Es ist furchtbar, wenn sich ein Mensch vor laufender Kamera tötet. Doch es ist nicht immer falsch, die Aufnahmen zu zeigen.
Bilder des Todes sind in den Medien allgegenwärtig. Meist sehen wir Opfer von Katastrophen, von Kriegen und - in den meisten Fällen - Darstellungen in Spielfilmen oder Videospielen, wo natürlich nicht wirklich gestorben wird.
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Craig Ewert vor seinem Tod. Ist es falsch, das Sterben eines Menschen zu zeigen? (© Foto: Reuters)
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Die Frage ist also nicht, ob das Sterben gezeigt wird, sondern wie und warum wir es sehen sollen und wollen. Diese Fragen stellen sich auch im Falle des Amerikaners Craig Ewert, der sich vor laufender Kamera selbst das Beatmungsgerät abgestellt hat.
Es gibt viele Möglichkeiten und etliche Motive, das Sterben abzubilden. In Dokumentationen werden die Toten gezeigt, um die Wirklichkeit hinter Begriffen wie Krieg, Terror, Hunger, Erdbeben, Überschwemmungen und anderen Katastrophen zu dokumentieren.
Die meisten Medien verzichten dabei in der Regel auf zu viel Blut, abgerissene Gliedmaßen, heraushängende Gedärme. Und das ist auch nicht unbedingt falsch. Denn wie die Darstellungen von Gewalt zum Beispiel in manchen Spielfilmen und Video-Games belegen, dienen sie auch zur Unterhaltung. Menschen suchen ganz offensichtlich nach Sensationen, nach Spannung, nach Thrill.
Was nicht passieren sollte, ist, dass Dokumentationen den Zuschauer über die Sensationsgier zu fassen versuchen. Dann wird das Leid instrumentalisiert, missbraucht, um Profit daraus zu schlagen.
Doch welchen Anspruch kann eine Dokumentation tatsächlich erheben, die zum Beispiel die Schrecken des Krieges zeigen will, wenn die Auswirkungen von Waffen auf menschliche Leiber ausgeblendet oder nur teilweise gezeigt werden?
Muss man darauf verzichten, diese Bilder zu zeigen, aus Rücksicht auf die Gefühle der Betrachter oder die Würde der Opfer? Werden wir zu Voyeuren des Schreckens, wenn wir solche Aufnahmen ansehen?
Der Grat, auf dem wir hier balancieren, ist schmal. Doch wer Grausamkeiten ausblendet, ist in großer Gefahr, zu verharmlosen. Und auch wer aus Sensationsgier auf die Bilder schaut, wird mit der Realität konfrontiert. Seht her: Darum geht es.
Der Fall Craig Ewert ist in seinen Dimensionen natürlich nicht zu vergleichen mit Krieg, Terror und tödlichen Katastrophen. Doch es geht ums Prinzip. Wer diskutiert, sollte das Thema von allen Seiten betrachten. Und eben auch wirklich "betrachten", wenn es die Möglichkeit dazu gibt. Das gilt auch für die Sterbehilfe und Suizid.
Ewert war ein Mensch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Er war intelligent. Er wurde geliebt. Er war unheilbar krank und wusste, welche Leiden ihm bevorstehen. Er hatte sich für den Freitod entschieden. Natürlich hätte er sich auch ohne eine Kamera an seinem Bett umbringen können. Doch es gibt Gründe dafür, dass er sich für die Aufnahmen entschieden hat. Und das sind gute Gründe.
In Großbritannien wird genau wie in Deutschland und in anderen Ländern über Sterbehilfe und Suizid diskutiert. Doch mit Sicherheit wissen viele von uns nicht wirklich, worüber wir eigentlich reden.
Wir lesen darüber, sprechen darüber - nun können wir es in einem konkreten Fall auch sehen. Und wir können sehen, dass das Sterben anderer Menschen nicht immer eine Sensation sein muss, dass nicht nur Leid damit verbunden ist, sondern dass der Tod manchmal - manchmal! - wirklich eine Erleichterung ist. Davon zu lesen oder den Menschen dabei zu sehen, ist etwas anderes. Und genau das wollte Ewert zeigen.
