Jazz Akkordarbeit

In Berlin soll das House of Jazz entstehen, Konzertsaal, Akademie und Förderzentrum in einem. Jetzt hat der Jazztrompeter Till Brönner erstmals erklärt, wie er auf die Idee dazu kam und was er dort genau vorhat.

Von Peter Burghardt

Till Brönner sitzt in einem Hamburger Künstlerzimmer und erzählt von seiner Berliner Idee. Gleich wird Deutschlands bekanntester Jazzmusiker mit seinem Sextett hier in der Laeiszhalle seine Tour "The Good Life" fortsetzen, auf der Kommode liegen Flügelhorn und Trompete. Neben ihm hat aber erst mal ein Mann Platz genommen, der sich mit Zahlen besser auskennt als mit Tönen und in dieser Sache sein Verbündeter geworden ist. Gemeinsam mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Rüdiger Kruse erklärt Brönner vor dem Soundcheck, wie sich mitten in der Hauptstadt ein Jazz-Zentrum von Weltniveau einquartieren soll. Es ist die Geschichte des House of Jazz Berlin. Wenn alles klappt, dann wird das Ganze ein kulturpolitischer Coup.

Auch Herbie Hancock war begeistert, als ihm Till Brönner davon berichtete. Man traf sich Ende April bei Barack Obama im Weißen Haus, damals noch ein Ort für Visionen. Der US-Präsident hatte einige der berühmtesten Jazzgrößen zum International Jazz Day geladen. Brönner war der einzige Deutsche dieser Weltauswahl, er spielte neben Legenden wie Chick Correa, Pat Metheny, Aretha Franklin oder dem Pianisten und Komponisten Hancock, der auch Unesco-Botschafter ist und Vorsitzender des Thelonious Monk Institute of Jazz. Morgan Freeman moderierte. Die Jazzszene bestätigt Brönner bei solchen Begegnungen immer wieder, dass ein deutsches Haus für ihre Musik eine ausgezeichnete Sache wäre. "Wir machen das nicht aus der Diaspora heraus", sagt er jetzt Backstage. "Das Projekt wird uns zugetraut."

"Jazz ist eine Metapher für Demokratie", heißt es beim Lincoln Center in New York

Geht alles gut, dann entsteht am Spreeufer bis 2019/2020 das House of Jazz Berlin, ein Kreativcenter mit Bühne, Forum, Studio und Akademie, mit Konzerten, Workshops, Lesungen und Spitzenband. "Wenn ich ehrlich bin, dann träume ich schon seit 15 Jahren davon", sagt Brönner. Inzwischen ist der Traum so konkret wie nie. Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters, der vormalige Berliner Kulturstaatssekretär und Musikmanager Tim Renner und der Haushaltsexperte Kruse haben in einer Art großen Koalition dafür gesorgt, dass das Projekt nun im Bundesetat gelandet ist.

Der Wunsch hat dank Renners Vermittlung sogar schon eine Adresse: die frühere Prägeanstalt "Alte Münze" gegenüber vom Roten Rathaus. In einem Teil des Backsteingebäudes, das derzeit für Ausstellungen, Werkstätten und Events genützt wird, soll das House of Jazz einziehen. Der Staat will die Hälfte der Baukosten übernehmen, 12,5 von 25 Millionen Euro. Manches andere muss sich noch finden. Zu klären wäre unter anderem, wer den Rest bezahlt, wer die laufenden Kosten von geschätzt 5,2 Millionen Euro im Jahr übernimmt, was mit den aktuellen Mietern geschieht und wie der neue Berliner Kultursenator Klaus Lederer von den Linken das alles sieht.

Eine 120 Seiten dicke Machbarkeitsstudie hat der Bund bereits finanziert, Till Brönner soll den Entwurf nun verfeinern. In der Zusammenfassung ist zu lesen, dass die Zeit gekommen sei, "ein Zeichen für die integrative Kraft der Musik in Europa zu setzen". Erstmals solle "in Deutschland und am Standort Berlin ein zentraler kultureller Ort etabliert werden, an dem deutsche und internationale Gäste Konzerte erleben, talentierte Musiker gefördert sowie Austausch, Forschung und Tradition gepflegt werden." Der Initiator Brönner holt in Zeit und Raum etwas weiter aus.

Die Reise könnte in New York anfangen, dort steht das Vorbild für Berlins Jazzhaus. Es ist das Jazz at Lincoln Center, kurz JALC, hoch über Manhattan, mit Blick auf den Central Park. Geleitet werden das JALC und sein Orchester von dem Trompeter Wynton Marsalis. "Die Mission von Jazz am Lincoln Center" sei es, "die Global Community des Jazz zu unterhalten, zu bereichern und zu erweitern", heißt es im Bekenntnis der Organisation. "Wir glauben, Jazz ist eine Metapher für Demokratie."

Das 2004 eröffnete JALC bietet unter anderem zwei Säle und einen Jazzclub, der nach Coca-Cola und Dizzy Gillespie benannt ist. Das einstige Trompetergenie Gillespie, dies nur nebenbei, bewarb sich 1964 für die US-Präsidentschaft. Im Falle seines Sieges wollte er das White House in das Blues House verwandeln und Miles Davis zum Chef der CIA ernennen, leider gewann der Vietnamkrieger Lyndon B. Johnson. Till Brönner erwähnt den Dizzy-Gag in Hamburg zwischen zwei schönen Stücken, auch hat er als Mitglied der globalen Jazzelite einen direkten Draht zu Wynton Marsalis. Doch die Genese eines Herzstücks für den deutschen Jazz reicht bis zurück in seine Jugend, bis ins Bundesjazzorchester von Peter Herbolzheimer.

