25 Jahre tageszeitung Kai aus der Kiste
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Die Berliner sind immer für eine Überraschung gut: Die "taz" ließ ihre Lieblingsfeinde - darunter Kai Diekmann von der Bild-Zeitung - eine Jubiläumsausgabe machen. Die Sensation auf der Doppelseite: Ein Interview mit Altkanzler Kohl.
(SZ vom 27.09.2003) — Über Kai Diekmann, den Chef der Bild-Zeitung, hat die taz mal geschrieben, er habe sich den Penis verlängern lassen. Bei Talkmaster Jürgen Fliege fragte sie sich, wann dieser endlich gekreuzigt werde. Und Kommentare, die Ex-Bild-Chef Peter Boenisch verfasst, hielt sie schlicht für "bummdumm".
Kai Diekmann (l.) und Hans Mahr (r.) blättern in der taz - unter Aufsicht der taz-Chefredakteurin Bascha Mika.
(Foto: Foto: dpa)Gestern saßen Diekmann, Fliege und Boenisch in der taz-Redaktion in Berlin. Dazu RTL-Chef Hans Mahr, Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm, die ehemalige PDS-Chefin Gabi Zimmer. Alles Leute, die die taz als ihre "Lieblingsfeinde" bezeichnet. Sie waren gekommen, die Macht zu übernehmen. Und man gab sie ihnen gern.
100.000 Exemplare zum Jubiläum
Vor 25 Jahren erschien die taz erstmals. Inzwischen verkauft sie 60.000 Stück. Von der Ausgabe, die am heutigen Samstag erscheint und von den Feinden gemacht wurde, lässt sie 100.000 Stück drucken - sie werden nicht reichen.
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Diekmann, der im Feindeskreis zum Chef ernannt wurde, nimmt die Sache ähnlich persönlich wie die mit dem Penis. Damals klagte er auf Schmerzensgeld, bekam aber keins. Diesmal hat er einen Zettel dabei, auf dem die gesamte Zeitung fertig ist. Es muss ihn und die Bild-Redakteure, von denen er, neben einer gelben Kiste mit Fotos, einige mitgebracht hat, viel Arbeit gekostet haben.
Die Sensation: Ein Interview mit Helmut Kohl
"Und auf der Doppelseite haben wir eine Sensation", sagt er, "ein Interview mit Helmut Kohl". Die taz-Redakteure staunen. Kohl? Noch nie hat er ihrer Zeitung ein Interview gegeben, nicht als er Kanzler war und auch nicht danach. Jetzt macht's Diekmann möglich. Er hat es selbst geführt. Es geht um die Linke. Aber es ist auch ironisch, sagt er. Er hat noch das Foto, als er vor fast 20 Jahren das erste Interview mit Kohl bekam, der später sein Trauzeuge wurde.
In genau jener Pose hat er sich nun wieder mit ihm fotografieren lassen. Man muss ja an die Optik denken. Als Fliege sagt, die Geschichte mit Kohl interessiere ihn nicht, hätte Boenisch ihn fast rausgeworfen. "Das ist ein Scoop", sagt er, "egal, was drin steht". Diekmann darf fortfahren.
Für die Satire-Seite hat er Dieter Bohlen über Gerhard Schröder schreiben lassen. Für die Kultur den Historiker Joachim Fest darüber, warum Hitler ein Linker war. In der Politik regt Oskar Lafontaine die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokraten in der SPD an. Im Sport erklärt Rudolf Scharping, warum Politiker bessere Radfahrer sind.
Und Mahr interviewt Jürgen Trittin: "Darf ein Grüner sich freuen, wenn Schumi Weltmeister ist?" Über die Formel 1 schreibt die taz sonst nie.
Als Diekmann erklärt, dass Max Merkel, der für Bild sonst Bundesliga-Vereine vermöbelt, nachweisen wird, dass Frauenfußball kein Sport ist, meldet sich Fliege wieder: "Könnte man darauf nicht Angela Merkel antworten lassen?" Da befiehlt Diekmann einem seiner Redakteure, sich bei Merkel zu melden. "Wenn sie keine Zeit hat", sagt er, "Pepe Boenisch kann ihr das auch vorschreiben".
So geht es weiter. Kein linkes Klischee, das nicht umgebürstet wird. Sogar der Reiseteil soll deutschtümeln. Es gibt sicher eine Rekordauflage. Danach wird die taz sich fragen, ob sie nicht besser bummdumm werden soll. Oder wenigstens nur lauschlau.