Doch eines muss betont werden: Ewert ist ein Einzelfall. Die Aufnahmen belegen eindringlich: Er konnte sich schon nicht mehr bewegen, seine Krankheit wäre fortgeschritten, sein Leiden immer schlimmer geworden.
Viele Menschen aber, die sich gestern umbringen wollten, sind heute froh, dass es ihnen misslungen ist. Deshalb ist es gut, dass die Diskussion um Sterbehilfe stattfindet. Sich auf den Standpunkt zurückzuziehen, jeder solle doch mit seinem Leben machen, was er will - auch es beenden -, beweist eine Ignoranz gegenüber dem Leiden seiner Mitmenschen. Zu behaupten, Ewerts Verhalten "diene den Machenschaften des Todes", wie es Hamburgs Erzbischof Werner Thissen laut Bild erklärt hat, ist allerdings genauso wenig hilfreich.
(sueddeutsche.de/jja)
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@tonikal
Mit Realität ist doch nicht die gemeint in der wir uns heute in unseren Breiten(vgl. Kongo) befinden; es ist die Realität des Krieges und die kann man mit Küssen nicht sehr treffend beschreiben.
Das unsere heutige Realität von der Illusion einer heilen Welt geprägt ist, liegt auf der Hand : Senioren sterben fernab im Krankenhaus; Müllentsorgung erfolgt über das Ding unter der Spüle; Leute die ihren Arbeitsalltag mit dem Reinigen der Abwassersysteme verbringen; 800.000 Menschen sind im Tierschutzbund und nur 50.000 im Kinderschutzbund Mitglied; Ekelgefühl vieler Menschen, die ihre eigene Speiseröhre in einer Computersimulation bei der Arbeit sehen - alles Dinge die ich als eine Art "wahre" Realität empfinde.
Es stellt sich auch die Frage, ob man heut zu Tage ab Klasse 7 aufwärts junge Menschen mit dem zweiten Weltkrieg und erbärmlich zur Strecke gebrachten Juden (Schindlers Liste, der laut Zeitzeugen vergleichsweise "humane" Darstellungen enthalten soll) konfrontieren muss - ich finde in geeigneter Form schon. Vllt ist das Argument "Lernen aus der Vergangenheit" aber auch nicht zutreffend und die Menschheit käme gar nicht auf schlechte Gedanken, wenn sie nur nie damit konfrontiert würde...
@all
Ansonsten kann jeder selbst entscheiden ob er das Programm sehen will oder nicht. Anders wäre es, wenn sich jemand auf dem Hauptmarkt das Leben nimmt.
Eine Schutzfunktion der Medien sehe ich hier auch nicht verletzt: an geistigen Fähigkeit schien es dem Betroffenen nicht zu mangeln - anders sieht es bei so mancher Talkshow aus, die sich die Naivität ihrer Auftretenden zunutze macht.
Vielen Menschen nimmt der Film vllt auch die Angst vor der großen Unbekannnten Tod, andere mögen sich dadurch bedauerlicherweise unter Druck gesetzt fühlen - wenn man zu letzteren zählt, empfehle ich: Nicht anschaun!
Von Drachs Argumentation ist durchsichtig. Er argumentiert mit der Aufklärungspflicht der Medien. Das ist scheinheilig. Jeder halbwegs normal sozialisierte Mensch kann sich vorstellen, wie es ist, wenn jemand stirbt. Nur jemand, der ein Gefühlseisblock ist, braucht aufrüttelnde Bilder. Und von Seiten der Medien verbirgt sich dahinter ohnehin nur Quotendenken. Das einzige, was bei dieser Art von "Dokumentation" herauskommt, ist, dass die Menschen noch mehr abstumpfen. Und immer mehr brauchen, um überhaupt noch zu Reaktionen wie Mitleid fähig zu sein.
Es ist schon befremdent, wenn "man" Filmszenen des Tötens mit dem "richtigen Töten" gleichsetzt. Persönlich bin ich kein Freund von Todesszenen in Filmen. "Der Bader-Mainhoff-Komplex"-Film war für mich abscheulich. Alle Morde wurden sensations"geil" gedreht. warum, das bleibt wohl das Geheimnis des Filmemachers.
