Jahresrückblick Ideen aus dem Jahr 2016, die bleiben

Krieg im Netz, der Literaturnobelpreis für Songtexte, das postfaktische Zeitalter: Welche Phänomene aus dem vergangenen Jahr werden uns noch 2017 beschäftigen?

Identität vs. Identitäre

Ein paar Jahrtausende lang beschrieben Philosophen, Soziologen, Psychologen Identität als eine Art geschmeidiges emotionales Kostüm der Persönlichkeit, individuell, aber wandlungsfähig und gerade dadurch stabil. Diese Lesart steht inzwischen ziemlich unter Druck, denn mächtige Strömungen drehen den Zusammenhang einfach um. Grob gesprochen gelten nicht die Lebensumstände als prägend für die Identität, sondern die Identität soll, umgekehrt, zum Handeln motivieren. Das gilt für Schwarze, Frauen, Liberale, aber am schlimmsten wird es, nicht nur sprachlich, wenn die gute alte Identität zum schlampig gebildeten Substantiv wird. Die "Identitären" versprechen Stabilität durch Abgrenzung: Wir alle - "alle" ist in der Regel eine überschaubare Gruppe - gegen die da oben, die da unten, die da draußen. Und erst wenn die letzte fremdenfeindliche Aktion durchgeführt ist, werden die Biodeutschen begreifen, dass sie nichts verbindet außer einem bisschen Blut.

Sonja Zekri

2. Januar 2017, 15:342017-01-02 15:34:38 © SZ.de/luc