Jazz Mit 77 Jahren

Kondition eines Rockstars: Herbie Hancock an der "Keytar".

(Foto: Reiner Pfisterer)

Brillante Akkordarbeit: Der Jazzklavier-Titan Herbie Hancock wird mit seiner neuen Band beim Stuttgarter Jazz-Open-Festival bejubelt.

Von Andrian Kreye

Jazz ist hin und wieder ein richtiger Macho-Sport. So wie damals, im Kansas City der Dreißigerjahre, als sich die Solisten der Big Bands auf offener Bühne musikalisch duellierten, weil die Tanzbudenbesitzer die Arbeitszeiten drastisch verlängert hatten und die Bands Zeit schinden mussten. Im Modern Jazz wurde daraus ein (längst geschlechtsneutraler) Hahnenkampf der Virtuosen. Und den beherrscht heute keiner so gut wie der Jazzklavier- und Synthesizertitan Herbie Hancock. Der kann zum Beispiel den Gassenhauer "Cantaloupe Island" wie einen Boxkampf inszenieren.

Am Montagabend beim Jazz Open Festival in Stuttgart tat er das mit seiner neuen Band, die zu den besten seiner Karriere gehört. Geschenkt, dass er das Stück selbst geschrieben hat. Die Überreizschwelle liegt schon lange hinter dem schlichten Thema in F mit der Flohwalzer-haften linken Hand und dem Fanfaren-Motiv. In Deutschland haben Werbespots für Eiscreme und Kapsel-Kaffee den Hit von 1964 der breiten Öffentlichkeit schon vor Jahren vergällt. Deswegen verhält es sich mit dem Stück heute so ähnlich wie mit dem "Albumblatt für Elise" in der Klassik oder den Spaghetti Bolognese in der gehobenen Gastronomie. Wer sich da noch mal dranwagt, der muss richtig Kante geben.

Das tat er dann auch selbst, unmittelbar nach dem Thema. In dem Schlagzeuger Vincent Colauita (der früher bei Frank Zappa spielte und seit zwei Jahrzehnten sein Geld bei Sting verdient) hat Hancock einen idealen Sparringspartner gefunden. Die Raffinesse, mit der die beiden gegen die Metren des jeweils andern spielen, ist atemberaubend. Wobei sie das dann auch jedes Mal auflösen, indem sie sich ebenso gegenseitig in einen gemeinsamen Crescendo-Rausch treiben, bei dem sie alles, aber auch wirklich alles geben.

Sicher war "Cantaloupe Island" auch ein Zugeständnis an das Publikum, das die Band über eineinhalb Stunden lang mit einem extremen Energielevel gefordert hatte. Was im Kern der Band angelegt ist. Deswegen lässt man Herbie Hancock die Wettspiele und Posen ja auch so bereitwillig durchgehen. Er hat sich nie auf seine Hits verlassen, von denen er für einen Jazzmusiker erstaunlich viele hatte. Er war und ist immer bereit, sich Musiker zu suchen, die ihn mit Neuem fordern, wenn nicht sogar überfordern. Inzwischen sind die oft sehr viel jünger als er selbst. Wobei man ihm die 77 Jahre nicht anmerkt. Er schnallt sich sogar noch die Roland AX-7 "Keytar" um, eines jener Umhänge-Keyboards, die früher vor allem dazu da waren, damit die Synthesizer-Spieler mit den Rockstar-Posen der Gitarristen mithalten konnten (im neuen Minions-Film "Ich, einfach unverbesserlich 3" trägt der Schurke so ein Ding als Achtzigerjahre-Stilklischee).

Auch bei Herbie Hancock ist die Keytar vor allem dazu da, um seine solistische Potenz zu demonstrieren, wenn er breitbeinig die Bühne abschreitet und sich mit dem Bassisten James Genus duelliert, dem Gitarristen Lionel Loueke oder dem Zweitkeyboarder und Saxofonisten Terrace Martin. Die beiden Letzteren fordern ihn nicht ganz so offensichtlich wie Drummer Colauita, aber dafür umso nachhaltiger.

