Italiens Verbrechen Unentdeckte Sünden

Terrorismus, Guerillakrieg: Massimo Carlottos Held vertraut auf die Kreativität des Verbrechens.

Von Bernd Graff

Kriminalromane leben davon, dass sie der Wirklichkeit absprechen, hinreichend evident zu sein. Die bösen Akteure verwenden hier ihre Kräfte darauf, ein wahres Geschehen zu vertuschen, und die guten, es zu ermitteln. Man kann dem Augenschein nicht trauen. Er erfasst nur die Fassade. Und die Cops sind die Fassadenkletterer. Der doppelte Boden also ist der feste Grund, auf dem alle Krimis gebaut sind.

Das gilt auch für Massimo Carlottos "Am Ende eines öden Tages". Und es gilt hier auch wieder nicht. Denn man gewinnt sehr schnell den unbehaglichen Eindruck, sein literarisch verfasstes Geschehen beschreibe eine bestimmte Sorte "echter" Wirklichkeit, das Buch könne eine Dokumentation realer Verhältnisse sein.

Dieser Band besteht in seiner aktuellen deutschen Fassung nicht aus einem, sondern aus zwei Büchern. Denn der erste Teil wurde in Deutschland bereits 2007 unter dem Titel "Arrivederci amore, ciao" veröffentlicht. Der zweite Teil erschien 2011 in Italien unter dem Titel "Alla fine di un giorno noioso", also unter dem, den nun das Gesamtkonvolut auf Deutsch trägt. Nur für die deutsche Fassung hat Carlotto auch noch ein Scharnierstück eingefügt, es heißt "Einige Monate später" und bildet eine Überleitung zwischen den Teilen.

Giorgio Pellegrini, der Negativheld hier, ist ein Verbrecher mit und aus Leidenschaft. Obwohl er seine Taten überlegt, hartnäckig und unbehelligt von Empathie durchzieht, erlebt er sich dabei als Ästhet, der exquisit tötet, nicht einfach nur umbringt: ein brillanter Spitzenkiller. "Ich vertraue auf die unbegrenzten Möglichkeiten des kreativen Verbrechens", sagt er.

Dieser Stolz ist die einzige positive Gefühlsregung, zu welcher der Ex-Terrorist fähig ist. Er hatte mal in Norditalien ein paar "belanglose Attentate" begangen. Das sah die Staatsanwaltschaft anders und verfolgte ihn. Also ist Pellegrini mit einem Compañero in ein zentralamerikanisches Land geflohen. Gleich auf der ersten Seite liquidiert er den Kumpel, um sich beim Comandante eines Guerilla-Trupps einzuschmeicheln. Doch das Dschungelleben behagt ihm nicht, er flieht in ein benachbartes Land und kommt als Barkeeper unter. Hier vögelt er sich durch das touristische Angebot, bis er auffliegt, wieder flieht - und beschließt, sein Leben zu ändern. Er geht nach Italien zurück, wird Kronzeuge und verpfeift wirklich jeden seiner ehemaligen Freunde, bevor er eine stark verkürzte Haftstrafe antritt.

Danach will er ein ehrbarer Bürger sein, der in Norditalien sein Geld nun im eigenen Restaurant verdient und es zusätzlich mit einem Escort-Service und Edelnutten mehrt. Einige seiner alten Kameraden haben indes auf ihn gewartet, glühend vor Rachegelüsten. Unser Mann bringt sie alle eiskalt um - auch die eigene Verlobte.

Massimo Carlotto ist in Italien nicht nur wegen seiner Krimis ein bekannter Mann; er war wie sein fiktiver Giorgio selber einmal Mitglied in einer linken Vereinigung, der Lotta Continua. 1976 hatte er eine Tote gefunden, nicht er war der Mörder, aber in einem ersten Prozess konnte er seine Unschuld nicht belegen und wurde zu 18 Jahren Haft verurteilt. Carlotto floh nach Mexiko, wo er Jahre lang untertauchte. Dann wurde er gestellt und nach Italien ausgeliefert. Hier ging er ins Gefängnis. Sechs Jahre lang. Sein Fall wurde wieder aufgerollt, es gab Urteile, Revisionen, Neuverurteilungen, ein spaghettihaftes Justizskandalon, das erst 1993 durch den Staatspräsidenten Scalfaro mit Begnadigung beendet wurde. Seitdem lebt Carlotto als Autor.

Massimo Carlotto, Jahrgang 1956, stand vor seiner Karriere als Autor im Zentrum eines kontroversen Terrorismus-Prozesses in Italien. Verurteilt wegen Mordes wurde er nach juristischem Hickhack vom Staatspräsidenten begnadigt.

(Foto: Marijan Murat)

Sein Roman ist mehr als nur das Porträt einer kriminellen Karriere, es ist das ätzende Sittengemälde einer völlig verkommenen, bigotten Gesellschaft. Pellegrini umgarnt etwa den in der Politik mit seiner Partei aufstrebenden Anwalt Brianese, den man nur deshalb nicht einen Verbrecher nennen möchte, weil er seine widerliche Gier und sein Handeln als demokratisch legitimierten Volkswillen verkaufen kann. Die Anklänge an Berlusconis Bunga-Bunga-Politik sind unverkennbar.

Am Ende des "Scharnierstücks" heißt es: "Korruption, Gewalt, Geld und Heuchelei hatten mir die Türen zur guten Gesellschaft geöffnet. Meine früheren Sünden waren vergeben worden, und die, die ich tagtäglich beging, zählten so lange nicht, solange sie nicht entdeckt wurden. Aber das würde nie geschehen. Denn ich war der Bessere. Und der Brutalere."

Der dritte Teil belegt das. Die Karriere des Politikers erhält eine Delle, die Mafia schaltet sich ins Restaurant-Geschäft ein. Gemordet wird immer weiter. Dann wieder gerächt. Es geht, von Pellegrini orchestriert, blutig drunter und besudelt drüber. Niederschmetternd. Oft beginnen Absätze mit der Floskel des Buchtitels: Am Ende eines öden Tages . . . Man müsste von Krise sprechen. Doch Krise? Welche Krise?

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Diese gute Gesellschaft verlebt öde Tage der Gier und des Verbrechens. Und macht unbehelligt und ungebremst immer weiter. Doch fragt man sich: Ist dies eigentlich nur das Kennzeichen der offiziell als kriminell bezeichneten Nachtschattenseite von Gesellschaft? Gilt nicht generell als vorbildlich, wer planvoll, hartnäckig und unbehelligt von Skrupeln seine Ziele verfolgt? Und ist, spätestens nach den Panama Papers, nicht ersichtlich geworden, wie sich weltweit Mitglieder der sogenannten besseren Kreise mit ein paar Briefkasten-Tricks von der Last der Aufrichtigkeit und ihrer Steuerschuld befreien?

Hat Massimo Carlotto also nur einen packenden Kriminalroman geschrieben, der das Spiel um Trug und Täuschung sehr forciert - oder hat er nicht vielmehr die pointierte Skizze einer realeren Wirklichkeit vorgelegt, also das Buch der Stunde?

Massimo Carlotto: Am Ende eines öden Tages. Aus d. Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Katharina Schmidt, Barbara Neeb. Tropen Verlag, Stuttgart 2016. 381 S., 14,95 Euro. E-Book 11,99 Euro.