Jazz Kraftmischung

Miles Mosley behandelt seinen Kontrabass wie ein Skateboard. Und revolutioniert mit einer Gruppe junger L.A.-Radikaler den Jazz. Kein Wunder. Sie kennen sich alle seit ihrer Förderung in einem Programm für junge Talente.

Von Andrian Kreye

Man erlebt nicht oft, dass ein Musiker sein Instrument revolutioniert. Streng genommen hat man das noch nie erlebt, wenn man zu spät geboren wurde, um in den Fünfziger- und Sechzigerjahren jung gewesen zu sein. Damals, als der Jazz nicht nur musikalische, sondern auch technische Grenzen ausreizte. Der Kontrabassist Miles Mosley jedenfalls behandelt sein Instrument wie ein Extremsportler sein Brett, Rad oder was auch immer die Lebensgefährdung der Wahl wäre.

Auf der Bühne des Bi Nuu, eines Hipsterclubs im Erdgeschoss des Berliner Gründerzeit-U-Bahnhofes Schlesisches Tor, reißt Miles Mosley an diesem Abend die fingerdicken Stahlseiten als Akkord, spielt Kadenzläufe bis hin zu 32stel-Geschwindigkeiten und verwendet eine Bogentechnik, für die er in jeder Musikhochschule Hausverbot bekäme. Vor allem aber leitet er das Audiosignal seiner Bassgeige durch eine Reihe hintereinandergeschalteter Effektgeräte, die eigentlich Rockgitarristen verwenden.

Solche Experimente, Streich- oder Blasinstrumente zu manipulieren, gingen in der Geschichte des Jazz bisher eigentlich immer schief. Selbst Miles Davis klang mit seinem Wah-Wah-Pedal ein wenig affig. Weswegen es umso verblüffender ist, dass Miles Mosley es schafft, seinen Kontrabass so weit zu verfremden, dass letztlich ein vollkommen neues Instrument daraus wird. Eins, das vom orchestralen Vollklang bis zur Rhythmusattacke, von der weichen Melancholie bis zur brutalen Härte ein enormes Spektrum entwickelt, und ihm erlaubt, Solopassagen zu spielen, die im Bi Nuu deutlich an die Bluesgitarren-Exzesse von Jimi Hendrix erinnern. Das alles beherrscht er mit genügend Lässigkeit, um nebenher auch noch bewegend zu singen. Seine Musik ist streng genommen auch kein Jazz, sondern Soul, obwohl das mit den Genres später in dieser Geschichte sowieso keine Rolle mehr spielen wird.

170 Stücke in 30 Tagen: Nach Kamasi Washingtons "The Epic" erscheinen nun drei weitere Alben

Der Vergleich mit den Extremsportarten ist gar nicht weit hergeholt. Zum einen stammt der 36-Jährige aus Los Angeles, wo das Skateboarden und das Surfen zu Volksportarten wurden, und es immer schon den Hang gab, aus der Entropie Südkaliforniens mit kreativen Kraftakten auszubrechen. Zum anderen hat er den Vergleich selbst gezogen. Beim Soundcheck winkte er vor zur Bühne, schlug mit Wucht auf seinen Bass und sagte: "Wie ein Skateboard."

Man durfte dann auch mal auf die Zarge hauen. Das gab einen dumpfen Schlag, denn sie ist aus dickem Sperrholz. Täte man das auf dem Ahornholz seiner 250 Jahre alten Bassgeige, wäre das ein Fall für die Haftpflichtversicherung. Aber mit der spielt er nur noch selten, weil er vor einigen Jahren in einem Vorort von Los Angeles bei der Firma Blast Cult mit dem Sperrholzbassmodell "One4Five" das Instrument gefunden hatte, das seinen Experimenten physisch gewachsen war. "Eigentlich sind das Rockabilly-Bässe", sagte er. "Da steigen die Bassisten manchmal buchstäblich auf ihr Instrument und hüpfen darauf herum." Die Instrumentenbauer von Blast Cult konstruierten ihm auch einen doppelten Tonabnehmer in den Steg. Er verhindert, dass es zu Rückkoppelungen mit dem Verstärker kommt, was in Konzerten seiner Lautstärke zu Hörschäden führen würde.

Nun könnte er auch mit der Bassgitarre experimentieren, aber die spielt er ebenfalls nur noch selten, weil seine Zeiten als Begleitmusiker erst einmal vorbei sind und er seine Vision vom radikalen Kontrabassspielen verfolgen will. Begehrt wäre er immer noch. Er hat in der Vergangenheit für Joni Mitchell gespielt, für Superstars wie Rihanna und Christina Aguilera, für Hip-Hop-Größen wie Kendrick Lamar oder Nas, richtig hartes Rockzeug mit dem Sänger von Korn und dem (am Donnerstag - siehe Seite 12 - verstorbenen) Soundgarden-Sänger Chris Cornell. Und vor allem Jazz. Mit Herbie Hancock, Kenny Burrell, Roy Hargrove.

Vor anderthalb Jahren war er hierzulande mit dem bejubelten Saxofonisten Kamasi Washington auf Tour. Allerdings war er da weniger Begleitmusiker, weil es doch diesen legendären Dezember vor vier Jahren im Kingsize Soundlab Studio in Los Angeles gab. Mosley, Washington und eine Handvoll weiterer Musiker hatten Geld für Studiozeit zusammengelegt und in 30 Tagen über 170 Stücke aufgenommen.

Das erste Album, das aus diesen Sessions hervorging, war das Dreifachalbum "The Epic" von Kamasi Washington. Es erschien auf dem experimentellen Label Brainfeeder des Avantgarde-DJs Flying Lotus und brachte weltweit ein neues, junges Publikum zum Jazz. Seither warteten viele darauf, dass mehr aus den Sessions veröffentlicht wird. In diesem Frühjahr kommt der nächste Schub.

