Italienische Literatur Padrone, Pasta und Periodenbau

Wer Elena Ferrante ist, weiß keiner. Wie sie schreibt, zeigen ihre Orginalromane. Was wird daraus im Deutschen und im Englischen?

Von Maike Albath

Am 25. Juni 1974 erschien im Turiner Einaudi Verlag ein dicker Roman, "La Storia" von Elsa Morante. Ein Kriegsepos, an das breite Publikum gerichtet, die Geschichte einer Lehrerin, die zwischen 1941 und 1947 Opfer der Zeitumstände wird. Es geht um die kleinen Leute, die Struktur des Buches ist übersichtlich, die Sprache zugänglich. Der Autorin schwebte eine "Ilias unserer Zeit" vor, sie hatte dafür gesorgt, dass die knapp siebenhundert eng bedruckten Seiten ausschließlich als erschwingliches Taschenbuch herauskamen. Die Rechnung ging auf. 550 000 Exemplare wurden in den ersten zehn Monaten nach Erscheinen verkauft. Der große Literaturwissenschaftler Carlo Bo eröffnete seine begeisterte Rezension mit den Worten: "Hier haben wir ein Buch, das bleiben und ein bestimmtes Gewicht erlangen wird, vor allem für seine Leser. Es werden viele sein, und es werden nicht die ausgewählten, erfahrenen Leser sein, sondern einfache Leser."

Zugleich entbrannte eine heftige Debatte. Auf Lobeshymnen folgten ätzende Verrisse, man warf Morante mangelndes historisches Bewusstsein vor und bezeichnete sie als tändelnde Enkelin des Kinderbuchklassikers De Amicis. Während die Avantgarde sich auf Formexperimente kaprizierte, klagte Elsa Morante die Erzählbarkeit der Welt ein. Leser dürfe man zum Lachen bringen oder man müsse ihnen Angst machen, befand Italo Calvino, sie weinen zu lassen, wie Elsa Morante das täte, sei verboten. Ebenso scharf ging Pier Paolo Pasolini mit der ehemaligen Freundin ins Gericht: Auf zwölf Seiten lieferte er in der Tageszeitung Il Tempo eine geschliffene philologische Analyse. Zwar attestierte er einzelnen Figuren eine gewisse poetische Intensität, aber er bemängelte die entwaffnend elementare Sprache des Romans, den Märchenton und die Neigung zum pseudonaturalistischen Nachäffen.

Der Italien-Zyklus der mysteriösen Elena Ferrante, dessen erster Band "Meine geniale Freundin" gerade mit großem Echo auch in Deutschland erschienen ist, knüpft bei aller Verschiedenheit der Sujets an Elsa Morantes farbenprächtigen Realismus an. Verblüffend ähnlich verlaufen die Argumentationslinien der Rezeption. Auch die anonyme Italienerin richtet sich dezidiert an die große Leserschaft. Und wieder wird die literarische Qualität des Romans bezweifelt. Doch folgt die Schlichtheit ihrer Ausdrucksweise einem Prinzip. Sie lässt sich als ein Versuch deuten, den enormen Abstand zwischen der Literatursprache und der Alltagssprache, der die italienische Tradition von Beginn an kennzeichnet, zu überwinden. Was wird aus diesem Versuch in anderen Sprachen, in der englischen Übersetzung, in der nun vorliegenden deutschen?

Im ersten Band, den Karin Krieger souverän und einfallsreich übersetzt hat, pendelt die Perspektive zwischen den Erinnerungen der alten Frau und der Weltsicht des kleinen Mädchens. Auf lineare Schilderungen folgen dichtere, bildhafte Momente. Das eher Lapidare verliert sich, und wenn das Kind hervortritt, läuft auch Krieger zu Hochform auf: "Wir trauten dem Licht auf den Steinen nicht und auch nicht dem auf den Häusern, auf dem Umland und auf den Menschen draußen und in den Wohnungen. Wir ahnten die dunklen Winkel, die unterdrückten Gefühle, die immer kurz vor dem Ausbruch standen. Und diesen schwarzen Löchern, diesen Abgründen, die sich dahinter unter den Wohnblocks unseres Viertels auftaten, schrieben wir alles zu, was uns am helllichten Tag erschreckte."

Ferrante schreibt volkstümlich, verwendet aber das klassische italienische Erzähltempus

Ferrante verwendet das klassische italienische Erzähltempus, das passato remoto. Das markante Relief der Zeitformen, typisch für die romanischen Sprachen, geht im Deutschen zwangsläufig verloren. Das Changieren zwischen standardsprachlichen Ausdrucksweisen und kolloquialen Redewendungen aber vermittelt Krieger sehr gut. Wenn es zu den Figuren passt, verstärkt sie das Umgangssprachliche ("Flitzer" für vettura, "Luxusschlitten" für macchina da gran signori). Nur wenn in zwei Schulszenen problemi als "Probleme" übersetzt werden, obwohl es der Fachterminus für "Rechenaufgaben" ist, sollte man das bei einer Neuauflage tilgen.

