10 Jahre "Big Brother" Gähnen im Container

Brusthaar-Schneiden beim Warten auf Sex: Nach zehn Jahren "Big Brother" ist Reality-TV meistens erfunden - und sowieso langweilig.

Von Michael Moorstedt

"Stell dir mal vor, du bist ständig mit den gleichen Leuten zusammen", sagte die eingeladene Irgendwie-Expertin für Zwischenmenschliches, Erika Berger, zur Moderatorin Aleksandra Bechtel am Beginn der zehnten Staffel Big Brother. Bechtel antwortete: "Ja, ist ja langweilig." Dieser schwache Moment reichte, um die Malaise zu erfassen. Bei der Jubiläumsshow am Montag vergangener Woche wollte auch keine rechte Stimmung aufkommen. Aber die Moderatoren zogen große Vergleiche, sagten, die Veranstaltung sei "wie die WM" und "ein Hexenkessel". Das Studiopublikum reagierte dazu auf Applaus-Befehle der Regie.

Big Brother

Die Kandidaten von Big Brother sind Menschen, die vorgeben, Schauspieler zu sein, die vorgeben, echte Menschen zu sein.

(Foto: Foto: RTL 2)

Nach dem skandalumwitterten und daher vielversprechenden Start von Big Brother vor zehn Jahren schickten andere Sender ihre Kandidaten in Dschungel, auf Bauernhöfe oder einsame Inseln. Alle machten irgendwas in diesem Stil, und die späteren Big Brother-Episoden waren dann kein Knüller mehr, sondern eher eine Liebhaber-Veranstaltung.

Die Produzenten reagierten und schleusten Pornostars (9. und 5. Staffel) oder FDP-Generalsekretäre (2. Staffel) in den Container ein, aber es wollte einfach nicht mehr spannend werden. Um dem in die Jahre gekommenen Konzept neue Luft zu verleihen, gibt es jetzt zwei Häuser. Die Bewohner des sogenannten Messie-Hauses wissen nichts von der anderen Gruppe. Die sitzt im Luxus-Haus und hat ein Live-Bild der Konkurrenten. Anstatt Menschen im Fernseher zu betrachten, sieht man jetzt Menschen, die Menschen im Fernseher betrachten.

Im angelsächsischen Fernsehen, von dem das deutsche TV viele seiner sogenannten Innovationen bezieht, zeichnet sich der Niedergang der Reality-Shows schon seit einer Weile ab. Längst gibt es dort eine Rückkehr zur Fiktion, die in vertrauten Milieus spielt, in Krankenhäusern etwa oder in Gerichtssälen. Wenn das echte Leben beim Publikum ankommen soll, unterliegt es wieder dem Konzept, von dem man sich einst lossagte.

Dagegen ist das, was in Deutschland Reality-Fernsehen heißt, in den vergangenen Jahren so oft durch die Regie künstlich zugespitzt worden, dass der Verdacht der Inszenierung heute über jeder Sendung schwebt. Egal ob Bauer sucht Frau, Die Ausreißer oder Mitten im Leben! - irgendwo gibt es immer einen Moderator oder Drehbuchautor, der die Handlung vorantreibt - viel fernseheffektiver als das echte Leben. So konnten sich auch nur naive Zeitgenossen empören, als Bild kürzlich enthüllte, dass sich die Regie von Deutschland sucht den Superstar einige dramaturgische Freiheiten nimmt, wenn es um die Montage von Dieter Bohlens Kommentaren geht.

Anders RTL 2. Der Sender versucht sich mit Big Brother von der Drehbuch-getriebenen Konkurrenz abzugrenzen. Die Zuschauer "sollen bemerken, dass hier echte Emotionen eine Rolle spielen, echte Konflikte, die eben nicht scripted oder inszeniert sind", sagte Programmchef Holger Andersen in einem Interview über Big Brother. Man sagt also, es gehe nicht um Sex, und trotzdem scheint ein Großteil der Kameras auf den weitläufigen Ausschnitt von "Sexy Cora" gerichtet zu sein.

Ein Gutteil des Ensembles kann Erfahrungen im sogenannten Unterschichten-Fernsehen vorweisen, einer war Kandidat bei Deutschland sucht den Superstar, eine andere bei Germany's Next Topmodel, ein weiterer bei Das Supertalent. Pornodarsteller gibt es in dieser Staffel natürlich auch. Es sind die gleichen schwer tätowierten Körper und solariumverbrannten Gesichter, die anderswo in Scripted-Reality-Shows nach Drehbuch handeln. Kein Mensch glaubt noch, dass es hier um Realität geht.

Ein ähnliches Phänomen beschrieb der Philosoph Günther Anders bereits in den 1950er Jahren in seinem Aufsatz Die Welt als Phantom und Matrize. Das Fernsehen, so Anders, gibt vor, die Realität abzubilden und wird so zum Vorbild für sein Publikum. Der Mensch passt sich dieser Wirklichkeit an - und plötzlich stimmt, was auf dem Schirm zu sehen ist: Die Lüge hat sich "wahr-gelogen". Im aktuellen Kontext heißt das: Die Kandidaten sind Menschen, die vorgeben, Schauspieler zu sein, die vorgeben, echte Menschen zu sein. Doch wenn die Kamera live in den Container schaltet, wirken die Akteure meistens ratlos. In einer Realität ohne Skript fehlen ihnen die Anweisungen, an die sie sich gewöhnt haben. Dazu passt ein Urteil des Kölner Finanzgerichts, das kürzlich entschied, dass Big-Brother-Gewinne einkommenssteuerpflichtig sind. Das "bloße Sich-Filmen-Lassen" sei zwar noch keine Leistung, aber zwischen dem Sender und seinen Kandidaten bestehe dennoch ein Dienstleistungsverhältnis.

Reality-TV entstand in Wirklichkeit zu einer Zeit, als sich die Privatsphäre bereits auf dem Rückzug befand. Zehn Jahre später wimmelt der öffentliche Raum von Überwachungskameras, die Nacktscanner werden folgen. Nicht zuletzt das eigene soziale Netzwerk im Internet fordert eine Offenlegung des Menschen, wie sie Big Brother gar nicht leisten kann. Zehn Jahre nach dem Start wird der RTL-2-Container mit im Schnitt einer knappen Million Zuschauer insofern fast zu einer Art Rückzugsort.