10 Jahre hinter Gittern In der Zelle den digitalen Wandel verpasst

Genis saß über zehn Jahre hinter Gittern.

(Foto: AFP)

Das Leben geht weiter - auch für ehemalige Gefängnisinsassen. Einer, der die vergangenen zehn Jahre verpasst hat, beschreibt, wie Öko-Bewusstsein, Digitalisierung und die Homo-Ehe die Welt verändert haben.

Von Daniel Genis, New York

Als die neue Welt noch zwei Jahrhunderte neuer war als heute, ließ Washington Irving eine Fabel in den alten Teilen des Staates New York spielen, wo die Kultur der ursprünglich holländischen Siedler noch in der Luft lag. Heute sind diese ländlichen Provinzen nördlich der Stadt New York zufällig exakt die Gegenden, in denen ich die meiste Zeit meiner zehnjährigen Haft verbracht habe.

In Irvings Geschichte entflieht Rip Van Winkle dem Gezeter seines Weibes in die Wildnis und fällt dort, nachdem er von einem Zaubertrank getrunken hat, in einen Schlummer. Als er zwanzig Jahre später wieder erwacht, kann er Veränderungen bestaunen, die denen, die sie mitgemacht haben, gar nicht so bewusst sind.

Da er die Amerikanische Revolution verschlafen hat, verärgert Van Winkle die Männer in einer Schenke, die er aufsucht, als er auf King George trinkt statt auf George Washington. Der Schläfer muss sich schnell auf den neuesten Stand bringen, aber der Abstand, den er durch seine Abwesenheit gewonnen hat, erlaubt ihm auch, das, was sich verändert hat, mit einer gewissen Klarheit zu sehen.

Mein eigenes Jahrzehnt abseits der Gesellschaft hat meine Nase geschärft für alles, was unser Heute von 2003 unterscheidet. Gut ausgeruht und neugierig kann ich jetzt zehn Jahre Evolution besichtigen, nachdem ich davon hinter Stacheldraht und Mauern nur träumen konnte.

Ein Dutzend Jahre, um nachzudenken

Ich wurde im vergangenen Februar entlassen, nachdem ich meine Mindeststrafe von 123 Monaten abgesessen hatte. Eine schlimme Woche im August 2003 hatte mich in diesen Schlaf geschickt, und der Zaubertrank war Heroin. Nachdem ich an der New York University studiert und eine Karriere im Verlagswesen begonnen hatte, waren zwei Jahre Drogensucht genug, um aus Verzweiflung ein paar unbeholfene Überfälle zu begehen.

Die Zeitungen nannten mich "The Apologetic Bandit" wegen meiner Beteuerungen von Zerknirschtheit, aber das Taschenmesser, mit dem ich dabei herumfuchtelte - zum Glück ohne jemanden zu verletzen -, klassifizierte meine Verbrechen als bewaffneten Überfall. Der Richter gab mir ein Dutzend Jahre, um darüber nachzudenken.

Während meiner Strafe hatte ich Radio und Zeitschriften, kein Internet und nur R-Gespräche mit meiner Familie. Ich habe das Beste an Literatur gelesen, aber was das Gegenwartsleben betrifft, hätte ich genauso gut auch in einen Schlaf gefallen sein können.

Der Wandel kommt langsam

Es gab zwischen November 2003 und Februar 2014 keine offensichtlichen Revolutionen, dennoch unterschiedet sich die heutige Zeit von der vor zehn Jahren auf subtile Weise radikal. Vor dem zwanzigsten Jahrhundert wäre eine zehnjährige Lücke in der Geschichte in den meisten Fällen vermutlich auch keine große Offenbarung gewesen, außer es hätte ausgerechnet dann ein Krieg oder eine Revolution stattgefunden. Im Wesentlichen kommt der Wandel langsam.

Die Dinge haben sich beschleunigt seitdem, und die Jahrzehnte unserer Biografien sind schon ganz einfach am Stand der Technologie auseinanderzuhalten. Ein Zeitreisender muss in unserer Ära nur auf die Autos und die Mobiltelefone schauen, um zu erfahren, in welchem Jahr er sich befindet.

Da die Menschheit aber immer stärker mit der digitalen Welt verschmilzt - manifestiert in den Displays der Telefone, die allen Passanten heute an den Händen kleben -, haben sich auch Verhalten, Moral und Sitten geändert. Jeder außer mir kannte die Gesten, mit denen man einen Touch Screen bedient, als ich entlassen wurde.

Aber das Allererste, was ich auf dem Highway wahrnahm, der mich aus den Wäldern heimführte, in denen Irvings Holländer schlief und der Staat New York seine Gefängnisse baut, war, dass die Autos auf europäische Größe geschrumpft sind.