Till Brönner stammt aus Viersen, wo viele junge Männer eher davon träumen, Fußballprofi in der Nachbarstadt Mönchengladbach zu werden. Er war 15 und Gymnasiast, als er in der Jugendnationalmannschaft des Jazz landete, gegründet von Herbolzheimer, auf Anregung des Deutschen Musikrates. 30 Jahre ist das her. Das BuJazzO war die Basis seiner Weltkarriere. "Das Einzige, was es über all die Jahre hier nicht gab, war ein fester Standort, ein Haus für den Jazz", sagt er. Das soll sich ändern. "Ich bin selbst Nutznießer der deutschen Förderprogramme, da schauen uns sogar die Amerikaner neidisch an. Ich habe meine Chance durch dieses Land bekommen." Er will etwas zurückgeben.

Nur: Was genau möchte dieses House of Jazz Berlin sein? In den Räumen, so die noch vagen Pläne, soll gespielt werden, unterrichtet, aufgenommen, geforscht. Talente sollen unterstützt werden und den Besten begegnen. Dozenten wie Till Brönner, der auch an der Hochschule in Dresden lehrt. Ein House of Jazz Berlin Orchestra von Weltrang soll die Einflüsse musikalischer Migration und Globalisierung aufnehmen. Berliner könnten zum Beispiel im Lincoln Center Station machen und New Yorker im House of Jazz. "Internationale Strahlkraft", wünscht sich Brönner, multikulturell, hörbar, experimentierfreudig.

Natürlich muss das House of Jazz in Berlin stehen. Berlin zieht, genauso wie der Name Brönner. Till Brönner wohnt seit 1991 dort und war jahrelang bei der RIAS Big Band engagiert. Inzwischen lebt er außerdem im wärmeren Los Angeles, wo man außer Stränden und Studios Götter wie Quincy Jones findet. Aber Fremde lieben Berlin, nicht zuletzt Amerikaner, darunter viele Jazzer. Sie fühlen sich in Europa traditionell oft wohler als zu Hause, dieses Woody-Allen-Prinzip könnte sich mit Mr. Trump im Oval Office eventuell verschärfen. Berlins Ruf im Ausland ist noch besser als das, was einem dort manchmal begegnet, deshalb weiß Till Brönner: "Man kommt gar nicht umhin, mit Weltklasse anzufangen."

Das Zentrum soll im Gebäude der Alten Münze, direkt neben dem Roten Rathaus unterkommen.

(Foto: Ulf Büschleb)

Die kreativste, weltstädtischste und vor allem unfertigste Metropole des Landes passt ja zum Jazz, in dessen Rahmen allerlei Umwege erlaubt sind. "Jazz spricht für das Leben", schrieb Martin Luther King 1964 für das Berliner Jazz Festival. "Viel von der Kraft unserer Freiheitsbewegung in den USA kam von dieser Musik."

"Musik sucht sich instinktiv ihren Ort", glaubt Till Brönner. "Das wird und muss der Jazz sein, der für ein weltoffenes Berlin steht. Jazz ist ja auch eine Form, die von Musikern im freien Fall auf der Bühne verhandelt wird, ein Dialog. Am Ende steht bei allem Dissens auch der Konsens." Wer ein Instrument in die Hand nehme, der verzichte gewöhnlich auf die Faust - "das ist im weitesten Sinne eine friedensstiftende Maßnahme."

Jazz ist für ihn "eine Sprache, die auf Augenhöhe mit der klassischen Musik anzusiedeln ist. Eine Sprache, die jeder lernen kann". Till Brönner beherrscht die Weltsprache Jazz mit brillanter Technik und Phrasierung. Auch wenn er Nörglern zu erfolgreich ist, zu perfekt, auch Fusion mag und sogar singt, obwohl er keine Stimme wie Chet Baker hat. Seine neue CD und das Konzert mit seiner grandiosen Band in der Laeiszhalle machen nostalgisch gute Laune. "The Good Life" halt, wie der Name des Albums und des ersten Klassikers darauf. Das vorletzte Stück der Hamburger Aufführung ist von Bach, das letzte eine Version des Gassenhauers "Happy". Warum nicht - Miles Davis war sich auch nicht zu fein, in seinem Spätwerk eine Nummer von Cindy Lauper unter Arrest zu nehmen.

Und jetzt also das House of Jazz Berlin? "Der Sound, der da rauskommt, soll die Leute wirklich anziehen", schwärmt der Politiker Kruse. "Weltspitze für Deutschland, wenn nicht sogar für Europa - da macht es Sinn, dass der Bund reingeht." Er legt Wert auf die Feststellung, dass dies ein Parlamentsprojekt sei, denn: "Wie keine andere Musikform entspricht Jazz dem nicht festgelegten, nicht immer gleich wiederholbaren Spiel der Ideen und Kräfte im Parlament." Was im nächsten Bundestag mit sieben Parteien leicht dissonant klingen könnte, aber das ist eine andere Geschichte. Till Brönner kann sich vorstellen, dass bei Staatsempfängen mal deutsche Topjazzer auftreten statt eines Streichquartetts.

Drei Tage nach dem Gespräch in Hamburg nimmt Brönner dann vor seinem Auftritt in der Berliner Komischen Oper sein Flügelhorn, fährt mit seinem Gitarristen zu Angela Merkel ins Kanzleramt - und spielt noch einmal für Barack Obama. Auf einem Foto sieht man, wie der Jazzfreund Obama andächtig lächelt.