Von Kai Strittmatter

Korruption in der Kunst: Europas Kulturhauptstadt am Bosporus gibt jungen Künstlern keine Chance - und präsentiert sich historisch statt hip.

Es wäre perfekt gewesen. Istanbul 2010. Wie haben sie gejubelt, wie waren sie aufgeregt, die jungen Künstler der Stadt, als die Entscheidung der EU-Kommission vor drei Jahren verkündet wurde. Istanbul wird europäische Kulturhauptstadt 2010, gemeinsam mit Essen und der ungarischen Stadt Pecs. "Wir dachten, es wäre der Start in eine neue Ära", sagt die Galeristin Yesim Turanli. "Es war einfach an der Zeit. Wir sind dran, wir Türken. Alles scheint zusammenzulaufen."

Istanbul Kulturhauptstadt 2010, Foto: AFP

Istanbul, Kulturhauptstadt 2010, wird sich als historische Museumsinsel präsentieren, denn nur 218 von 2.000 eingereichten Vorschlägen wurden bestätigt. (© Foto: AFP)

Anzeige

Oder muss es nun heißen: Alles schien? Ein Land und eine Stadt im Aufbruch, eine Welt, die aufmerkt und hinschaut. Eine neue Generation junger Künstler. Maler, Bildhauer, Videokünstler, Schriftsteller, die reisen, die in deutschen, französischen, holländischen Städten Stipendien antreten und Netzwerke knüpfen. Die aufgehört haben, bloß die westliche Moderne zu kopieren, die ihre eigene Herkunft einbringen. Die gerade deshalb die Aufmerksamkeit der Kunstwelt erregen. Sind eh spät dran, die Türken.

Auktionen übertrafen die Erwartungen

Die Iraner, die Inder, sie alle wurden schon auf die große Bühne gebeten. Nun die Türkei. Bis vor zwei Jahren, sagt Yesim Turanli, habe sie ihre Bilder vor allem an türkische Kunden verkauft. "Seither aber sind die Ausländer in der Mehrheit, kommen von überall her: aus der Schweiz, aus den USA, aus England." Am 4. März fand in London bei Sotheby's die erste Auktion statt, die ausschließlich zeitgenössischer türkischer Kunst gewidmet war. Ausgerechnet zum Höhepunkt der Finanzkrise, Turanlis Galerie "Pi Artworks" hatte vier Künstler in der Auktion - die Verkäufe übertrafen die Erwartungen.

Und nun nur mehr wenige Monate bis 2010. Europäische Kulturhauptstadt Istanbul. Was für eine Gelegenheit. Was für ein Sprungbrett. Was für eine Bruchlandung. Yesim Turanli ist auch Mitbegründerin der "Stiftung Istanbuler Kunstmuseen". Die Stiftung reichte ein Projekt ein, gleich zu Beginn der Planung. Künstler aus allen Partnerstädten Istanbuls wollten sie 2010 in die Stadt bringen, zu gemeinsamen Seminaren, Workshops, Aktionen.

Das "Komitee für die Europäische Kulturhauptstadt Istanbul 2010", von der Regierung offiziell bestallter Herr über Programm und Budget, war angetan, das Projekt wurde genehmigt. "Wir freuten uns riesig." Sie warteten. Das versprochene Geld traf nicht ein. "Nächstes Jahr", hieß es. Sie warteten noch ein Jahr. Statt Geld kam ein neuer Bescheid: "Überarbeiten Sie ihre Budgetplanung". Sie warteten wieder.

Dann, vor einem Monat, ein Anruf: Eine frohe Nachricht, Frau Turanli, wir könnten ihnen 32.000 Lira überweisen. Also umgerechnet 15.000 Euro, für Dutzende von Künstlern, die aus ganz Europa anreisen und einen Monat lang in Istanbul leben und arbeiten sollten - 15.000 von ursprünglich genehmigten 200.000 Euro. Die Stiftung steigt nun aus. Und Yesim Turanli ist nicht allein: "Ich weiß von vielen Künstlern und Kuratoren, die Projekte eingereicht hatten. Ich kenne keinen einzigen, dessen Projekt genehmigt worden wäre. Alle haben aufgegeben."

