Von Henning Klüver

Die Vorstufe zur Mafia ist eine mafiöse Kultur: Korruption, Mauscheleien und mafiöses Verhalten prägen Italiens politische Kultur mittlerweile auf allen Ebenen.

Cannoli sind ein verführerisches sizilianisches Schmalzgebäck, gefüllt mit Ricotta, Schokoladenstückchen und kandierten Früchten. Sie gehörten ursprünglich zur Karnevalszeit, werden aber heute das ganze Jahr über gereicht. Ihren internationalen Auftritt hatten sie im dritten Teil der Verfilmung von Mario Puzos Mafia-Roman "The Godfather", als ein Gegner der Familie Corleone, dargestellt von Eli Wallach, in einer Loge des Teatro Massimo von Palermo durch vergiftete Cannoli ums Leben kommt, während Mascagnis Oper "Cavalleria rusticana" über die Bühne geht.

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Sizilianische Verführung: Marlon Brando 1972 als Don Vito Corleone in "Der Pate". (© Foto: dpa)

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Passend zur Jahreszeit, aber unpassend zur Stunde reichte Siziliens Regionalpräsident Salvatore "Totò" Cuffaro vergangene Woche Besuchern und Medienvertretern Cannoli, nachdem er in erster Instanz von einem Gericht in Palermo "nur" zu einer fünfjährigen Haftstrafe bei Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt worden war.

Es sei erwiesen, so das Gericht, dass der Regionalpräsident einzelne Mitarbeiter der Mafia oder ihr nahestehender Personen unterstützt habe. Cuffaro und seine Freunde von der kleinen christdemokratischen Partei UDC, die zum Berlusconi-Lager gehört, hatten Schlimmeres befürchtet. Denn die Staatsanwaltschaft wollte eine Verurteilung auf Grundlage des weit schwereren Tatbestandes der Unterstützung der Mafia von außen erreichen.

So sah der Regionalpräsident erst einmal keinen Grund, seinen Rücktritt einzureichen - in Italien werden Urteile erst durch die Bestätigung der dritten Instanz rechtskräftig - und verteilte zur Feier der Stunde die in Schmalz und Marsala gebackenen Röllchen.

Ich hab doch nur Politik gemacht

Die Vorstufe zur Mafia ist eine mafiöse Kultur, die aber nicht gleichbedeutend mit dem organisierten Verbrechen ist. Sie ist geprägt von einem Netz gesellschaftlicher und ökonomischer Beziehungen, das von einem Klientelsystem gehalten und laufend erneuert wird. Dieses Klientelsystem umgeht staatliche Autorität, indem es sie privatisiert. In ihm zählt allein der direkte Kontakt, die Freund- oder Verwandtschaft oder auch die persönliche Abhängigkeit.

Eine Kontrollinstanz, wo man sein Recht einklagen kann, gibt es nicht. Mafiöses "Recht" ist Privatsache. Wer dieses System nutzt, muss aber nicht gleich ein Mafioso sein. Wer etwa in Palermo ein gestohlenes Motorrad wieder erhalten möchte, zeigt den Diebstahl nicht an, sondern sucht Kontakt zum Boss des jeweiligen Viertels oder Straßenzuges. Die Erfahrung zeigt, dass - bei Zahlung eines "Beschaffungsgeldes" - so die Chance größer ist, wieder an sein Fahrzeug zu kommen.

Die Vorstufe zur mafiösen Kultur wiederum ist das "Così fan tutti". "So machen es doch alle", hatte sich der Chef einer anderen kleinen christdemokratischen Partei gewehrt, als er ins Fadenkreuz einer juristischen Untersuchung wegen Begünstigung, Fälschung von Ausschreibungen und Amtsmissbrauch gekommen war, und seine Frau sogar wegen des Verdachtes der Korruption unter Hausarrest gestellt wurde.

Es handelte sich ausgerechnet um den italienischen Justizminister, um Clemente Mastella, der wegen dieser Voruntersuchung gegen ihn und seine Entourage zunächst sein Amt zur Verfügung gestellt hatte und dann durch den Rückzug aus der Senatsmehrheit die Regierung Prodi stürzte. Clemente Mastella und seine Frau Sandra, die in Neapel dem Regionalparlament von Kampanien vorsitzt, hätten in ihrer Heimatregion nur "Politik gemacht" wie alle, indem sie Einfluss auf die Besetzung der öffentlichen Ämter nach dem Parteienproporz genommen haben - so ihre Verteidigung.

Dass es gerade im Gesundheitssystem, etwa bei der Ausschreibung einer Chefarztstelle, zunächst auf das Parteibuch und erst dann auf die fachliche Qualifikation angekommen sein soll, dass entsprechend Druck ausgeübt wurde, diese und jene Partei zu bevorzugen, das hat die Staatsanwaltschaft dann doch stutzig gemacht. Mittlerweile wurde eine ganze Reihe von Korruptionsfällen aufgedeckt.

In Süditalien läuft eigentlich nichts ohne die richtige Verbindung zu "referenti", "Bezugspersonen" also. Ganz unbekannt ist dieses Phänomen auch in nordeuropäischen Ländern nicht, es gibt dort aber zum Ausgleich ein stärkeres Staatsbewusstsein und eine bessere öffentliche Kontrolle. Die Grauzone in Italien zwischen mafiöser Kultur und dem "Così fan tutti", bei der die Vertreter von Parteien öffentliche Angelegenheiten wie Privatsachen behandeln, reicht bis in kleinste, auch kulturelle Sphären.

