"J. Edgar" im Kino Gut versteckte Verzweiflung

Die Erwartungen an Eastwood sind hoch, zu Recht, er ist einfach ein phantastischer Regisseur, und er wird im Alter immer besser - "J. Edgar" ist aber natürlich auch das Werk des feinfühligen Autors Dustin Lance Black.

Es ist nicht so, als wäre "J. Edgar" ein versöhnlicher Film geworden, aber die Art, mit der Eastwood und Black mit dem großen Geheimdienstmogul ins Gericht gegangen sind, ist eben sehr eigen. Der Mann ist ihnen bis zu einem gewissen Grad fremd geblieben: Der Film wahrt Distanz zu seiner Hauptfigur, nur zwei, drei Momente gibt es, in denen er uns nah heranlässt an den Mann hinter der pompösen Selbstinszenierung. Der Rest zeigt ihn ohne jeden Charme - so muss man sich vielleicht jemanden vorstellen, der sich permanent selbst unterdrückt.

Und wie sollte jemand, der so mit sich selbst umgeht, Mitgefühl für andere entwickeln? Einmal sehen wir ihn mit seiner Mutter, die gut versteckte Verzweiflung, wie er mit ihr über den Spiegel in einem Hotelzimmer kommuniziert, sie beide gleichermaßen betrachtet - er hat sich gerade beklagt, dass Ginger Rogers' Mutter versucht hat, ihn zum Tanz aufzufordern, und er will nicht mit Frauen tanzen.

Die geliebte Mama, die genau weiß, dass er einen Teil seiner selbst verleugnet, macht ihm knallhart klar, dass er, was sie angeht, nur wählen kann zwischen Verdrängung und Tod. Und dann sehen wir Hoover noch einmal, wieder vor einem Spiegel, als sie gestorben ist, in ihrem leeren Schlafzimmer: endgültig allein.

Nicht einmal Clyde Tolson lässt er wirklich ganz an sich heran. Eine letzte Begegnung gibt es, kurz vor seinem Tod, als Clyde ihm all seine Lügen um die Ohren haut. Nicht aus Bosheit, sondern weil er ihm immer näher gestanden hat, als Hoover zulassen wollte - weil er ihn trotz allem geliebt hat. Nicht einmal mit dieser Bedingungslosigkeit kann Hoover etwas anfangen. Ihn erreicht nichts, nicht einmal diese Liebe.

Und das ist dann Eastwoods eigentliche Art, sich Hoover vorzunehmen. Im Kern ist "J. Edgar" die Geschichte von einem, der auszog, sich selbst zu belügen, und der bis zum Schluss den Dingen nicht so recht ins Auge sehen kann. Ein Film über das Sterben - Eastwood ist inzwischen 81 Jahre alt, vielleicht erlaubt ihm das, mit so viel Wärme und Bedauern einen Mann zu betrachten, der nie glücklich war.

Wie hoch darf der Preis für den Sieg sein?

Selbst Hoovers Diktate sind ein geschönter Blick zurück, Luftblasen, die Eastwood immer wieder durch eingestreute Richtigstellungen platzen lässt, einige Rückblenden sehen wir spät im Film wieder, in manchen ist Hoover nicht einmal dabei.

Hoover verbuchte alle Erfolge des FBI auf seinem Privatkonto, gerne hätte er sogar die Behauptung aufrechterhalten, er habe Dillinger höchstpersönlich zur Strecke gebracht.

Aber was übrig bleibt, am Ende, ist ein leeres Leben. Auf dem emotionalen Privatkonto ist nichts, die politischen, die öffentlichen Erfolge sind umstritten. Wie hoch darf der Preis sein, den man für einen Sieg zahlt, wie viel Gerechtigkeitssinn geht dafür verloren, wie viel Lüge verträgt eine wahrhaftige Zielsetzung? Ob der Zweck tatsächlich alle Mittel heiligt - die Frage hat Eastwood schon oft gestellt. Aber er ist in seinen Filmen auch immer wieder zu dem Schluss gekommen, dass ohne Liebe alles nichts ist.

J. EDGAR, USA 2011 -Regie: Clint Eastwood. Drehbuch: Dustin Lance Black. Kamera: Tom Stern. Mit: Leonardo DiCaprio, Naomi Watts, Armie Hammer, Judi Dench. Warner, 137 Minuten.