Als junger Mann vertrat ich die Auffassung, dass Mordzsenen nicht in die Filme gehörten. Man lachte mich aus. Nun werden aufgrund der Filme "richtige" Selbsttötungen für richtig gehalten. Manch einem Fimemacher und manch einem Redakteur scheint nichts mehr heilig zu sein; auch das Selbsttöten nicht. Armes Deutschland, arme Medien!
Wo kämen wir hin, wenn sich plötzlich jeder mit dem und seinem Tod intensiv beschäftigt. Vielleicht fangen die dann noch an ihr jetziges Sein in Frage zu stellen! Womöglich beginnt da etwa noch eine Sinnfrage? Soll ich mein eigentlich kurzes und doch so unerklärliches Dasein als Konsument und stolzer Label-Herumtrager ausfüllen, damit dieses System auch weiterhin verlogen sein kann?
Jeder, von seinen eigenen Tod wirklich weiß, sieht den heutigen Anstieg der Windmühlen, die er alleine gar nicht mehr bekämpfen kann. Und von all seinen jugendhaften Idealen bleibt nur die Erkenntnis: schon vor über 2000 Jahren wussten siie von den wichtigen Dingen im Leben, aber es ist ihnen bis dato prächtig gelungen sie gut zu verdrängen.
Der Tod wird immer allgegenwärtig sein und er ist neben dem Leben das Einzige was gewiss ist. - Warum wird denn der Tod des Krieges nicht gezeigt? Warum schiebt man seine todkranken Verwandten lieber ins Krankenhaus oder grad verstorbenen Lieben möglichst schnell in den Zinksarg? Es ist nicht der Tod der schmutzig ist, es ist der Krieg und die Sterildenker dieser Zeit.
Wenn der Mensch für sein Leben verantwortlich ist, dann ist er es auch für seinen Tod. Es sollte aber seinen Mitmenschen zu denken geben, wenn jemand seinen vorzeitigen Tod dem Leben vorzieht. Egal ob er nun promovierte oder mit seinem Sprengstoffgürtel das Leben anderer zerstört.
Schulte von Drach hat eine gruppe vergessen, die vor solchen bildern geschützt werden sollte, nämlich eine gruppe, der ich selbst angehöre: menschen mit großer empathie.
Ich brauche keine zerfetzten leiber zu sehen, um zu wissen, wie grausam waffen wirken. Ich stelle mir das auch dann vor, wenn ich die bilder nicht zu sehen kriege. Mir reicht, dass ich ein einziges mal so ein bild gesehen habe. Das eine mal hat gereicht, um mich für den rest meines lebens zu einem engagierten pazifisten zu machen.
Ich hasse es, wenn mich das fernsehen zwingt, solche dinge zu sehen, weil ich körperlich und seelisch unter dem anblick solcher dinge leide; weil mir solche bilder noch tagelang nachgehen.
Und sagen Sie jetzt nicht: Du musst ja nicht hinsehen.
Ich tue bereits sehr viel dafür, mir den anblick zu ersparen, Meistens schaffe ich es, rechtzeitg die augen zu schließen. Aber manchmal kommen die bilder so überraschend, dass ich es nicht schaffe. Wahrscheinlich hat es ein regisseur extra darauf angelegt, das rechtzeitige augenschließen zu unterlaufen. So etwas gibt es ja auch im theater, siehe "Der Fliegende Holländer" in Dresden. Es gibt regisseure, die offensichtlich eine sadistische freude daran haben, ihr publikum mit bildern zu quälen. Dagegen muss man sich zur wehr setzen.
Nein, Monsieur, Sie zeigen nicht "die" realität, wenn Sie abgetrennte gliedmaßen oder einen sterbenden zeigen. In meiner alltäglichen realität jedenfalls kommen solche szenen nicht vor. Auch nicht in der alltäglichen realität meiner bekannten und verwandten. Küsse dagegen kommen in meiner alltäglichen realität vor. Wenn Sie also "die" realität abbilden wollen, dann zeigen Sie doch bitte küsse.
Viele grüße
tonikal
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