Was die USA von europäischen Medien lernen können und wo die Zukunft des Qualitätsjournalismus liegt, erklärt Timothy Rutten von der Los Angeles Times.
"Zeitenwechsel" - eine neue Serie zur Zukunft des Journalismus geht Trends in der Presse und im Internet nach. Zusammen mit dem Berliner Institut für Medien- und Kommunikationspolitik bereitet sueddeutsche.de dabei in den nächsten Wochen Interviews mit namhaften Experten auf. Alle Interviews sind unter sueddeutsche.de/zeitenwechsel abrufbar.
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Bald werden tragbare Geräte den Leser rund um die Uhr informieren - prognostiziert Timothy Rutten. (© Foto: privat)
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sueddeutsche.de: Mr. Rutten, seit einigen Monaten drängen Finanzinvestoren und Wirtschaftsmagnaten wie der Immobilienzar Samuel Zell auf die amerikanischen Pressemärkte. Gefährden die jüngsten Übernahmen von traditionellen Zeitungshäusern wie Los Angeles Times oder Wall Street Journal auf lange Sicht die Unabhängigkeit des Qualitätsjournalismus?
Timothy Rutten: Dass Finanzinvestoren die redaktionelle Unabhängigkeit stärker gefährden als die traditionellen Besitzerstrukturen, ist Blödsinn, vor allem, wenn es sich um Qualitätszeitungen handelt. Das Problem liegt vielmehr in der Börsennotierung vieler Presseunternehmen: Dadurch geht es automatisch um Profite. Alles andere ist nachrangig. Verschärft wurde die Situation allerdings durch das Internet, das den Zeitungen die Anzeigenerlöse abspenstig machen. Gleichzeitig erfordert der Ausbau der digitalen Infrastruktur hohe Investitionen.
sueddeutsche.de: Es handelt sich also um ein strukturelles Problem...
Rutten: ...mit dem die Verlage bislang nicht umgehen konnten. Diese Push- und Pull-Situation hat sie offenbar völlig überfordert. Nur wenn Private Equity es endlich kapieren würde, in ein langfristiges Wachstum zu investieren und dafür kleinere Profite in Kauf zu nehmen, könnte am Ende doch noch alles gut werden.
sueddeutsche.de: Könnten Medienmogule wie Rupert Murdoch also noch überraschend zu Erweckern des Qualitätsjournalismus werden?
Rutten: Nein, Rupert Murdochs Pläne müssen insgesamt sehr kritisch beurteilt werden. Sein Boulevardblatt New York Post war zwar nie ein Erfolg, denn es hat keinen Pfennig verdient und Murdoch subventioniert die Verluste, um einen Fuß in der Tür des wichtigen New Yorker Marktes zu behalten. Auch der Erfolg seines TV-Networks FOX täuscht, die hohen Quoten müssen mit Blick auf die kleine Welt des US-Kabelfernsehens stark relativiert werden. Die beliebteste Show auf FOX News - "The O'Reilly Factor" - erreicht lediglich eine Million Zuschauer. Das bedeutet in einem Land mit 300 Millionen Einwohnern gar nichts! Auffällig finde ich jedoch, dass Murdoch für eine zunehmende Politisierung der Berichterstattung verantwortlich ist, die für jede andere Nachrichtenorganisation inakzeptabel wäre. Murdochs US-Medien sind im Wesentlichen ein Informationsableger der Republikaner.
sueddeutsche.de: Was ist in der Debatte um die Zukunft der Zeitung reiner Pessismus, was ist wahrscheinlich?
Rutten: Die britischen Qualitätszeitungen, besonders auch ihre Online-Ausgaben, zeigen uns schon jetzt, wo die Zukunft der Zeitung ist: in der Konzentration auf qualitativ hochwertiger Analyse und Meinungsbildung. Amerikanische Zeitungen sind da deutlich weniger ernst zu nehmen. Als Großbritanniens ehemaliger Premierminister Tony Blair einmal beklagte, dass sich die britischen Zeitungen von "Newspapers" zu "Viewspapers", also zu Meinungsblättern verwandelt hätten, verkündete der irische Zeitungsmagnat Sir Anthony Tony O'Reilly stolz, dass es genau das sei, wonach seine Leser verlangten. Ich denke, dass die englischsprachigen "Viewspapers" ihre Auflagen-Höhenflüge zum Großteil auch der amerikanischen Leserschaft verdanken, die mehr von der Presse erwartet, als was sie im eigenen Land geboten bekommt.
sueddeutsche.de: Wo sehen Sie dann Innovationsmöglichkeiten für die US-Presse?
Rutten: Zeitungen müssen sich mehr als bisher der Analyse und Kommentierung verschreiben und sich damit als ehrliche Ideenmakler präsentieren. Heute ist ein breites Meinungsspektrum gefragt - von liberal bis konservativ. Doch die Gefahr der Politisierung ist groß. Ich halte das nicht für eine logische Folge des Meinungsjournalismus, sondern für seine wachsende Korrumpierbarkeit. Gerade Zeitungen haben die Chance, sich von der undifferenzierten Verlautbarungskakophonie des Internet abzugrenzen, indem sie ihren Lesern glaubhaft vermitteln, dass sie unleugbaren Fakten verpflichtet sind und nicht irgendeiner Parteilinie.
sueddeutsche.de: Könnten nicht staatliche Subventionen der Prestige-Presse unter die Arme greifen?
