Israel Verbotene Liebe, von Staats wegen

In Israel soll ein Roman aus dem Schulunterricht verschwinden, weil er von der Liebe zwischen einer Israelin und einem Palästinenser erzählt.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Weniges ist so schön wie verbotene Liebe, wenn schon nicht im Leben, dann doch zumindest in der Literatur. Von Shakespeare abwärts bis zu Fernsehsoaps ist das ein dankbarer Topos. Romeo und Julia hat es zu Weltruhm verholfen. Um Hilmi und Liat dagegen gibt es gerade eine Menge Ärger.

Die beiden sind die Protagonisten eines Romans der israelischen Schriftstellerin Dorit Rabinyan: ein palästinensischer Künstler und eine israelische Übersetzerin, die sich in New York verlieben - und sich wieder trennen müssen, als sie in ihre Heimat zurückkehren. Das Buch mit dem Titel "Gader Chaja" (Die Hecke) ist in Israel preisgekrönt. Doch nun hat sich das Erziehungsministerium in Jerusalem aufgeschwungen, dieses Werk über die verbotene Liebe im Schulunterricht zu verbieten. Begründung: "Intime Beziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden bedrohen die getrennten Identitäten."

Das lässt sich nicht anders deuten, als dass von Staats wegen solch eine unkoschere Liaison mit einem "Finger weg!"-Stempel gekennzeichnet werden soll. Getrennt sind die Identitäten in der Realität ja sowieso, jüdisch-muslimische Mischehen gibt es in Israel ungefähr so häufig wie Grillorgien mit Schweinefleisch. Nun soll offenbar schon der unkeusche Gedanke daran im Keim erstickt werden. "Jugendliche sind anfällig für Romantisierungen und haben oft nicht den überwölbenden Blick, um die Gefahren der Assimilierung einzuschätzen", heißt es in der ministeriellen Begründung.

Das letzte Wort hat der Leser

Zensur sei das nicht, sagt Erziehungsminister Naftali Bennett von der national-religiösen Siedlerpartei "Jüdisches Heim": "Jeder kann das Buch kaufen."

Dass ausgerechnet beim vielbesungenen "Volk des Buches" nun Bücher auf die schwarze Liste kommen, hat einen Proteststurm provoziert. Die betroffene Autorin Rabinyan hält es für "eine Ironie, dass ein Buch, das sich mit der jüdischen Furcht vor Assimilierung auseinandersetzt, jetzt aufgrund genau dieser Angst disqualifiziert wird". Ihr Kollege Sami Michael spricht von einem "schwarzen Tag für die hebräische Literatur". Amos Oz empfiehlt in einem Artikel für Jedioth Achronoth, am besten gleich auch das Thora-Studium in den Schulen zu verbieten, weil selbst die Könige David und Solomon nicht unbedingt zum Vorbild taugten: "Wenn es um sexuelle Beziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden geht, ist die Bibel tausendmal gefährlicher als Rabinyans Buch."

Die Aufregung ist auch deshalb so groß, weil der Buch-Bann ins Bild dieser rechts-religiösen Regierung passt, die den Rassismus zu einem Mittel ihrer Politik erkoren hat. So hatte Premier Benjamin Netanjahu am Wahltag im Frühjahr seine Anhänger mit dem Warnruf mobilisiert, die Araber, die 20 Prozent der israelischen Bevölkerung ausmachen, würden "in Horden" zur Abstimmung strömen. Und seine aus Überzeugung kulturferne Kulturministerin Miri Regev hat als eine der ersten Amtshandlungen arabischen Theatern die Zuschüsse gekürzt.

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Zum Glück aber geht mancher Schuss nach hinten los. Die Buchhandlungen melden bereits Rekordverkäufe, und der Verlag kündigte eine neue Auflage des Romans an. Das letzte Wort hat der Leser.