600 Jahre Wiederentdeckung von "De rerum natura" Feiert Lukrez statt Luther

Der "Frühling" von Sandro Botticelli (1445 - 1510), gemalt in den 1480er Jahren, zeigt Venus, umgeben von weiteren antiken Gottheiten. Die Darstellung folgt offensichtlich den Versen des Lukrez 5.737.

(Foto: Quelle: Wikimedia Commons)

Deutschland feiert den Reformator Martin Luther - aber nicht jeder mag ihn bejubeln. Als Alternative bietet sich ein anderes Jubiläum an: Vor 600 Jahren wurde ein antikes Gedicht wiederentdeckt, dessen Bedeutung für die moderne Welt kaum zu überschätzen ist.

Von Markus C. Schulte von Drach

"Also, nun kommt der Sinn des Lebens. Nun, es ist wirklich nichts Besonderes. Versuch einfach, nett zu den Leuten zu sein, vermeide fettes Essen, lies ab und zu ein gutes Buch, lass Dich mal besuchen und versuch mit allen Rassen und Nationen in Frieden und Harmonie zu leben."

Monty Python (Der Sinn des Lebens 1983)

Deutschland feiert mit dem offiziellen "Reformationstag" am 31. Oktober Martin Luther - schließlich hat der vor 500 Jahren einen Prozess in Gang gesetzt, der nicht nur zur Spaltung der Kirche in Europa führte, sondern langfristig auch zu mehr religiöser Freiheit und einer zunehmenden Trennung von Religion und Staat.

Andererseits liegt der eine oder andere Schatten auf der historischen Figur Martin Luthers. Er trat auch als Juden- und Bauernfeind auf, und hatte kein Problem mit der weltlichen Macht der Fürsten. Am Übergang zur Neuzeit stand er noch mit mehr als einem Bein fest im Mittelalter.

Wem nun der "Reformationstag" nicht viel bedeutet, der könnte ein anderes Jubiläum zum Anlass nehmen, um zu feiern, dass in Europa und andernorts moderne, fortschrittliche Gesellschaften entstanden sind.

1417 wurde in Deutschland eine Schrift wieder entdeckt, deren Bedeutung für die Aufklärung gar nicht hoch genug geschätzt werden kann. Es ist ein Gedicht, verfasst von dem Römer Titus Lucretius Carus, genannt Lukrez, aus dem ersten Jahrhundert vor unserer Zeit: "De rerum natura". Es ist einer der großartigsten und wirkmächtigsten Texte der Weltgeschichte.

Vor 600 Jahren spürte der italienische Humanist und "Bücherjäger" Poggio Bracciolini die Handschrift mit mehr als 7800 Versen über "Die Natur der Dinge" auf - vermutlich in der Bibliothek der Benediktinerabtei Fulda. Es war ein ungeheures Glück, dass das Manuskript zu dieser Zeit noch existierte - und es war ein Glück, dass es kopiert wurde, bevor es schließlich doch verschwand - möglicherweise während des Dreißigjährigen Krieges, als das Kloster geplündert wurde.

Auch wenn durch dieses Gedicht nicht unmittelbar eine Revolution ausgelöst wurde, befeuerte es die langsame, revolutionäre Entwicklung hin zu unserem modernen Weltbild. Wichtige Geistesgrößen - von Montaigne über Voltaire und Goethe bis zum amerikanischen Gründervater Thomas Jefferson - setzten sich intensiv mit dem Bild der Welt auseinander, das der Dichter beschrieb.

Die Götter kümmern sich nicht, der Tod berührt uns nicht

Lukrez erklärte in seinem Gedicht die Philosophie des Epikur von Samos (341-271 vor unserer Zeit). Und die war (und ist) für gläubige Christen eine einzige Ketzerei: Die Götter, so Epikur, mag es geben, aber wir sind ihnen gleichgültig, und so müssen auch wir uns nicht um sie kümmern oder glauben, sie ließen sich durch Gebete oder Opfer für uns vereinnahmen. Denn nirgendwo führt die Suche nach ihrem Eingreifen oder nach Wundern zum Erfolg. Alles lässt sich mit natürlichen Ursachen erklären.

Das widersprach dem Bild der monotheistischen Religionen von ihrem Gott als liebend, fordernd und strafend natürlich völlig.

Auch ein Jenseits, in das wir nach dem Tode gelangen könnten, existiere nicht, so erklärte Lukrez. Denn alles - von den Sternen bis zum kleinsten Lebewesen - bestehe aus winzigen unsterblichen Teilchen in einer unendlichen Leere. Teilchen, die zusammenstießen, sich verbänden und wieder trennten, ohne den Plan eines Schöpfers. Das geschehe aber über eine so lange Zeit, dass sie schließlich jene Formen bildeten, die erst unser Universum entstehen ließen - und dann alles, was darin bis heute existiert.

Nicht einmal eine unsterbliche Seele gibt es nach Epikur. Vielmehr ist sie, genau wie der Geist, aus dem gleichen Stoff wie der Körper, und zerfällt mit dem Tode genau wie dieser.

Ist der Tod aber tatsächlich das Ende, so tröstete Lukrez seine Leser, kann er uns auch nicht mehr berühren - schließlich gibt es dann keine Lust, aber auch kein Leid mehr, und keine Sehnsucht nach irgendetwas. Wenn wir aber nur dieses eine Leben haben, so sollten wir versuchen, es möglichst zu genießen, und allen Schmerz und alles Leid vermeiden.

"Das größte Schwein" unter den Naturphilosophen

Das widersprach schon zu Lukrez' Zeit dem Geiste Roms - eines Roms der Bürgerkriege und Gladiatorenkämpfe, in der Kampfgeist und das Ertragen von Schmerzen als Tugend galten. Epikureer wurden als Hedonisten, als genusssüchtig verunglimpft. Der Dichter Horaz, der die Philosophie Epikurs in seinem berühmten "Carpe diem" zusammenfasste, bezeichnete sich selbst deshalb ironisch als "Schwein aus Epikurs Herde". Und Diogenes Laertios, Historiker im dritten Jahrhundert, beschrieb Epikur denn auch als "das größte Schwein" unter den Naturphilosophen.

Die Wirkung, die Lukrez' Gedicht haben würde, konnte der Bücherjäger Bracciolini bei seiner Entdeckung noch nicht wissen - und es wäre vielleicht auch nicht in seinem Sinne gewesen. E war gläubiger Katholik, sogar ehemaliger Sekretär des gerade auf dem Konzil von Konstanz abgesetzten (Gegen-)Papstes Johannes XXIII. Aber als Humanist war er auf der Suche nach Werken antiker Autoren. Die Gelehrten und Autoren seiner Zeit, Männer wie Petrarca und Boccaccio, hatten im Jahrhundert zuvor begonnen, sich die kulturellen Leistungen der griechischen und römischen Antike zum Vorbild zu nehmen.