Lionel Loueke war vor fünfzehn Jahren mal das afrikanische Wunderkind des Jazz, aufgewachsen in Benin, der seine erste Gitarre mit Fahrradbremskabeln bespannen musste, weil richtige Saiten aus Nigeria importiert werden mussten, bevor er als Stipendiat am Berklee College of Music von Hancock entdeckt wurde. Die Kitschgesichten sind längst vergessen, weil sich Loueke zwischen den musikalischen Praktiken seiner Heimat und dem gesamten Erbe der Jazzgeschichte eine Technik angeeignet hat, mit der er aus seiner E-Gitarre nicht nur Virtuoses, sondern auch so viel Unerwartetes holt, dass sein Mentor hinter dem Flügel immer mal wieder und immer noch ehrlich erstaunt ist.

Interessantester Neuzugang im Zirkel ist der Keyboarder und Saxofonist Terrace Martin. Der stammt aus South Central Los Angeles und ist derzeit die Schnittstelle zwischen Hip-Hop und Jazz. Martin hat das Meilensteinalbum "To Pimp A Butterfly" des Rappers Kendrick Lamar produziert, für das er Jazzmusiker wie Kamasi Washington, Miles Mosley und Stephen "Thundercat" Bruner ins Studio holte. Die er allesamt seit seiner Kindheit kennt, und die derzeit mit ihren eigenen Solokarrieren in die erste Reihe preschen.

Beim Konzert in Stuttgart spielte Terrace Martin zwar die unauffälligste Rolle, beschränkte sich meist auf Funk-Riffs am Keyboard, setzte sein Altsaxofon nur sparsam ein. Man spürte aber, wie sich Herbie Hancock von ihm zu immer neuen Gipfelstürmen treiben ließ. Nicht weil er in Martin noch eine virtuosen Sparringspartner gefunden hätte. Sondern weil Martin zum einen Herbie Hancocks Vermächtnis in die Gegenwart geholt hat, den Funk der Headhunter-Jahre, aber vor allem die lange belächelten Vocoder-Experimente aus den Disco-Jahren, also jene Platten, auf denen Herbie Hancock seinen Gesang durch diese Art elektronischen Häcksler schickte, der damals als affige Mode abgetan wurde und der heute als Vorläufer der digital nachbearbeiteten Stimmen zum pophistorischen Mythos wurde.

Vor allem aber gelingt es Terrace Martin schon jetzt, mit minimalen Mitteln dieselbe musikalische Wirkung zu erzeugen, die sich Herbie Hancock über Jahrzehnte erspielt hat. Als sich die Band zum Beispiel im Eröffnungsstück "Overture" immer wieder in die kollektive Aufwallung steigert, reicht schon ein einziger Akkord, mit dem Hancock sein Revier markieren kann. Ähnlich schafft es Martin sowohl mit dem Saxofon, mit ein, zwei Noten eine Art musikalischer Duftmarke zu setzen, die man auf Kendrick Lamars Platte genauso wiedererkennt, wie auf Martins immerhin auch schon sechs eigenen Alben. Es wird weitergehen. Daheim in Los Angeles arbeitet Terrace Martin seit einigen Monaten als Produzent an Herbie Hancocks neuem Album, für das er auch Rapstar Kendrick Lamar dazuholte, Thundercat, den Pianisten Robert Glasper und den Saxofonisten Kamasi Washington.

Die Begeisterung war groß beim Schluss-Applaus. Nicht nur vor der Bühne. Hinter der Bühne waren sich die Musiker einmal mehr einig, dass sie nirgendwo so gerne spielen wie auf den europäischen Sommerfestivals, bei denen das Jazz Open längst neben Montreux und North Sea in die erste Reihe gehört. Hier in Europa, sagten sie, nehme man sie eben immer noch so viel ernster als daheim in Amerika. Da, aber nur da hat sich seit Herbie Hancocks Anfänge in den Sechzigerjahren im Jazz erstaunlich wenig geändert.

Herbie Hancock mit Band: 12.7. Wien, 23.7. Freiburg, 21.11. Berlin 23.11. Essen, 29.11. München