Ob hochschwanger oder nierenkrank: Aus ganz Europa reisten Filmfans an, um in Abendkleid und Smoking um eine Komparsenrolle zu zittern und einmal im Leben James Bond nahe zu sein. Ein Theatermeister berichtet.
Bondfieber in Bregenz am Bodensee: In Smoking und Abendkleid haben das ganze Wochenende über vor dem "Theater am Kornmarkt" Tausende Menschen auf ihren Casting-Auftritt für den neuen James-Bond-Film gewartet. Aus ganz Europa waren die Filmfans angereist. Sie möchten Ende April, Anfang Mai dabei sein, wenn Daniel Craig als 007 in den Kulissen der Puccini-Oper "Tosca" über die Bregenzer Seebühne wirbelt. Als Komparsen werden sie 60 Euro pro Drehtag erhalten - eine Gage, die bei vielen noch nicht mal die Reisekosten deckt. Und die Übernachtungskosten werden auch nicht übernommen. Während des nächtlichen Drehs sollten die Laiendarsteller lange Unterwäsche unter der Abendgarderobe tragen, rät das Filmteam. Es könnte kalt werden. Die SZ sprach mit Alfred Fel, 58, der seit 33 Jahren als Theatermeister im Theater am Kornmarkt arbeitet und für den reibungslosen Ablauf des Filmcastings sorgte.
Bild vergrößern
Hoffnung: Komparsen-Anwärter Nummer 5095. (© Foto: ap)
Anzeige
SZ: Herr Fel, um wie viel Uhr sind Sie am Wochenende denn immer so aufgestanden?
Fel: Um sieben Uhr morgens. Die Statisten standen schon um vier vor dem Theater. Gut, die Tür habe ich trotzdem erst um halb neun geöffnet.
SZ: Und wie viele Personen haben Sie bis Sonntag ins Theater gelassen?
Fel: 6000. Von denen werden aber meines Wissens nur 1500 genommen.
SZ: Herr Fel, was treibt Menschen dazu, sich stundenlang vor ein Theater zu stellen, um in einer Filmszene mit 1499 anderen Komparsen nachts in der eiskalten Luft einer Seebühne zu sitzen?
Fel: Ich weiß es nicht.
SZ: Haben Sie sich auch casten lassen?
Fel: Nein. Dafür habe ich keine Zeit.
SZ: Es wäre die Gelegenheit gewesen!
Fel: Vor vielen Jahren war ich einmal Komparse. In einem Kinofilm. Der hieß "Anna". Ich war der Requisiteur.
SZ: Gut. Aber hier ging es um einen James Bond.
Fel: Wissen Sie, ich kann mich nicht einfach so als Komparse für drei Nächte verpflichten. Ich kann ja jetzt gar nicht sagen, ob ich Ende April überhaupt Zeit für so etwas haben werde.
SZ: Haben Sie denn sehr viel zu tun, als Theatermeister?
Fel: Ja. Gerade läuft die Jugendvorstellung "Robin Hood". Und dann gibt es eigene Premieren, Gastspiele, Kongresse, Modeschauen...
SZ: Verstehe. Wie haben Sie die drei Casting-Tage in Bregenz erlebt?
Fel: So etwas habe ich überhaupt noch nicht gesehen. Die Leute haben ja versucht, an allen Öffnungen des Hauses irgendwie hineinzukommen. Am häufigsten war der Satz: "Ich bin zu dem Casting stundenlang angereist und muss jetzt gleich wieder zurückfahren. Lassen Sie mich rein?"
SZ: Und woher kamen die Menschen?
Fel: Aus Hamburg, Wien, Zürich, Genf, Italien, Frankreich, Holland. Ich würde mal sagen: Aus einem Umkreis von bis zu tausend Kilometern.
SZ: Hat man Sie bestochen?
Fel: Gelegentlich wurde ich gefragt, was man denn tun könne, um die eigene Wartezeit zu verkürzen. Da habe ich geantwortet: nichts. Es gab wirklich tragische Fälle. Ich erinnere mich an eine Dame, die am Samstag vier Stunden nach Bregenz gefahren ist. Sie ist lange in der Schlange gestanden und nach dem Casting ist sie wieder vier Stunden zurückgefahren. Am Sonntag rief sie an und sagte: "Ich habe bei Ihnen im Theater meine Tasche vergessen. Ich fahre gleich wieder los." Eine andere Dame brach mit einem Kreislaufproblem zusammen.
SZ: Es heißt, eine Frau, die sich casten lassen wollte, erwarte Ende April ein Kind.
Fel: Ja. Das habe ich auch gehört.
SZ: Und ein Mann möchte seine Nierentransplantation verschieben, wenn er genommen wird.
Fel: Verrückt.
SZ: Gibt es aus Ihrer Sicht jemanden, für den sich das Ausharren vor dem Theater schon jetzt gelohnt hat?
Fel: Ja. Wir haben hier einen Catering-Unternehmer. Der ist mit einem Handwägelchen voller Brezn, Brötchen und Getränken vor dem Theater auf- und abgegangen. Für den hat es sich gelohnt.
SZ: Und was mussten die Komparsen während des Castings so alles tun?
Fel: Erst mussten sie ein Formular ausfüllen, dann wurden sie fotografiert, dann vermessen. Das ging alles ganz flott.
SZ: Selbst Brüste wurden vermessen, oder?
Fel: Ja. Im Theater ist das immer so.
SZ: Herr Fel, wie werden Sie sich von diesem Stress am vergangenen Wochenende erholen?
Fel: Am Dienstag hab' ich frei.
(SZ vom 22.01.2008/rus)
Bundespräsident Gauck in Israel