Doch es gibt auch echte Geschichte! Unter dieser Eiche heiratete 1991 Liz Taylor. Und wenn der PR-Mann erzählt, wie Jackson mit ein paar behenden Sprüngen jenen Baum erklomm, um dort "Dangerous" zu schreiben, dann kann man ihn sich tatsächlich vorstellen als Lord Byron von Santa Barbara.

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Man könnte Protz und Prunk erwarten, doch Michael Jacksons Versuche, sich selbst und anderen das Glück zu kaufen, rühren an, statt abzustoßen. Nicht zuletzt, weil das heutige Neverland Denkmal des Scheiterns dieser Versuche geworden ist. Bevor der König starb, war er schon ausgezogen: Nach seinem Freispruch im Missbrauchsprozess 2005 verließ Jackson die Ranch, in der er 15 Jahre lang gelebt hatte, und kam nie zurück.

Dorfbahnhof und Blumenuhr

Letztes Jahr verkaufte er, hoch verschuldet, 50 Prozent an die Immobilienfirma Colony Capital, um die Pfändung zu verhindern. Diese begann umgehend, Haus und Grundstück leerzuräumen, um Unterhaltskosten zu sparen und einen neuen Käufer zu finden. An der Kasse des Kinos stehen noch Süßigkeiten bereit.

Doch vom Rummelplatz mit Autoscooter und Riesenrad, Wildwasserrutsche und Schiffschaukel, der einen Kilometer weit vom Haus entfernt lag, ist nur noch der asphaltierte Platz geblieben. Die Tiere des Zoos, der dahinter lag, sind verkauft und verschenkt. Nur der malerische Dorfbahnhof steht noch auf dem Hang über der riesigen Blumenuhr. Der letzte Zug ist lange abgefahren.

Auch im Haus selbst sind nicht mehr viele Spuren des doppelt abwesenden Jackson zu finden. Die Möbel, der kindische Nippes, das Spielzeug, die im Katalog der später abgesagten Auktion vom Winter abgebildet waren, mit der Jackson hoffte, seine Schulden zu bezahlen: nichts davon ist geblieben. Halb erleichtert, halb enttäuscht wandert man also durch die endlosen Zimmerfluchten des völlig leeren 1300-Quadratmeter-Schlosses. Durch die Eingangshalle mit ihrem riesigen Kronleuchter. Vorbei an der nostalgischen Landhausküche mit viel poliertem Kupfer. Und ins Wohnzimmer, dessen Glastüren sich zum See öffnen.

Doch erst im oberen Stockwerk kommt man dem Neurotiker und Faszinosum Jackson etwas näher. Sein Schlafzimmer sicherte er mit sieben Schlössern, einem Nummerncode und einem Guckloch. Nebenan im Badezimmer reckt sich ein goldener Schwan als Wasserhahn über dem Jacuzzi mit schwarzem Marmorsockel. Und ganz hinten im Kleiderschrank, der ein eigenes, geräumiges Zimmer ist, verbirgt sich die Tür zu Jacksons "Panic Room", einem holzgetäfelten Kämmerchen, in dem sich der Hausherr vor Eindringlingen schützen konnte - Teil eines ganzen Systems von geheimen Gängen.

Hübsch banal

Die meisten Räume sind jedoch so hübsch wie banal und die Geschmacklosigkeiten eher harmloser Natur. An der Stirnseite von Jacksons Musikbibliothek laufen die Plattenregale auf eine Postertapete zu, wie man sie in einem Reisebüro aus den siebziger Jahren erwarten würde. In einem anderen Raum dienen winzige Fuß- und Basketbälle als Griffe für die Schranktüren. Und unter eine Heizung auf dem Flur hat das Personal eine Mausefalle gestellt.

Am meisten überrascht die gute Stimmung. Wie die Fans vor der Pforte sind auch die Angestellten blendend gelaunt. Gestorben? Wer? In der Küche baut eine Catering-Firma ein Büffet auf, die vollen Weingläser stehen schon auf dem Tresen. Prominente Besucher seien im Haus, murmeln die PR-Leute, die versuchen, sie vor den Journalisten zu verstecken. Doch so nett, wie man hier behandelt wird, fühlt man sich, als stünde man ebenfalls auf der Gästeliste.

Es ist der Spaß, den auch Kinder haben, wenn sie auf dem Dachboden der Großeltern stöbern. Der voyeuristische Genuss, einen Blick in den sagenumwobenen Alltag des Megastars zu werfen. Und die merkwürdige Befriedigung, wenn sich beim Gang durch die Privatgemächer die Distanz in Luft auflöst. Was Colony und die Familie mit dem gewaltigen Besitz vorhaben, verraten sie nicht. "Die Welt soll sehen, wie schön es hier ist", lautet die offizielle Version.

Tatsächlich geht es wohl darum, Neverland wenn schon nicht als Grabstätte, so immerhin als Pilgerstätte für Jacksons Fans zu empfehlen, als ein zweites Graceland also für Amerikas zweiten King der Popmusik. Laut sagen dürfen sie es natürlich noch nicht. Sie bekämen es mit den Nachbarn zu tun, die schon über das bisschen Ruhm stöhnten, das ihnen der Film "Sideways" brachte, der teilweise dort gedreht wurde. Doch die Absicht ist unübersehbar. Und stand nicht die Sehnsucht nach Menschen, nach Gesellschaft ganz am Anfang des ganzen Irrsinnsprojekts? War Neverland nicht schon immer ein Vergnügungspark, dem nur die Besucher fehlten? Graceland, die muffige Sixties-Gruft, wird nicht mithalten können.

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  1. Denkmal des Scheiterns
  2. Sie lesen jetzt Ein zweites Graceland
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(SZ vom 06.07.2009/cag)