen. Dass in Äthiopien nicht einmal vier Prozent des Agrarbodens bewässert werden, ist Wahnsinn.

SZ: Das klingt nun so, als sei allein der Westen schuld an dieser Hungersnot.

Ziegler: Oh nein, es gibt natürlich auch endogene Gründe für die Katastrophe, die muslimischen Shabab-Milizen sind blutrünstige Terroristen, die die Hilfskonvois plündern und viele Rettungsmaßnahmen sabotieren.

SZ: Sie sitzen in mehreren internationalen Gremien und sind oft in der afrikanischen und arabischen Welt. Ändert sich dort das Bild des Westens?

Ziegler: Wenn ich ein Somali wäre, dessen Kinder gerade verhungern, weil aus der EU nur ein Sonderkredit von 30 Millionen kommt, und gleichzeitig hören würde, dass die EU soeben 162 Milliarden Dollar freigesetzt hat, um die Gläubigerbanken der Griechen zu retten, weiß ich nicht, wie groß mein Glaube an Europa noch wäre. Wie die Europäer immer Noten verteilen an die Dritte Welt, als seien sie der weiße Ritter - da hat in den letzten zehn Jahren ein verheerender Imageschaden stattgefunden. Wenn der doppelzüngige Westen sich einbildet, noch immer glaubwürdig zu sein in Sachen Menschenrechte, ist das ein tragischer Irrtum. Da ist aller Kredit verspielt.

SZ: Ihre Salzburger Rede klingt kämpferisch und aufrüttelnd. Was kann denn der Einzelne Ihrer Meinung nach tun?

Ziegler: Das Absurde ist ja, wir haben die Waffen, Deutschland ist vielleicht die lebendigste Demokratie Europas. Die Deutschen könnten morgen ihren Finanzminister dazu zwingen, bei der nächsten Sitzung des Internationalen Währungsfonds die Totalentschuldung der ärmsten Länder durchzusetzen.

SZ: Das klingt sehr optimistisch. Haben Sie nicht das Gefühl, dass ein elender Mehltau aus Apathie, Angst und Resignation über allem liegt?

Ziegler: Marx hat gesagt: Der Revolutionär muss imstande sein, das Gras wachsen zu hören. Das Gras wächst: Ich hoffe auf eine neue planetarische Zivilgesellschaft. Wir brauchen einen Aufstand des Gewissens. Wenn der nicht kommt, geht die Demokratie vor die Hunde.

Jean Zieglers ungekürzte, nicht gehaltene Eröffnungsrede der Salzburger Festpsiele finden Sie unter www.sueddeutsche.de/ziegler.