Der Trompeter Till Brönner macht Schmuse-Jazz für die Caipirinha-Bar und jammt mit den Wildecker Herzbuben - ohne schlechtes Gewissen.
Südamerikanische Lebensfreude verströmt die Berliner Suarezstraße nun wirklich nicht an diesem verregneten Nachmittag. Vom Sophie-Charlotte-Platz kommend stoppt man zunächst vor dem Schaufenster eines Bestattungsunternehmers, der sich damit rühmt, Harald Juhnke - wie es in der Auslage heißt - "unter die Erde gebracht" zu haben. Zu sehen sind allerlei Originalkränze und -schärpen vom Grab des Schauspielers Klausjürgen Wussow ("Deine Oldies von der Klinik unter Palmen").
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Till Brönner, der "Dressman der Jazz-Musik" scheut sich nicht davor, mit den Wildecker Herzbuben oder seinem alten Schulfreund Stefan Raab Musik zu machen. (© Foto: AP)
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Ein paar Meter weiter reiht sich Antiquitätenladen an Antiquitätenladen. Hier gibt es alte Kohlebügeleisen zu kaufen, Zinnsoldaten und Blechspielzeug. Im Fenster des Geschäfts "Schmutzler" steht eine vergilbte Schaufensterpuppe mit grünem Kleid und Turbanhut vor einem uralten Mikrophon. Wäre die Berliner Suarezstraße Musik, dann wäre sie Jazz. Traurig, heiter und etwas verstaubt. Etwa so wie das Stück "Autumn Leaves" in einer Interpretation von Chet Baker.
In einem Restaurant in der Suarezstraße sitzt der Jazztrompeter Till Brönner bei einem Kalbskotelett und einer Apfelsaftschorle. Er hat ein neues Album aufgenommen. Im sonnigen Rio. Nun soll es verkauft werden, deshalb gibt er Interviews im verregneten Berlin. An der Copacabana wurde vor 50 Jahren der Bossa Nova erfunden. Und wenn heute ein Künstler eine Bossa-Nova-Platte aufnimmt, so muss er das natürlich in Rio tun.
Wahrscheinlich, weil man nur dort die Luft der Ipanema-Päpste João Gilberto und Antônio Carlos Jobim atmen kann. Gilberto hauchte im Tonstudio Texte wie "So danço samba, so danço samba, vai, vai, vai, vai, vai" so unglaublich entspannt ins Mikrophon. Wunderbare Musik ist das, immer noch.
Heute ist in den Tonstudios dieser Welt alles ein wenig hektischer. Till Brönner etwa musste mit seinen Aufnahmen in nur fünf Tagen fertig sein - aus Kostengründen. Und einige Künstler - zum Beispiel die ebenfalls auf seiner Platte auftauchende junge Jazzsängerin Melody Gardot oder Annie Lennox - waren gar nicht mit ihm in Rio, sondern lieferten ihre Beiträge aus den USA. Das macht man heute so. Der eine schickt eine E-Mail mit der Musik.
Der andere mixt seine Stimme dazu und schickt die E-Mail wieder zurück. Irgendwann landet die E-Mail bei einer Plattenfirma, und dann wird eine CD daraus. E-Mail schreiben ist nicht teuer. Und das Musikbusiness hat es auch nicht mehr so dicke: Jazz macht bei den Tonträgerverkäufen weltweit nur zwei bis drei Prozent aus. Man könnte sagen: Jazz ist so eine Art Antiquitätenladen der Musikbranche.
Girl von Ipanema
In dem Restaurant in der Suarezstraße erzählt Till Brönner viel über Rio und den Bossa Nova. "Der entstand angeblich in einer kleinen Gasse unweit der Copacabana. Dort soll João Gilberto diese Musik zum ersten Mal gespielt haben. In der Nähe wohnte Vinícius de Moraes, der mit Antônio Carlos Jobim das Girl von Ipanema angeblich hier vorbeikommen sah und das berühmte Lied schrieb." Heute heißt sogar der internationale Flughafen der Stadt Rio de Janeiro "Antônio Carlos Jobim". Daran sieht man, welche Wertschätzung diese Musik in Brasilien erfährt. In Berlin käme doch kein Mensch auf die Idee, den neuen Flughafen Till-Brönner-Airport zu taufen. Oder so.
Till Brönner gilt als der derzeit erfolgreichste Jazzmusiker Deutschlands. Vor 37 Jahren kam er als Sohn eines Lehrerehepaars in Viersen zur Welt. Er hat einen sieben Jahre jüngeren Bruder, der sehr gut Schlagzeug spielt und Till managt. Mit seinem Schulfreund Stefan Raab hat Till Brönner in der Schulband Katholikentagslieder gespielt und später die Kölner Band Schäng and the Gang ("eine Mischung aus Dancefloor und kölschen Texten") gegründet. Vor ein paar Monaten war Brönner zu Gast in Stefan Raabs Spaßsendung TV total. Da haben sie gemeinsam ein Lied aus alten Zeiten zum Besten gegeben: "Frauen sollte man verhauen." Es sah so aus, als ob zumindest Brönner der Auftritt etwas peinlich war.
