James Bond: "Skyfall" im Kino Mit der Kraft der Bulldogge

Die Augen sind rot unterlaufen, seine Kugeln treffen die Zielscheibe nicht mehr: In "Skyfall" gibt es Momente, in denen James Bond sehr alt aussehen darf. Aus all den inneren Widersprüchen, die diese uralte, ewig junge Figur anlässlich ihres Leinwandjubiläums plagen müssen, geht 007 jedoch furios hervor - und katapultiert sich in eine ganz neue Liga.

Von Tobias Kniebe

Daniel Craig als James Bond in "Skyfall" von Sam Mendes - gnadenloser Fokus auf den Augenblick.

(Foto: dapd)

Fünfzig Jahre - was soll ein Mann wie James Bond schon dazu sagen? Nichts natürlich. Gnadenloser Fokus auf den Augenblick. Das war von Anfang an sein Geheimnis. Und doch muss er an der Seite der Queen Olympia eröffnen, muss seine Rolle als Nationalheiligtum annehmen, muss dem Bild eines gefeierten Jubilars entsprechen. Wenn das nur mal gut geht.

"Skyfall" beginnt mit einem modernen, wikileaksartigen Desaster: Daten sind in die falschen Hände geraten. Ihre Enthüllung könnte Agenten enttarnen, eingeschleust in die Terrortruppen der Welt. Wer immer dahintersteckt, muss die schmutzige Arbeit nicht einmal selbst erledigen: Ein Name, im Internet gepostet - das Enthauptungsvideo wird folgen.

Noch sind diese Informationen, die die Briten verloren haben, gebannt auf einer verschlüsselten Festplatte, in der Hand eines Killers. Bond und Konsorten jagen ihn durch die Altstadt von Istanbul, per Jeep und Motorrad, durch wuselnde Gassen, über die Dächer des Grand Bazaar, bis hin zum Zweikampf auf einem fahrenden Zug. Das ist spektakulär, aber für Bond ist es auch Routine. Wie viele Zugdach-Kloppereien hat er schon bestanden? Ungefähr bei "Octopussy" hat er vermutlich zu zählen aufgehört.

Wer dagegen überraschend Nerven zeigt, ist M alias Dame Judy Dench. In unklarer Lage ordert sie einen Distanzschuss. Der trifft den Falschen. Bond stürzt ins Bodenlose. Adele singt "Skyfall". Und als die Titelsequenz vorüber ist, wird bereits der Nachruf für die Times geschrieben.

Aber auch der Tod des Helden ist im Bond-Universum business as usual. Vor Jahrzehnten durften wir schon einmal einer Seebestattung beiwohnen, längst lebt Bond mehr als nur zweimal. Sein aktuelles "Sterben" nutzt er immerhin, um ohne Wissen der Zentrale ein wenig auszuspannen: Strandhütte, Wunden lecken, Mädchen, Komasaufen.

Doch der Kurzurlaub im Hades ist bald vorbei. Die Pflicht ruft erneut, die Datenlecks werden größer, bald ist der ganze Secret Service infiziert, das Hauptquartier in London muss geräumt werden, und M, von höherer Stelle der Inkompetenz angeklagt, kämpft um ihr politisches Überleben. Bond allerdings geht aus seinem Rendezvous mit dem Tod dramaturgisch gestärkt hervor. All die inneren Widersprüche, die diese uralte, ewig junge Figur anlässlich ihres Leinwandjubiläums plagen müssen, können nun direkt in die Geschichte integriert werden.

Also gibt es jetzt Momente, in denen Bond sehr alt aussehen darf. Als mache er den Job tatsächlich schon seit fünfzig Jahren - auf jeden Fall aber viel zu lange. Die Augen sind rot unterlaufen, seine Kugeln treffen die Zielscheibe nicht mehr, in der Brust stecken immer noch ein paar Metallsplitter. Ständig wird seine Fitness hinterfragt, seine Eignung für den Außendienst. Zugleich aber gilt auch der ganze Außendienst - "field work" heißt das hier - als rückständig und überholt. James Bond, ein abgewrackter Feldarbeiter, mit Schwielen an den zitternden Händen?

Um solchen Ideen den nötigen Schub zu geben, hilft dann ein Oscargewinner im Bond-Regiestuhl - der erste in fünfzig Jahren - tatsächlich sehr. Sam Mendes inszeniert zum Beispiel die Szene, in der Bond seinen neueingestellten Waffenmeister Q (Ben Whishaw) kennenlernt, allen Ernstes in der National Gallery in London.

Bond sitzt da auf einer Bank und starrt auf William Turners berühmtes Gemälde "The Fighting Temeraire". Die Sonne sinkt, das riesige alte Schlachtschiff, entscheidend für Nelsons Sieg bei Trafalgar, hat die Segel gestrichen und wird zur Verschrottung an Land gezogen. Und auf einmal sitzt dieser picklige Technik-Nerd neben ihm, faselt von "schmählicher Entsorgung", sinniert über die "Unausweichlichkeit der Zeit". Dann fragt er, was Bond darin sieht. "Bloody big ship", sagt Bond.

Sturheit unter Druck, ein zäher Überlebenswille, die Verachtung aller Moden, was die Beurteilung der eigenen Arbeit betrifft, dazu ein beinharter Pragmatismus - all das klingt hier schon an. Und genau das ist es, was Bond und M in diesem Film verbinden wird, am Ende beinahe wie Mutter und Sohn, oder zumindest wie Adoptivmutter und Waisenkind. "Waisen waren immer die besten Rekruten", wird sie später sinnieren, verloren in Tradition und Vergangenheit. Und die Erzählung wird noch spektakulär darauf zurückkommen.