Neben Miles Mosleys "Uprising" (Verve) sind das "Planetary Prince" des Pianisten Cameron Graves, der in Berlin mit Mosley spielt, sowie "Triumph" von Ronald Bruner Jr. Der ist Schlagzeuger und der ältere Bruder des Bassisten Jameel Bruner, den man unter seinem Künstlernamen "Thundercat" kennt. Und der ebenfalls bei den Sessions spielte. Womit man beim Kern des Phänomens ist. Die Musiker, die sich im Kingsize trafen, kennen sich seit ihrer Kindheit. Sie gingen alle zur Alexander Hamilton High School, einer Oberschule, in der die Förderung "ökonomisch benachteiligter" Kinder zum Programm gehört.

Die acht Musiker, die heute mit Miles Mosley und Kamasi Washington als "West Coast Get Down"-Kollektiv den Kern der jungen L. A.-Jazz-Szene bilden, stammen allesamt aus gebildeten, aber nicht besonders wohlhabenden Familien aus den Ghettos von South Central. Ebenfalls auf der Hamilton High waren auch Thundercat und Terrace Martin. Letzterer produzierte vor zwei Jahren das Meilensteinalbum "To Pimp A Butterfly" des Hip-Hop-Stars Kendrick Lamar, auf dem sie alle mitspielten und so ihre gemeinsame Vision einem Millionenpublikum nahebringen konnten.

Das sind ziemlich viele Kettenreaktionen. Sie begannen mit dem Gespür einer Frau, die an dem Abend in Berlin in ihrer neuen Funktion als Mosleys Managerin dabei ist. Barbara Sealy heißt sie, sie ist dieTochter karibischer Einwanderer aus London, die Ende der Achtzigerjahre nach L. A. zog. Vor zwanzig Jahren war sie dort für das Thelonious Monk Institute Talentscout in einem musikalischen Förderprogramm für Kinder aus Elendsvierteln.

Miles Mosley erinnert sich. "Ich war 13, als Barbara mich im Unterricht hörte und rauszog." Sie brachte ihn mit dem gleichaltrigen Schlagzeuger Tony Austin zusammen (auch der ist an dem Abend in Berlin dabei) und dann mit Washington, den Bruner-Brüdern, mit Graves. "Sie hat uns Stipendien besorgt, damit wir auf die Uni können. Und sie hat Giganten wie Herbie Hancock, Wayne Shorter oder, in meinem Fall, Ray Brown dazu gebracht, uns Unterricht zu geben."

Wenn sie live auftreten, merkt man, dass sich die Musiker seit ihrer Kindheit kennen

Barbara Sealy ist eine zierliche Frau mit kurzen Haaren, die viel zu bescheiden ist, über ihre Schlüsselrolle zu reden. "Sie waren alle so begabt", sagt sie. Ganz kann sie ihren Entdeckerstolz aber nicht verbergen. "Großartig, dass sie so früh Arbeit fanden." Sämtliche "West Coast Get Down"-Musiker touren seit ihren Teenagerjahren mit den ganz Großen. Aber jetzt: "Der Durchbruch für die anderen nach Kamasi ist abzusehen. Den haben sie verdient." Dass Miles Mosley aussieht wie ein Actionfilmstar, wird helfen. Reiner Zufall ist es, dass Kamasi Washington derzeit noch als Star der Gruppe gilt. "Sein Album war eben als erstes fertig", sagt Mosley. "Wir haben dann entschieden, uns gemeinsam dahinterzustellen. In der Hoffnung, dass sich daraus neue Möglichkeiten ergeben."

Die Rechnung ging auf. Mosleys Album wurde vom altehrwürdigen Jazzlabel Verve übernommen. Cameron Graves ist zwar auf dem Kleinstlabel Mack Avenue gelandet und Ronald Bruner Jr.'s "Triumph" gibt es bisher nur in digitaler Form. Kritiker sind aber schon begeistert. Und um die Hörer vollends zu verwirren, klingen sie auch noch extrem unterschiedlich.

Cameron Graves hört man die klassische Ausbildung an, er ist Metal-Fan, kleidet sich auf der Bühne mit Lederweste und Nieten auch so, spielt deswegen auf seiner Platte und an diesem Abend mit einer Virtuosität und Kraft, die atemberaubend ist. Ronald Bruner Jr. hat lange für die Hardcore-Band Suicidal Tendencies getrommelt, was man "Triumph" anhört, auch wenn das eher brachialer und sehr furioser Jazz-Fusion-Rock ist. Miles Mosleys Album "Uprising" ist wie gesagt eher Soul, der aber, fürs Radio ungeeignet, in den Arrangements und Freiheiten des Jazz wurzelt.

Wenn sie live spielen, merkt man, dass sich die Musiker seit ihrer Kindheit kennen. Da herrscht eine Einigkeit und eine Vorstellung von Klangbild, Melodieführung und Dynamik, die über alle Genregrenzen hinweg funktioniert. Was bei Kamasi Washingtons Konzerten schon erstaunlich war und sich bei Mosleys Auftritten nun noch steigert, ist aber das Energielevel. Das Berliner Publikum (wenig ältere Jazzfans, viele jüngere, chronisch Neugierige) ist euphorisch überwältigt.

Miles Mosley nickt nach dem Konzert. "Das werden wir nicht ewig durchhalten", sagt er. "Mit solcher Kraft spielt man nur, wenn man jung ist." Das Selbstvertrauen, dass danach neue musikalische Entwicklungen kommen, zieht er keine Sekunde in Zweifel.