Schließlich arbeitet er heute mit Stars wie Carla Bruni zusammen. Die sang auf seinem letzten, großartigen Album "Oceana" ein Leonard-Cohen-Lied: "In ,My Secret Life' geht es darum, dass ein schwerbeschäftigter Mensch ein Doppelleben führt, weil er einen anderen Menschen nicht aus dem Kopf bekommt." Brönner findet, dass dieser Text gut zu Carla Bruni passt. Er drückt sich um eindeutige Formulierungen, aber es klingt danach, als ob Nicolas Sarkozy und Carla seiner Meinung nach kein Paar fürs Leben sind.
Lounge-Tauglichkeit
Auch der Jazz führt heute ein Doppelleben. Einerseits lebt er von seinem Ruf, die einzige Kunstform zu sein, "in der es die Freiheit des Individuums ohne den Verlust des Zusammengehörigkeitsgefühls gibt" (Dave Brubeck). Andererseits verlangt das Publikum von ihm Anpassungsvermögen. Klingt Jazz nicht soft, geschmeidig und verschmust - so hat er bei den Jungen, Schönen, Erfolgreichen abends in der Caipirinha-Bar nichts mehr verloren. Brönners Rio-Platte taugt für jede Lounge.
"Es gibt Leute, die bedauern, dass diese Musik nicht mehr so ist wie früher. Diese Leute warten auf die Niederkunft des Erlösers. Auf eine Madonna, die den Dalai Lama der Blue Notes gebiert. So wurde Jazz über die Jahrzehnte hinweg zu einer Musik von Besserwissern", sagt Brönner. "Die Leute wissen heute oft gar nicht mehr, dass sie Jazz hören, weil es aus Angst vor bescheidenen Verkaufszahlen von der Plattenfirma verschwiegen wird."
Eigentlich ist der klassische Jazz also ein Fall für die Auslage des Bestattungsunternehmers in der Suarezstraße. Aber es gibt ja Till Brönner, der von seinen Fans als Restaurator verstaubter Jazznoten gefeiert wird. Am Tisch seines Lieblingsitalieners wirkt er wie ein kleiner, begeisterungsfähiger Junge. Voller Ideen, immer unter Strom. Gleich hinter den Antiquitätenläden findet sich sein Tonstudio. Hier hat er mit Hildegard Knef Fertigpizza verspeist und aus Cola-Dosen getrunken - und gleichzeitig mit der Knef ihre letzte (und hochvitale) CD aufgenommen. Er kriegt sie halt alle rum, mit seinen großen blauen Augen, seinen weit geöffneten schwarzen Hemden und seinem netten Lachen. Die Zeit nannte Brönner den "Dressman der Jazzmusik". Klingt auch ein bisschen wie ein Vorwurf.
Herr Raab von der Jesuitenschule
Von Jazzpuristen wird der Hobbyangler etwa dafür gehasst, dass er kürzlich eine Weihnachts-CD mit Schnulzensängerin Yvonne Catterfeld aufnahm. Oder dass er, der einst unter Peter Herbolzheimer und Horst Jankowski spielte, bevor er seine internationale Karriere begann, sich in einer Talkshow zur Jamsession mit einem Wildecker Herzbuben überreden ließ. "Ich habe die Wildecker Herzbuben oft bei irgendwelchen Fernsehdingen begleitet. Ich habe ja acht Jahre Dieter Thomas Heck hinter mir und alles durch, was man da so machen kann. Wenn man sich nach zehn Jahren in einer TV-Show wiedersieht, dann trifft man sich auf einem anderen Level. Und dieser Herzbub ist einfach ein guter Trompeter."
Im Grunde ist Brönner, Linkshänder und Vater eines Sohnes, ein konservativer Typ. Das merkt man, wenn er die Jesuiten lobt, die ihn einst am Aloisiuskolleg in Bad Godesberg unterrichteten. "An dieser Schule wurden die unterschiedlichsten Talente erkannt und gefördert. Hätte ich hier nicht eine Schulbigband gehabt, dann wäre mein Leben völlig anders verlaufen. Letztlich ist die Jesuitenschule der Grund dafür, warum ich das Abitur geschafft habe. Die hatten zwar große Anforderungen, aber haben sofort gecheckt, dass ich Musik machen muss. Ich war ja faul wie Dreck. Am Ende habe ich das Abi immerhin mit 3,1 geschafft." Und nebenher hat er eben mit Stefan Raab in der Sakro-Pop-Gruppe gespielt.
Vielleicht nehmen Raab und Brönner ja irgendwann mit den Wildecker Herzbuben eine Kirchentags-Sakro-Pop-Jazz-Platte in Lourdes auf. Einfach so. Um die staubtrockenen Jazzpuristen vollends gegen sich aufzubringen. Das wäre Brönner zuzutrauen. Und wahrscheinlich wäre das Ergebnis gar nicht so schlecht.
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(SZ vom 16.9.2008/sst)
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Der Italiener in der Suarezstr, ist wirklich gut; ich vermute es war das "Stella Alpina"?
Wer "sowas" wie Till Brönner hören möchte, sollte zum Original greifen, und das gibt's inzwischen sehr billig als CD-Boxen: Miles Davis von 1954 bis '57, oder gleich Chet Baker, den Herr Brünner ja bis auf's i-Tüpfelchen kopiert, inkl. Chet Bakers etwas linkischen aber charmanten Gesang.
dem armen Herrn Brönner fehlt meiner Meinung bei aller Rührigkeit und allen Geschäftsinns ein entscheidenes Element, nämlich der Blues. Vielleicht sollte die SZ mal über richtige Jazzmusiker schreiben und nicht immer über Esbjörn s. und Till Brönner.