60 Jahre Deutsche Journalistenschule Wie lautet das Zauberwort?

Elite, ohne sich elitär zu geben: Die Deutsche Journalistenschule wird heute 60 Jahre alt. Von der Lust der Journalistenschüler, sich bestens ausbilden zu lassen.

Von Holger Gertz

"Früher war der Journalismus besser", sagen manchmal ältere oder auch nur mittelalte Journalisten, und sie meinen damit: Früher waren die Gedanken klarer, die Einstiege griffiger, früher waren die Texte wertvoller. Der Nachwuchs kommt ihnen vor wie eine Generation, die durch den Konsum von YouTube-Schnipseln und 100-Sekunden-Schnellnachrichten verhunzt worden ist. Wer dauernd SMS schreibt, kriegt irgendwann einen SMS-Daumen, ist aber nicht fähig, einen anständigen Leitartikel zu verfassen.

Der allgemeine Kulturpessimismus wird gern genährt durch einen strengen Blick auf die Jungjournalisten, deren Köpfe angeblich so nachlässig aufgeräumt sind wie die Sprachbaukästen, aus denen sie sich bedienen.

Die Deutsche Journalistenschule in München, kurz DJS, bildet seit sechzig Jahren Journalisten aus für Print, Radio, Fernsehen und inzwischen Online. Heute hat sie Geburtstag, bei der Feier im Prinzregententheater wird auch die Kanzlerin eine Rede halten. Natürlich ist es ein großes Glück für einen Jungjournalisten, an dieser Schule aufgenommen zu werden, die Plätze sind knapp und entsprechend begehrt.

Vielleicht ist es aber ein noch größeres Glück für einen allmählich älter werdenden und für Kulturpessimismus zunehmend empfänglichen Journalisten, an seiner ehemaligen Schule später als Dozent arbeiten zu dürfen. Er kann den Jungjournalisten etwas beizubringen versuchen. Vor allem kann er von den Jungjournalisten lernen. Er muss nur die Texte lesen, die sie schreiben in so einem Kurs. Früher war der Journalismus besser? Ach was. Wer verzweifelt die Vergangenheit beschwört, verklärt doch vor allem sich selbst.

Bevor man als Schüler an die DJS darf, muss man sich einem fordernden Auswahlverfahren stellen. Wer es schafft, gehört zu den Handverlesenen, 45 pro Jahrgang. Die handverlesenen Gestalten, die dann vor einem sitzen, sind sich ähnlich, was das Talent angeht, darüberhinaus sind sie ausgesprochen unterschiedlich. Coole Dreitagebartträger und solche, die einfach nur schlecht rasiert aussehen, wenn sie schlecht rasiert sind. Erfreulich wenig Großkotze. Grunge-Mädchen und junge Frauen, die sich interessante Mützen aufsetzen, wenn sie nach dem Kurs das Schulgebäude verlassen.

Viele von ihnen haben ein Studium bereits abgeschlossen, das mit Journalismus gar nichts zu tun hat. Juristen und Psychologen und oft auch sympathisch zerstrubbelte Alltagsphilosophen sitzen in so einer Klasse, Experten des eigenen Lebens, manche sind als Blogger im Web unterwegs, haben aber trotzdem den gesamten Thomas Mann gelesen. Auch das lernt man als Dozent an so einer Schule: Welcher Blödsinn es ist, jemandem das Interesse am gedruckten Klassiker abzusprechen, nur weil der regelmäßig durch die Netzwelten surft.

"Ich wollte mich nicht täglich rasieren müssen"

mehr...