James-Bond-Buch Waffenscheinpflichtig

Was wurde im Jubiläumsjahr nicht schon alles über James Bond gesagt, geschrieben und veröffentlicht? Nun legt der Taschen-Verlag nochmal nach und präsentiert auf 600 Seiten Skizzen eines Filmarchitekten, Publicity-Fotos, Schnappschüsse und sogar Drehpläne. Mit diesem Buch könnte James Bond jeden Gegner erschlagen.

Von Tobias Kniebe

Szene mit dem DB5 aus "Goldfinger".

(Foto: United Artists and Danjag LLC)

Beim Taschen-Verlag regiert erkennbar der Ehrgeiz, in allen Dingen das letzte Wort zu behalten. Ob es dabei um große Brüste, um Riesenpenisse, um Stanley Kubricks Nachlass oder Ingmar Bergmans Notizen geht, spielt zunächst einmal keine Rolle.

Was immer sie dort zwischen Buchdeckel packen, tendiert zum Großformatigen, Epischen und Detailversessenen. Bei den Bildern zum Beispiel: Warum eine schmale Auswahl drucken, wenn die Archive doch überquellen? Oder bei der Dokumentation: Wenn 150 Zeitzeugen erst einmal zu reden anfangen, wer kann schon sagen, was später wichtig sein wird? Am besten packt man so viel wie irgend möglich auf die Seiten - und überlässt die kleinlichen Wertungen lieber der Nachwelt.

So liegt es nahe, dass zum großen Jubiläumsjahr auch die Lordsiegelbewahrer des James-Bond-Imperiums, die Erben des Produzenten Albert "Cubby" Broccoli, mit Benedikt Taschen handelseinig geworden sind. Wer sollte all die Erinnerungsschätze aus 50 Jahren Bond noch fassen, wenn nicht ein Taschen-Band?

So ist wieder eines dieser herrlichen Monstren entstanden, mit 600 Seiten und einem Gewicht von 6,5 Kilo. "The James Bond Archives" überschreitet die Grenze vom Buch zum Gadget: Bond könnte jeden Gegner damit erschlagen. Jetzt warten wir nur noch auf den Moment, in dem der Endkampf eines Bondfilms einmal in einer Taschen-Bibliothek stattfindet - der Waffencharakter, der diesen Publikationen eignet, muss ja nicht auf popkulturellen Distinktionsgewinn beschränkt bleiben.

Es ist also tatsächlich alles drin: Die Skizzen des Filmarchitekten Ken Adam etwa, eigenständige Kunstwerke von megalomaner Lässigkeit, wie die achtstöckige unterirdische Kathedrale, die er in "Goldfinger" für die Goldreserven von Fort Knox entworfen hat. Dann das Design der Vorspänne, Publicity-Fotos, Schnappschüsse vor und hinter der Kamera, sogar Drehpläne und Verträge im Faksimile.

Wer nun angesichts von Film, Song, Ausstellungen, Dokumentationen und endlosen Geburtstagsartikeln bereits eine gewisse Bond-Müdigkeit verspürt, dem sei versichert: Bald wird es Ruhe geben - aber eben erst, wenn wirklich das letzte Wort gesprochen ist.

Und das passiert hier - um nur eines von Myriaden Beispielen zu nennen - unter anderem dann, wenn Bob Simmons, der Stunt-Coordinator des allerersten Bond-Films "Dr. No", wie nebenbei die Urheberschaft jener eiskalten Sprüche enthüllt, mit denen Bond von Anfang an das Geschehen kommentiert. Etwa eine Verfolgungsjagd mit Leichenwagen, die für die Schurken nicht gut ausgeht. Connery schaut in den Graben hinab, in dem sie gelandet sind, und sagt: "Ich glaube, sie wollten zu einem Begräbnis." Simmons schwört, dass das improvisiert ist, dass Connerys eigener schottischer Humor hier durchschlägt.

Das Bemerkenswerteste an diesem Band ist aber schließlich die Tatsache, dass auch zwei Bond-Filme gleichberechtigt vorkommen, die sonst nie mehr erwähnt werden: "Casino Royale" von 1967, mit David Niven als Bond - und "Sag niemals nie" von 1983, für den Sean Connery nach zwölf Jahren Abstinenz zurückkam. Beide sind nicht aus dem Hause Broccoli, illegitime Kinder sozusagen, geboren aus Rechtsstreitigkeiten und dem späteren Hass zwischen Connery und Broccoli. Was Broccolis Erben betrifft, sind diese Filme mit einem Bannstrahl belegt, sie sollen aus der Filmgeschichte getilgt werden. So musste "Skyfall", der aktuelle Film, den offiziellen Arbeitstitel "Bond 23" tragen - obwohl er eigentlich Nummer 25 ist.

Wenn nun aber Benedikt Taschen und sein Herausgeber Paul Duncan erst einmal mit ihrem Vollständigkeitsanspruch anrücken, dann strecken selbst jene irgendwann die Waffen, die 99 Prozent aller Bond-Schätze kontrollieren. Was sagt uns das? In Sachen Filmbücher hat Taschen inzwischen eine Lizenz zum Töten.

Paul Duncan (Hrsg.): Das James Bond Archiv. Taschen Verlag, Köln 2012. 600 Seiten, 150 Euro.