Jackson-Anwesen Neverland Denkmal des Scheiterns

Elvis' Graceland ist nichts dagegen: Ein Besuch in Neverland, Michael Jacksons sagenumwobener Ranch in Kalifornien.

Von Jörg Häntzschel, Los Angeles

Hinten am See tanzt eine Gruppe Kinder lachend im Kreis. Ein Junge und ein Mädchen turnen auf einer in die Luft gestellten Leiter und erwarten mit aufgerissenen Augen den Moment, in dem sie umfallen wird. Ein Junge in Latzhose rennt einem Hund über die Brücke nach. Und auch auf dem Briefkasten sitzt einer, die Stupsnase tief in sein Buch gesenkt.

Kindliche Selbst- und Weltvergessenheit: Kinderstatuen auf dem "Neverland"-Anwesen.

(Foto: Foto: Jörg Häntzschel)

Kindliche Selbst- und Weltvergessenheit, ekstatische Momente, in denen es kein Gestern und kein Morgen gibt: Das war es wohl, wovon Michael Jackson träumte, als er dem Golfplatzentwickler William Bone 1988 die Sycamore Valley Ranch abkaufte und sie Neverland nannte. So hieß die phantastische Insel, auf die das ewige Kind Peter Pan in J.M. Barries berühmter Erzählung drei Londoner Kinder lockt, um mit ihnen Abenteuer zu erleben wie nicht von dieser Welt.

Überall toben diese bronzenen Kinder herum: Am Tor, beim Wasserfall unter den Eichen, bei der Blumenuhr am Bahnhof und vor der Treppe zum Haus. Und weil sie etwas unter Lebensgröße dargestellt sind, wirken sie noch ein bisschen niedlicher: Lauter Alter Egos ihres Hausherren, von dessen Tod sie ebenso wenig ahnen wie von der enthusiastischen Belagerung draußen.

Und nichts von den Überlegungen, das 250 Kilometer nördlich von Los Angeles gelegene Jacksonsche Privatissimum, in das am Donnerstag und Freitag ein paar Journalisten eingelassen wurden, zur Kultstätte und Touristenattraktion zu machen.

Ein Kurgarten

Schon seit Tagen ist das Haupttor zu dem zwölf Quadratkilometer großen Grundstück kaum mehr passierbar. Hunderte Fans drängen sich dort rund um die Uhr, und seit jemand im Kofferraum seines Mercedes zwei kräftige Lautsprecher aufgestellt hat, aus denen Jacksons Hits über die Kuhweiden und Weinberge fegen, ähnelt die Szene mit ihrer tanzenden Menschenmenge immer mehr einem improvisierten Open-Air-Festival, das jede Minute droht, aus dem Ruder zu laufen.

Ein Kleinkind, das zu viel Sonne abgekriegt hat, wird zu den Sanitätern durchgereicht. Immer wieder spritzt die Feuerwehr die strohtrockenen, zertrampelten Wiesen nass, aus Angst, hier könne alles in Flammen aufgehen.

Doch hat man sich einmal durch die Menge und zum Hintereingang vorgearbeitet, hat man, eskortiert von einem der roten Elektrokarren des Sicherheitspersonals, das üppig goldverzierte Tor des inneren Areals von Neverland passiert, und ist nach kurzer Fahrt vor dem Haupthaus angekommen, ist nichts mehr zu hören von der Musik, nichts zu sehen von den Blumen und Luftballons, von den Zelten und Satelliten-Trucks.

Ein leichter Wind weht die Gischt von einer der 15 Meter hohen Fontänen im See herüber. Das Gras im Halbschatten der Eichen strahlt technicolorgrün im Abendlicht. Und Efeu klettert über kunstvoll gealterte Mauern. Jackson hat sein Klima, seine Zeit und seine Realität selbst erfunden.

Am ehesten erinnert die breit ausladende Villa mit ihrem falschen Fachwerk an Szenen aus Merchant-Ivory-Filmen. Eine Handvoll Nebengebäude gruppiert sich dazu wie ein kleines Dorf. Ringsum erstreckt sich der Park, der mit seinen Dutzenden romantischen Details an europäische Kurgärten erinnert. Hier steht ein kleiner Pavillon im Abendlicht. Dort plätschert Wasser über Felsen. Hinter dem Haus sind Reste einer Grotte zu sehen.

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