Wie so etwas funktioniert, hat soeben der Theaterregisseur Lamberto Puggelli erfahren. Puggelli, der an der Mailänder Scala und am Pariser Odeon inszeniert hat, verbindet eine lange Beziehung mit dem Teatro Stabile von Catania, wo er etwa Giuseppe Favas Antimafia-Stück "L'ultima violenza" (Die letzte Gewalt) aufgeführt hatte, kurz bevor Fava im Januar 1984 durch die Cosa Nostra ermordet wurde.

Rausschmiss auf Italienisch

Catania bot Lamberto Puggelli im vergangenen Mai überraschend die Leitung des Stadttheaters an, wo er den in dieser Rolle glücklosen Showmaster und Moderator Pippo Baudo beerben sollte. Der italienweit sehr populäre Baudo hatte vergeblich versucht, das Teatro Stabile seiner Heimatstadt zu alter Größe zurückzuführen. Puggelli nahm an und präsentierte in kürzester Zeit einen sehenswerten Spielplan. Er initiierte Koproduktionen mit dem Mailänder Piccolo Teatro, Peter Stein und Peter Brook wurden eingeladen, Lessings "Nathan der Weise" sollte im Dom der Stadt aufführt werden. Catanias Theaterszene schien mit neuem Leben gefüllt.

Aber wenige Monate nach seinem Amtsantritt kündigte der (von der lokalen Politik berufene) Verwaltungsrat des Theaters eigenmächtig Verträge, die Puggelli mit anderen Bühnen wie dem Piccolo geschlossen hatte. Man behinderte die Arbeit des neuen Direktors, wo man nur konnte. Der suchte das Gespräch mit dem Aufsichtsorgan, doch dessen Mitglieder zogen sich im Verlauf der Treffen immer wieder zurück, um Kontakt, wie sie ganz offen zugaben, mit ihren "referenti" aufzunehmen. Wer diese Bezugspersonen waren, hat der Regisseur nie erfahren. Schließlich wurde ihm nahegelegt, sich von der Theaterleitung zurückzuziehen. Im Tausch bot man ihm ein paar Inszenierungen im Jahr an - außerdem hätte er den Titel des Direktors weiterhin tragen dürfen.

Puggelli lehnte entrüstet ab. Darauf änderte der Verwaltungsrat (ohne jede gesetzliche Grundlage) die Satzung des Theaters, berief einen neuen Direktor, der bislang nur Erfahrung mit einem lokalen Dialekttheater hatte, besetzte auch alle anderen Stellen des Theaters neu mit Verwandten und Freunden, und erteilte Lamberto Puggelli Hausverbot.

Dem dämmert allmählich, dass er nur benutzt wurde, um eine relativ starke, weil im Rampenlicht stehende Persönlichkeit wie Pippo Baudo, der in diesem Jahr wieder das Schlagerfestival von San Remo moderieren wird, loszuwerden. Die italienische Öffentlichkeit interessiert sich denn auch nur noch für Baudos Sorgen um San Remo. Puggelli im fernen Catania, wo der Mailänder inzwischen Klage eingereicht hat, ist kein Thema, sondern höchstens ein Fall nach dem Muster "Così fan tutti".

Und Berlusconi lacht mal wieder

Und das Ende der Geschichte? In Palermo feierten am vergangenen Sonntag viele Leute auf der Piazza Politeama in Cannoli-Kostümen Karneval. Denn Totò Cuffaro hat jetzt doch das Handtuch geschmissen und ist vom Amt des Regionalpräsidenten zurückgetreten, weil die Regierung in Rom ein Amtsenthebungsverfahren gegen ihn eingeleitet hatte. Doch viel zu feiern gibt es eigentlich nicht. Die nächste Regierung in Rom wird, wenn nicht ein erdrutschartiger Umschwung in der Wählermeinung eintritt, wieder von Silvio Berlusconi gestellt. Der Philosoph Paolo Flores d'Arcais schreibt in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift Micromega, dass die linke Mitte sich Berlusconi geradezu ausgeliefert hätte, indem sie der politischen Kultur eines Clemente Mastella und des Così fan tutti folgte, statt die Zusammenarbeit mit den Basisgruppen der Zivilgesellschaft zu suchen.

Das Magazin L'espresso rechnet dagegen der Regierung ihre Mutlosigkeit und Versäumnisse in 20 Monaten Amtszeit vor: kein Gesetz zur Regelung des Interessenkonfliktes Berlusconis wurde verabschiedet, der private Medienmarkt wurde nicht neu geordnet, und warum wurden all die skandalösen Gesetze aus der Berlusconi-Ära nicht zurückgenommen? Statt dessen gibt einen aufgeblasenen Regierungsapparat mit über 100 Staatssekretären, innere Streitigkeiten ohne Ende und ein Hofieren des katholischen Milieus und des Vatikans, der wiederum bereitwillig die Kultur des Klientelismus im Tausch gegen eine erzkonservative Familien- und Sozialpolitik deckt.

Feiern kann dagegen Silvio Berlusconi, der soeben in Mailand wieder einmal von einer juristischen Anklage freigesprochen wurde. Den Tatbestand der Bilanzfälschung, um den es dabei ging, hatte er als Regierungschef selbst in der vorangegangenen Legislaturperiode abgeschafft. Unter Berlusconi wurde die Überzeugung hoffähig, dass man wohl oder übel mit der Mafia zusammenleben müsse, wie es der damalige Bau- und Verkehrsministers Pietro Lunardi von der Forza Italia achselzuckend ausdrückte.

Totò Cuffaro, der gescheiterte Regionalpräsident Siziliens, ist der Rücktritt nach Presseberichten mit der Zusicherung eines Listenplatzes bei den kommenden Wahlen zu Parlament und Senat versüßt worden. Bald kann der zu fünf Jahren Gefängnis verurteilte Politiker seine Cannoli in Rom anbieten.

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(SZ v. 2./3.1.2008)