Rutten: Von Alimenten aus Steuergeldern halte ich überhaupt nichts. Das wäre zumindest in den USA auch nicht verfassungskonform, denn schließlich garantiert die amerikanische Verfassung die vollkommene Unabhängigkeit der Presse, was jedweden Einfluss - auch finanzielle Unterstützungen oder Vergünstigungen - durch den Staat kategorisch ausschließt.
sueddeutsche.de: Welche alternativen Finanzierungsmodelle könnten Sie sich dann vorstellen?
Rutten: Womöglich werden Verlage ihre Angestellten und die Leser gleichermaßen davon überzeugen können, gemeinsam in ihre Zeitung zu investieren und nach Vorbild eines korporativen Managementmodells an einem Strang zu ziehen. Ob das für eine der großen Metropolenzeitungen funktioniert, ist schwer zu sagen. Aber es könnte einige mittelgroße Tageszeitungen auf den regionalen Pressemärkten retten, die es im Moment schwer haben.
sueddeutsche.de: Was denken Sie, wie die die Presselandschaft in zehn Jahren aussehen wird?
Rutten: Den künftigen Zeitungsmarkt sehe ich mit gemischten Gefühlen: Viele Unternehmen werden online gehen und dort mit Schlagzeilen, Service, Videos und Interaktivität ihr Geld verdienen. Die Druckausgabe der Zeitung wird aber auch dann noch die Möglichkeit bieten, dem Leser mit Analysen, Meinungen und Hintergründen einen tieferen Einstieg in die Materie zu verschaffen. Die Online- und Print-Edition werden sich wechselseitig ergänzen, und die Leser können mithilfe von tragbaren Geräten über den gesamten Tag Nachrichten abrufen.
Timothy Rutten schreibt und kommentiert seit über 35 Jahren für die "Los Angeles Times". Er war Redaktionsleiter des Stadtbüros, arbeitete als Reporter im Lokalressort sowie als Redakteur für nationale Berichterstattung und die Meinungsseiten. Seit 2002 ist er einer der meist gelesenen und diskutierten Medienkolumnisten und Medienkritiker der US-Presse. Zu seinen Auszeichnungen gehört unter anderem ein Pulitzer Preis, den er gemeinsam mit einigen Kollegen für die Berichterstattung über das Erdbeben von Northridge im Jahre 1994 erhielt. Er ist Vater von zwei Kindern und lebt gemeinsam mit seiner Frau in einem Loft in Downtown Los Angeles mit Blick auf die mächtige Gebirgskette der San Gabriel Mountains.
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(sueddeutsche.de/kur)
Umweltstiftung WWF in der Kritik
Brockhaus machts vor, Print ist am Ende
Das Lexikon gibts nur noch im Internet-kostenlos.und beim Print-Spiegel gibts jetzt auch alles online umsonst, mit Ausnahme der aktuellen Ausgabe. Dahin läufts unwiderruflich auch für alle Printmedien. Die Beeinflussung der Massen durch Verleger, Redakteure und Herausgeber hat keine ökonomische Zukunft im Print, nur auf gleicher Augenhöhe mit Millionen von Usern im Web, und der Wettbewerb um die Meinungs- und Deutungshoheit wird spannend. Ich freue mich drauf( auch mit klammheimlicher Schadenfreude).
Timothy Rutten gilt hier in Los Angeles seit eh und je als sarkastischer Aufheizer, dessen Daseinsberechtigung darin liegt, zu polarisieren und gnadenlos Misstaende der Medienwelt aufzudecken. Schoen und gut. Was ein Misstand ist, entscheided er aber zunaechst mal an seinem Schreibtisch allein - das Feedback der Leserschaft war ihm da immer schon egal. Das mag fuer seine Unabhaengigkeit sprechen, und verleiht ihm sicher die Aura des schicken, trendy Rebellen. Das passt ja generell sehr gut zum derzeit gepflegten Erscheinungsbild solcher, die in den USA ganz gross raus wollen, egal ob als Politiker, Wirtschaftsboss oder Medienfuzzi.
Allerdings hat das Gehabe einen kleinen Haken: Wenn es darum geht, doch mal zu sagen, wie es denn besser ginge, haben diese Damen und Herren herzlich wenige Ideen. Soso, Zeitungen sollen sich also mehr der Analyse und Kommentierung verschreiben - alles klar. Mr. Rutten, Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass dann die Auflage steigt. Und: Leser und Angestellte sollen in die Zeitungen investieren - was fuer ein Unsinn.
Mr. Rutten mag ja nett in downtown LA wohnen (obwohl er dafuer ein bisschen zu alt ist, das ist eher die Domaene der 21-28jaehrigen), aber das heisst noch lange nicht, dass er den Finger am Puls der Zeit hat. Vielleicht sollte er mal vom Olymp des LA Times Buildings am Bunker Hill herabsteigen und sich abends in eine der zahlreichen Bars in downtown LA tummeln, um sich mal anzuhoeren, was die Leserschaft der Zukunft so denkt, tut, und treibt. Die koennten ihm zum Beispiel erklaeren, dass interaktive Medienmodelle durchaus erfolgreich sein koennen, wie man neuerdings offenbar auch bei der LA Times erkannt hat - die Sektionen, in denen Leser aktiv in die Gestaltung des Inhaltes miteingreifen koennen, erfreuen sich wesentlich groesserer Beliebtheit als die baerbeissigen Kommentare eines in die Jahre gekommenen Berufszynikers.