Vor allem die glänzend eingesetzte wörtliche Rede verleiht den knappen Kapiteln des Romans Spannkraft, was Krieger perfekt nachbildet. Vielleicht um die Eigenart des Schauplatzes zu vermitteln, sind auch im Deutschen etliche italienische Wörter stehen geblieben. Oft kann man das nachvollziehen, wie "Rione" für das nahezu mythische Stadtviertel oder "Salumeria" für das Geschäft mit Wurstwaren. Doch kann die schlichte Fülle des Italienischen leicht ins Folkloristische umschlagen, wenn die Hauptstraße des Viertels immer nur Stradone heißt, der Chef ein Padrone ist, man in die Pasticceria geht und ständig die Madonna angerufen wird. Unfreiwillige Komik entfaltet die Szene, in der die Heldin Lenù und ihr Freund in der Bar "eine Pasta" kaufen. Dem deutschen Leser dürfte da ein Teller Nudeln vor Augen stehen, gemeint ist aber ein Stück Gebäck. Aber die Deutschen lieben nun einmal italienische Authentizitätssignale.

Leseprobe

Der Verlag stellt hier einen Auszug aus dem deutschen Roman zur Verfügung.

Der Effekt der englischen Übersetzung ist verblüffend, sie ist knapper, griffiger als das Original

Dass Elena Ferrante längst ein internationales Medienphänomen ist, geht vor allem auf ihren Erfolg in den USA zurück. Der Effekt der englischen Übersetzung, von der hochverdienten Anne Goldstein bewerkstelligt, ist in der Tat verblüffend. Sie wirkt griffiger, schneller, knapper als die deutsche und das Original. "Sie hatte sich in der Küche neben ihn gesetzt, wenn er Hausaufgaben machte und hatte mehr gelernt, als zu lernen ihm vergönnt gewesen war", übersetzt Karin Krieger etwas betulich, was bei Ferrante so klingt: "Gli si metteva seduta accanto in cucina mentre faceva i compiti, e apprendeva più di quanto riuscisse ad apprendere lui."

Anne Goldsteins Syntax ist näher an Ferrante, zugleich entschlackt sie den Satz: "She would sit next to him in the kitchen while he was doing his homework, and she learned more than he did." Manchmal verkürzt sie Perioden sogar. Das Ergebnis ist eine stärkere Unmittelbarkeit. ",Perché hai pagato tu' quasi gli gridai in dialetto, arrabbiata. ,Perché io e te siamo più belli e più signori,' lui rispose", so schildert Ferrante einen Streit zwischen Lenù und ihrem Freund. Daraus wird im Deutschen: ",Warum hast du die Rechnung bezahlt', herrschte ich ihn wütend im Dialekt an. ,Damit du und ich besser aussehen und edler sind'." Goldsteins Lösung ist präziser und schmissiger: ",Why did you pay?' I almost yelled at him, in dialect, angrily. ,Because you and I are better-looking and more refined', he answered."

Eines gelingt Elena Ferrante, wer auch immer sie sei, ohne Zweifel: ein weiblicher Blick auf die Welt

In welcher Sprache man den Zyklus auch liest, bestechend an Ferrante ist die Dramaturgie ihres weit ausschweifenden Erzählens, ihr rasanter Rhythmus, das Personal mit seinen ambivalenten Heldinnen und den scharf gezeichneten Nebenfiguren, das sie über 1 700 Seiten durch die italienische Zeitgeschichte dirigiert. Immer wieder explodiert die Gewalt, immer wieder werden die Bedingungen der Illegalität erzählerisch entfaltet. Der Band "Meine geniale Freundin" ist aber vor allem ein großes Frauenbuch - es geht um Begehren, Ekel, Sehnsucht, Kränkungen und Rivalitäten in seinen privatesten Facetten. Wie kann ein weiblicher Lebensentwurf in einer patriarchalen Gesellschaft aussehen?

Die questione della lingua, die Frage nach der Sprache, wird oft von männlichen Lesern aufgeworfen, so von Calvino und Pasolini im Blick auf Elsa Morante. Die Frage ist in Italien so alt wie die Literatur selbst. Oft wird, wenn sich ein Autor zu sehr dem gesprochenen Idiom annähert, Verrat an der literarischen Tradition gewittert. Ja, Elena Ferrante ist sinnlich, gelegentlich wohl auch zu eindimensional, aber dafür betörend süffig. James Salters hochgestimmtes Pathos, zu dem er bei militärischen Angriffen oder Sex aufläuft, wird gern gefeiert, auch Philip Roth verzeiht man das ewige Kreisen um das männliche Genital. Bei Frauen darf das Interesse an sich selbst offenkundig nicht so offenkundig sein. Dabei gelingt Elena Ferrante vor allem eben dies: Ein weiblicher Blick auf die Welt.