Es ist eine von Fassungslosigkeit begleitete Klage, die einem oft begegnet in der Stadt. "Ich treffe hier nur verzweifelte türkische Künstler", sagt Claudia Hahn-Raabe, die Chefin des Goethe-Institutes in Istanbul: "Man kann sich ja nicht einmal die Namen der Verantwortlichen merken, so oft wechseln die. Es ist erschreckend."

Tatsächlich hat das Komitee in der kurzen Zeit seiner Existenz schon zweimal die Direktoren gewechselt. Und jedes Mal wurde den Gefeuerten das bis dahin aufgestellte Programm in die Verbannung hinterher geworfen. Es gab Proteste, es gab Rücktritte von Mitgliedern und Beratern des Gremiums, zuletzt im Frühjahr 2009. Das Publikum war zusehends verwirrt, die Presse zunehmend misstrauisch.

"2010 zerfällt", schrieb ein Kolumnist der Zeitung "Today's Zaman". Was von den hehren Ankündigungen bleibe sei - wieder einmal - ein "Riesenwitz. Zum schon fast tragikomischen Chaos kam ein weiterer Vorwurf dazu. Hauptstadt der europäischen Kultur? "Hauptstadt der Korruption", überschrieb die Zeitung "Habertürk" im Juli eine Doppelseite.

Ein Bericht von Regierungsinspektoren erhob schwere Vorwürfe gegen den im April ausgewechselten Komiteeleiter Nuri Colakoglu: "Er hat Projekte selbst vorgeschlagen, selbst geprüft und selbst genehmigt". Der bekannte Dirigent Cem Mansur zog sich als Berater zurück, nachdem er entdeckt hatte, wie ein von ihm auf 40.000 Dollar veranschlagtes Ballett in der Planung plötzlich mit 85.000 Dollar auftauchte. Für einen Tanz der Sufi-Derwische am Bosporus, den Cem Mansur auf 25.000 Dollar schätzte, waren mit einem Mal 298.000 Dollar reserviert.

Galeristin Yesim Turanli erzählt von Beamten, die für eine Unterschrift eine Kommission von 20 Prozent des Budgets verlangten: "Im Team von 2010 sitzen Leute, die leisten wirklich harte Arbeit. Aber in der Führung, da war etwas faul."Und jetzt? "Ist es ohnehin zu spät", meinte Dirigent Mansur bei einer Talkshow im Nachrichtensender NTV: "Alle Zeit ist vertan, alle Versprechen sind gebrochen." Das stimmt nicht ganz. 218 von fast 2.000 eingereichten Vorschlägen sind nun bestätigt, darunter ein Leuchtturmprojekt wie Orhan Pamuks "Museum der Unschuld".

Wenn man beim Komitee nach den wichtigsten Projekten fragt, erhält man eine Liste, auf der Fotoausstellungen stehen und osmanische Gartenkultur, vor allem aber eine lange Reihe von Restaurierungsprojekten: Unter anderem profitieren das Atatürk-Kulturzentrum, die Hagia Sophia, die Küche des Tokapipalastes, die alte Loge der tanzenden Derwische und der beim Bosporustunnelbau freigelegte byzantinische Hafen des Theodosius von den 126 Millionen Euro, die die Türkei für 2010 ausgeben möchte - das Programm liest sich wie eine gemeinsame Wunschliste des Fremdenverkehrsamtes und der Bauunternehmer der Stadt.

Eine junge, vibrierende Stadt wird sich 2010 also wieder einmal als historische Museumsinsel präsentieren. "Was für eine vertane Chance", sagt Galeristin Yesim Turanli. "Jetzt ist das ein Ding der Regierung und der großen Institutionen." Enttäuscht sind sie, die jungen Künstler. Entmutigt nicht. Zum großen Katzenjammer fehlt ihnen schon die Zeit: Diese Woche startet wieder die Biennale in Istanbul - zum ersten Mal hat sich aus London ein Team der Tate Modern angekündigt.

Leser empfehlen 

(SZ vom 09.09.2009/jebe)