Jazz Schlag auf Schlag

Bastian Jütte hat sich in die erste Reihe getrommelt und zeigt eine Woche lang in der Unterfahrt, was er kann

Von Oliver Hochkeppel

In jeder Jazzszene gibt es die Platzhirsche, die "First Call"-Musiker, die zuerst angerufen werden, wenn für ihr Instrument Not am Mann ist. Unter den süddeutschen Schlagzeugern war das in der Frühzeit Freddie Brocksieper, dann teilten sich diesen Ruf Leute wie Rick Hollaender, Harald Rüschenbaum, Falk Willis, Wolfgang Haffner und Guido May. Seit ein paar Jahren sitzt zumindest im Contemporary Jazz Bastian Jütte auf dem Thron. Das sieht man zum Einen daran, dass er in den mittlerweile maßgeblichen Bands mitspielt - seit den letzten Ausläufern seines Studiums etwa im Till Martin Quartett und im Martin Auer Quintett, dann im Tim Allhoff Trio und bei Projekten von Henning Sieverts, Christian Elsässer, Johannes Enders, Carolyn Breuer, Thilo Kreitmeier oder Monika Roscher. Zum anderen sieht man es an den Auszeichnungen, die sich bei ihm angesammelt haben und die ihn inzwischen in der deutschen wie europäischen Spitze einsortieren: vom Nachwuchspreis des BR 1999 über den Preis der Deutschen Schallplattenkritik bis zum Echo Jazz 2013 und den Neuen Deutschen Jazzpreis, der wohl bedeutendsten hiesigen Auszeichnung.

2010 hat er ihn als Mitglied des Tim Allhoff Trios gewonnen, vor ein paar Monaten bei der 2016er Ausgabe indes mit seinem eigenen Quartett. Das kann man wohl für den endgültigen Ritterschlag des 43-Jährigen als Musiker halten, wurden da eben nicht nur seine Fähigkeiten an Stöcken und Besen, sondern auch die als Komponist und Bandleader gewürdigt. Schon 2011 hatte er mit "Inside" ein eigenes Jazzprojekt, 2007 mit "Bastian: Not In This Game" ein eher rockiges, selbst besungenes Songwriter-Album vorgelegt.

Sein Schlagzeug ist meist in Reichweite: Bastian Jütte kennt die aktuellen Drummer-Tricks und übt jeden Tag mehrere Stunden.

(Foto: Bastian Jütte)

Ohnehin war der Weg zum Jazz-Mastermind nicht einfach: Jütte gehört der mittleren Generation an, die manche immer noch zum Nachwuchs rechnen, die aber in Wahrheit beispielhaft für die unglaubliche Beschleunigung und Professionalisierung der hiesigen Jazzlandschaft steht - weil sie aus einer Zeit kommt, in der man selten früh und zielstrebig zum Jazz kam.

Musik allerdings spielte immer eine große Rolle in der Familie Jütte. Bastians vor ein paar Jahren verstorbener Vater war Tonmeister beim BR und auch ein ordentlicher Pianist, sein älterer Bruder spielte Gitarre. "Gedrängt hat mich aber keiner je zu irgendetwas, ich wollte immer von selbst", erzählt Jütte. "Mein Bruder hat dann mal aus Kaffeedosen und Töpfen ein Schlagzeug gebastelt. Ich habe gleich gemerkt, dass mir das liegt. Ein Nachbar hatte ein Schlagzeug und hat mich spielen lassen - was mit der Vorbereitung an den Dosen und Töpfen sofort gut ging. Da wusste ich: Das wird meine Sache. Da war ich elf."

So ging das dann los, mit Blues, Rock'n'Roll und Pop. "Das war ja nicht wie heute", erinnert sich Jütte sarkastisch, "früher gab es eine Info im Jahr, die mündlich überliefert wurde." Bis also ein Musikschullehrer zu ihm sagte, "du spielst gar nicht Rock und Pop, du spielst viel komplizierter, dein Stil ist mehr jazzig. Hör doch mal ,Weather Report'". Was Jütte dann Ende der Achtziger machte und bald einen Omar Hakim und einen Vinnie Colaiuta als Vorbilder entdeckte. Ihnen nachzueifern war nicht so einfach. "Es hat schon gedauert, bis ich überhaupt herausfand, dass man Jazz-Schlagzeug studieren kann, ich dachte, ich muss das klassisch machen." So begann er 1994 am Richard-Strauss-Konservatorium und ging dann nach Mannheim zu Keith Copeland, wo er das Studium 2000 beendete. "Ich habe aber den Kontakt zu München nie abreißen lassen und habe dort selbst während des Studiums mein Geld verdient."

Bastian Jütte

"Mein Bruder hat mal aus Kaffeedosen und Töpfen ein Schlagzeug gebastelt. Ich habe gleich gemerkt, dass mir das liegt."

Was den asketisch wirkenden Jütte - inzwischen Dozent an den Unis in München und Würzburg - auszeichnet, ist sein nie nachlassender Ehrgeiz, immer noch besser zu werden. Bis heute übt er mehrere Stunden täglich; will man wissen, was die aktuellen Drummer-Tricks und Jazz-Trends sind, von ihm kann man es erfahren. All dies hat sich jetzt zu einem Meisterwerk verdichtet, dem Programm "Happiness Is Overrated", das soeben als Album erschienen ist und das er jetzt fünf Tage am Stück bei der letzten "Jazz Summer Jazz Week" in der Unterfahrt vorstellt.

Mit dem Altsaxofonisten Florian Trübsbach, dem Bassisten Henning Sieverts und dem Pianisten Rainer Böhm - der noch unerkannt auf einer Stufe mit Michael Wollny, Pablo Held oder Florian Weber steht - hat er herausragende Weggefährten seiner Generation zu einer echten Siegerband versammelt, die seine (wie der Titel verrät) in der Grundstimmung melancholischen Stücke in verschiedenste Gewänder weben. Mal in Samt und Seide, mal in feine Strukturen, mal in pure Energie.

An zwei Tagen ist wie auf der CD die Stuttgarter Sängerin Fola Dada dabei, die unter anderem mit den Söhnen Mannheims oder Max Herre gearbeitet hat. "Ich wollte bewusst keine ,Jazzsängerin', sondern eine, die es einfach ganz gerade heraus singt. Ich wusste, dass dafür Fola perfekt ist," sagt Jütte. Der Schlagzeuger, der inzwischen so viel mehr weiß und kann als die meisten.

Bastian Jütte Quartet: "Happiness Is Overrated", Unit; live: Dienstag bis Samstag, 30. August bis 3. September, Unterfahrt, Einsteinstraße 42