Jazz Die Ideen der Idole

Jazz-Kontrabassist Dieter Ilg kommt aus der Mitte Europas und spürt den Komponisten nach, die über Jahrhunderte hier gewirkt haben.

(Foto: oh)

In diesem Jahr steht der BMW Welt Jazz Award unter dem Motto "Inspired by Legends". Bis zum Finale am 7. Mai gehen die Musiker auf ganz unterschiedliche Weise in diesem Thema auf

Von Ralf Dombrowski

Mit Vorbildern ist das so eine Sache. Folgt man ihnen sklavisch, muss man sich Eklektizismus vorwerfen lassen, adaptiert man sie salopp, fehlt der nötige Ernst. Besonders der Werkkorpus der europäischen Klassik ist in dieser Hinsicht von einer Schutzglocke umgeben, der sie gegenüber vermeintlich respektloser Bearbeitung mit einem Aufschrei der Normenwärter schützt.

Dabei kann man auch anders und selbstbewusster argumentieren, nach dem Tenor, dass die wahre Kunst letztlich in jeder Transformation ihre Größe entfalte. "Klassische Musik zu bearbeiten", meint beispielsweise Dieter Ilg, "ist für mich in etwa so, als würde ich sie in meine Jazz-Küche holen, köcheln lassen, filetieren und sautieren, damit sie ihren Eigengeschmack noch stärker entwickeln kann." Ein Komponist wie Ludwig van Beethoven steht daher für den Freiburger Kontrabassisten durchaus neben einem Charles Mingus oder einem Duke Ellington.

Er hat in mancher Hinsicht sogar noch mehr mit seiner künstlerischen Gegenwart zu tun als die amerikanischen Kollegen: "Ich komme aus der Mitte Europas. Die vielen Komponisten, die über die Jahrhunderte gewirkt haben, waren prägend für meine eigene musikalische Entwicklung, egal, ob ich sie nun über Bearbeitungen von Volksliedern im Kindergarten oder den ersten Geigen-, Bratschen-, Kontrabassunterricht mitbekommen habe. Klassische Musik ist der Ursprung meiner Klangwelt. Für meine Herangehensweise ist sie grundlegend, und dort suche ich nach neuen Eindrücken, danach, Dinge anders zu verstehen, nach frischen Farben, veränderten Gestaltungsideen."

Und so starten die diesjährigen Wettbewerbskonzerte des BMW Welt Jazz Awards, die unter dem Motto "Inspired by Legends" stehen, am Sonntagmorgen um elf Uhr mit Dieter Ilg, dem Pianisten Rainer Böhm, dem Schlagzeuger Patrice Héral und Meister Beethoven im Doppelkegel der BWM Welt. Bis zum 20. März präsentieren sie ein halbes Dutzend sehr unterschiedliche Herangehensweisen an die Ideen von Idolen, die von ferner Ahnung bis ironischer Überhöhung reichen.

Dabei müssen es nicht zwangsläufig Musiker oder Komponisten sein, mit denen sich die eingeladenen Künstler beschäftigen. Der israelische Saxofonist Oded Tzur (31. Januar) etwa folgt Scheherazade und lässt sich von den Märchen aus "Tausendundeiner Nacht" beeinflussen, deren Geist er mit seinem Quartett in die Sprache der Improvisation übersetzt. Für den italienischen Pianisten Stefano Battaglia (14. Februar) kann es gar nicht komplex genug sein. Seine Quellen der Inspiration sind grandiose Hermetiker wie der Regisseur Pier Paolo Pasolini oder der Schriftsteller Italo Calvino - neben Literaten wie Homer, Adalbert Stifter, Edgar Allen Poe - und er sublimiert deren Einflüsse in einem anspruchsvollen Trioprogramm.

Erika Stucky (21. Februar) wiederum traut sich was. Gemeinsam mit den drei vitalitätserprobten Haudegen Christy Doran an der Gitarre, Jamaaladeen Tacuma am Bass und Schlagzeuger Fredy Studer nimmt sie mit der ihr eigenen fröhlich-anarchischen Energie das Repertoire der Rocklegende Jimi Hendrix unter die Lupe. Weitaus zarter wiederum geht der Schlagzeuger Karl Latham (28. Februar) vor, der sich im kammerjazzigen Quartett der Klangwelt der Isländerin Björk widmet.

Als Abschluss der Reihe schließlich wendet sich die Sängerin Indra Rios-Moore (20. März) im Quartett den Pop-Größen ihrer Jugend zu. Wer am Ende mit der Umsetzung seiner Inspirationen am meisten überzeugt, entscheidet sich mit den beiden Finalisten am 7. Mai im Auditorium der BMW Welt. Bis dahin aber ist viel pfiffige, mitreißende Musik ins Land gegangen.

BMW Welt Jazz Award, "Inspired by Legends", 24. Januar bis 7. Mai, BMW Welt, Olympiapark, Informationen unter www.bmw-welt.com