"J. Edgar" im Kino Von einem, der sich selbst unterdrückte

Ohne Liebe ist alles nichts: Der legendäre FBI-Chef J. Edgar Hoover duldete keine Homosexuellen in seiner Behörde, dabei soll er selbst dem eigenen Geschlecht zugeneigt gewesen sein. Am Ende blieb sein Leben leer und verlogen. So zeichnet es Clint Eastwood in seinem Film "J. Edgar". Leonardo DiCaprio verkörpert diese ungeheuer zwiespältige Figur, die vor allem von ihrer Sucht nach Macht getrieben ist - das funktioniert nur wegen seiner Augen.

Von Susan Vahabzadeh

Als Clint Eastwood beschloss, einen Film zu drehen über J. Edgar Hoover, den Mann, der das FBI und seinen Vorgänger von 1924 bis 1972 leitete und den acht Präsidenten nicht zu kontrollieren schafften, hätte er sich für das Naheliegende entscheiden können: für eine Generalabrechnung. Geht es hier doch um einen Mann, der Geheimakten über das Privatleben von Politikern angelegt und sie damit auch erpresst hat - obwohl sein eigenes Privatleben in der damaligen Zeit ebenfalls nicht ans Licht kommen durfte.

Leonardo DiCaprio als Direktor und Begründer des FBI, J. Edgar Hoover, in J. Edgar: Für Regisseur Clint Eastwoods Hoover existiert kein Kollateralschaden. Seine Sucht nach Macht und die Unfähigkeit, andere Meinungen gelten zu lassen, gehen so weit, dass er sogar versucht, sich die Vergangenheit untertan zu machen. 

(Foto: dpa)

Die Geschichtsschreibung sieht es inzwischen als sehr wahrscheinlich an, dass Hoover, der keine Homosexuellen im FBI duldete, am eigenen Geschlecht mehr Interesse hatte als am anderen.

Das Drehbuch zu "J. Edgar" hat denn auch Dustin Lance Black geschrieben, der Autor von "Milk", des Films über den ersten offen schwulen US-Politiker Harvey Milk. Aber eine solche Anklage wäre Eastwood wohl zu wenig gewesen: Er erzählt vor allem davon, was Hoover sich selbst angetan hat, nicht den anderen.

"J. Edgar" ist ein Blick zurück am Ende des Lebens, und nichts davon hätte funktioniert, wenn Leonardo DiCaprio nicht so alte Augen hätte. Es ist etwas Müdes und Rastloses in seinem Blick, den kein Make-up-Artist maskieren kann, wenn er von der Rolle des jungen Hoover in die des alten schlüpft.

Hoover diktiert seine Memoiren, eine Fiktion, aber die ist ja erlaubt bei einem, der so viel Papier hat zerstören lassen bei seinem Tod. Ein Kostümfilm, der durch sechs Jahrzehnte streift, perfekt in seinen Dekors und Interieurs. In Rückblenden sieht man, wie Hoover die beiden Menschen findet, die ihm wohl nach dem Tod seiner Mutter (Dame Judi Dench) am teuersten waren: seine Sekretärin und Vertraute, Helen (Naomi Watts), und seinen Stellvertreter im Amt, Clyde Tolson (Armie Hammer) - mit dem er essen ging, in Urlaub fuhr, der ihn beerbte und neben ihm begraben wurde.

Lebenslang eine Rolle gespielt

Gerade diese private Ebene, von der er am meisten erzählt, lässt Eastwood dann doch sehr schön in der Schwebe - er ist sich sicher, dass Hoover Tolson geliebt hat, aber nicht, ob er diese Liebe tatsächlich ausgelebt hat. Was dabei herauskommt, ist natürlich ein umso spannenderes Porträt von Hoover, eine ungeheuer komplexe und zwiespältige Figur, wie sie das Kino sich selten leistet.

Und so ist dieser Mann umso schwieriger auf die Leinwand zu bringen - Leonardo DiCaprio muss einen spielen, der lebenslang eine Rolle spielte, er zeigt uns den Umriss eines Mannes, den jeder selbst in seiner Vorstellung vollenden muss. Das Gleiche gilt für Hoovers Arbeit, die natürlich auch am Rande vorkommt - Kommunistenhatz und Kampf gegen das organisierte Verbrechen. Das eine erinnert an den Patriot Act, aber was wäre aus Amerika ohne das andere geworden?

Für Eastwoods Hoover existiert kein Kollateralschaden. Seine Sucht nach Macht und die Unfähigkeit, andere Meinungen gelten zu lassen, gehen so weit, dass er sogar versucht, sich die Vergangenheit untertan zu machen.

Eastwood hat die Handlung verschachtelt: Wir gewöhnen uns keinen Moment lang an den jungen Edgar, denn wir landen immer wieder bei einem Mann am Ende seines Lebens, der eine Bilanz zieht, eine geschönte, selbstverständlich. Er diktiert wechselnden Assistenten seine Version der Geschichte - diese Memoiren gibt es so nicht, aber Hoover hat im richtigen Leben die von ihm selbst verbreiteten Legenden in Fernsehserien und Comic-Heften und auch überall sonst, wo sein langer Arm hinlangte, platziert.

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