Iris Berben über ihren Postillon d'Amour Wie mir die Sterntaler ins Röckchen fielen

Meine Karriere begann Ende der sechziger Jahre mit verrückten Zufällen - und einem Mann, den sie Kritikerpapst nannten: Uwe Nettelbeck holte mich von der Straße weg zum Film. Aus Anlass des Wiedererscheinens von Nettelbeck-Texten eine Erinnerung an die wilde Zeit mit ihm.

Ein Gastbeitrag von Iris Berben

So arg viel kann ich über Uwe Nettelbeck gar nicht erzählen. Durch ihn bin ich in meinen Beruf geraten und wusste bald, dass ich da auch bleiben wollte. Anfang 1968, als ich aus meinem letzten Internat geflogen war, kam ich in einem Studentenwohnheim in Hamburg-Blankenese unter. Ich lebte in einer Art WG mit zwei schwulen Kunststudenten zusammen. Durch sie entstand die Verbindung zum Lerchenfeld, der Hamburger Hochschule für bildende Künste. Das war eine völlig neue Welt für mich: der SDS saß da, es gab Performances, Demonstrationen, Straßenschlachten. Aus dem Nichts tauchte ein Name auf: "Andy Warhol". Der hatte einen Film gedreht, in dem nichts weiter geschah, als dass über sechs oder sieben Stunden ein schlafender Mensch beobachtet wurde. Das war die Inspiration für meine Freunde, und im Frühjahr 1968 spielte ich in zwei kleinen Filmen mit, die beim Kurzfilmfestival in Oberhausen gezeigt wurden.

"Dann wurde ich auf offener Straße Jimi Hendrix vorgestellt. Dabei wusste ich gar nicht, wie berühmt der war" - so erinnert sich Iris Berben heute an die Tage in London.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Uwe Nettelbeck muss sie dort gesehen haben. Ich wusste selbstverständlich nicht, wer Uwe Nettelbeck war - der junge Star der Zeit, einer der wichtigsten Filmkritiker Deutschlands. Aber ich las die Zeit nicht und hatte deshalb noch nie von ihm gehört. Der berühmte Nettelbeck suchte mich und entdeckte mich am Lerchenfeld. Er sagte: "Fräulein Berben" - er sagte wirklich Fräulein Berben -, "ich habe da Filme von Ihnen gesehen. Sie sind genau das, was wir suchen." Das war sehr sachlich, gar nicht bittend, er wusste schließlich, wer er war, und er hatte etwas zu vergeben. "Meine Frau ist Produzentin eines neuen Films, der in München gedreht wird. Wir brauchen Sie für die Hauptrolle."

Da kommt also dieser ältere Herr und möchte mich doch tatsächlich zum Film bringen, dachte ich, wie niedlich! Deshalb habe ich teenagerhaft rotzig erstmal Nein gesagt. Ich wusste ja gar nicht, was Film ist. Nettelbeck hat aber nicht aufgegeben, sondern mich schlicht shanghaied. Er sagte mehr oder weniger "Pack die Badehose ein", und zwei Tage später ging's los.

Es war das Jahr 1968, das hieß für mich, die ich eben dem Internat entronnen war, einfach in den Tag hineinzuleben, nichts zu tun und alles aufzunehmen. Ich war ganz unschuldig und naiv, aber schon in London gewesen und hatte den Schauspieler Tutte Lemkow kennengelernt, der mich auf offener Straße Jimi Hendrix vorstellte. Jimi Hendrix! Dabei wusste ich gar nicht, wie berühmt der war. Wir saßen bei ihm in der Wohnung, rauchten einen Joint. Im Roundhouse erlebte ich das erste Konzert einer Band namens Pink Floyd, aber wahrscheinlich war ich doch zu bekifft, um die Sensation wahrzunehmen. Das mit dem Film wollte ich nur nebenbei machen, dann das Abitur und Jura studieren.

Zwei Tage später ging es los. Nettelbeck hatte einen Jaguar, und wir fuhren in die Nacht hinein. Wir haben nicht viel geredet, viel geraucht und meistens geschwiegen. Er war ja ein viel älterer Herr, wenn auch wahrscheinlich nur um acht, neun Jahre, aber er kam mir uralt und ganz und gar erwachsen vor. Ich hatte großen Respekt vor ihm. "Weißt du nicht, dass das der Kritiker-Papst ist?", hatten meine Freunde gesagt, und darum wirkte er auf mich auch hundertprozentig seriös. Dennoch klopfte es die ganze Zeit im Hinterkopf, dass es auch ganz anders enden könnte. Welche Gegenleistung erwartet er? Wie komme ich da im Notfall wieder raus?

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