200 Jahre Karl Marx Mit Marx die Welt verstehen

Geboren am 5. Mai 1818 -Ein Logo ist von Karl Marx geblieben: Bild an einer Berliner Haustür.

(Foto: Jörg Buschmann)

Ob globale Finanzströme oder Automatisierung: Zum ersten Mal in seiner Geschichte scheint der Kapitalismus wirklich so zu funktionieren, wie Marx es beschrieben hat.

Kommentar von Franziska Augstein

Vor dreißig Jahren sah Marx ziemlich alt aus. Schlagwörter aus dem "Kapital", wie "Verelendungstheorie", "Proletariat", "Klasse", "Entfremdung" hatten in eine Sackgasse geführt: Deutsche Arbeiter besaßen einen Mercedes, viele wählten CDU und fühlten sich nicht entfremdet. Heute, da die Globalisierung wirkt, hat sich das geändert. Seitdem jeder Konzern seine Waren dort anfertigen lässt, wo sie am billigsten produziert werden, ist Ausbeutung wieder ein Thema. Vorboten des Aufstands der Armen sind die afrikanischen Flüchtlinge, denen die Wirtschaftspolitik des Westens und Chinas die Lebensgrundlage nimmt.

Marx ist wieder aktuell. Als der frisch gekürte französische Präsident Emmanuel Macron von einer Frauenzeitschrift gefragt wurde, welche Lektüre er empfehle, antwortete er: Lesen Sie "Das Kapital" von Marx. Das sei nützlich, "um die Welt zu verstehen". Es stimmt. Zum ersten Mal in seiner Geschichte scheint der Kapitalismus wirklich so zu funktionieren, wie Marx es beschrieben hat.

Dieser Karl Marx war ein Hallodri. So wie manche Männer heute fremden Frauen an den Busen grapschen, ging er mit der Philosophie um: alles meins! Zu einem verlässlichen Broterwerb konnte er es mit seinem Zugriff nicht bringen, wohl aber zu grandioser posthumer Berühmtheit. Denn er war treu - nicht seiner Frau Jenny, wohl aber der Philosophie. Diese Geliebte stellte er vom Kopf auf die Füße. Von Hegel hatte er gelernt. Während freilich Hegel sich Gedanken über den idealen Staat machte, wollte Marx des Menschen Glück.

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Die Ökonomen vor Marx hatten entdeckt, dass jedes Individuum Teil eines Systems ist, dass die Wirtschaft auf dem Zusammenspiel vieler Einzelinteressen basiert. Marx wollte das so nicht hinnehmen, er fand Kinderarbeit unerträglich und 14-stündige Arbeitstage menschenverachtend. Also musste er den Riesenhebel, den Hegel ihm an die Hand gegeben hatte, anders ansetzen. These, Antithese, Synthese: Alles, was ist, gebiert aus sich heraus einen Widerspruch, und daraus wird etwas Neues geschaffen.

Im 19. Jahrhundert lebte die Bourgeoisie auf Kosten der Arbeiter (These). Diverse Aufstände belegten, dass die hungernden Arbeiter sich damit nicht abfinden konnten (Antithese). Wie wäre es also mit einer klassenlosen Gesellschaft (Synthese)? An der ökonomisch-philosophischen Untermauerung dieser Theorie hat Marx jahrzehntelang gearbeitet. Unterwegs kam er auf den Kommunismus, worunter er sich vorstellte: die Abschaffung des Privateigentums, die gesellschaftliche Steuerung der Produktion und damit die Möglichkeit für den Einzelnen, nicht mehr "entfremdeter" Arbeit nachzugehen. Die völlige Abschaffung des Privateigentums hat Marx später nicht mehr gefordert.

Im "Kapital" hatte er noch andere Räder zu drehen. Seinem materialistischen Denken liegt die Idee zugrunde, dass in jeder "Gesellschaft die Verteilung der Produkte, und mit ihr die soziale Gliederung in Klassen oder Stände, sich danach richtet, was und wie produziert und wie das Produzierte ausgetauscht wird". Das Sein bestimmt das Bewusstsein: Auf wirtschaftliche Gegebenheiten kommt es an.