From Hell

Und die Zeichnungen? Blättert man von "From Hell" durch, entsteht der Eindruck, dass Eddie Campbell seine Aufgabe primär darin gesehen hat, den Leser nicht vom Verständnis des komplizierten Szenarios abzulenken. Bei genauerem Hinschauen wird aber deutlich, dass er auf subtile Weise eigene Akzente setzt. Wenn Sickert die Frau von Prinz Eddy um Hilfe anfleht, ist die melodramatische Szene in sehr kleinen, randlosen Panels festgehalten, die den Vignetten gleichen, mit denen die Unterhaltungsromane der damaligen Zeit illustriert waren. An anderen Stellen führt Campbell vor, welche Möglichkeiten in der graphischen Reduktion stecken: Wenn Gull beauftragt wird, Annie aus dem Weg zu schaffen, zeigen sieben Panels hintereinander dasselbe Bild der wie versteinert dasitzenden Victoria. Im achten Panel dann wendet sie plötzlich ihren Blick dem Betrachter zu - und der spürt mit ungeheurer Wucht den mühsam unterdrückten königlichen Zorn. Die dichten Schraffuren, mit denen Campbell gerne arbeitet, erinnern mitunter an Paul Flora; auf naheliegende Gothic Horror-Effekte verzichtet er fast völlig. In seiner "Princeton-Rede" hat Thomas Mann unbescheiden, aber zu Recht gefordert, man möge den "Zauberberg" bitte zwei Mal lesen, um sich ein Urteil erlauben zu können. Im Falle von "From Hell" dürfen es gerne drei Durchgänge sein: zwei, um die immense inhaltliche Vielfalt zu erschließen; eine dritte, um die herrlichen Bilder genauer wahrzunehmen. Wenn es den Begriff der Graphic Novel nicht schon gäbe, für dieses gewaltige Werk verdiente er erfunden zu werden.

ALAN MOORE (Text), EDDIE CAMPBELL (Zeichnungen): From Hell. Ein Melodrama in sechzehn Teilen. Aus dem Englischen von Gerlinde Althoff. Cross Cult Verlag, Asperg 2008. 604 Seiten, 49,80 Euro.

28. Januar 2009, 11:44 2009-01-28 11:44:00