sueddeutsche.de: Dann würden sich Qualitätszeitungen zu Schutzgeistern und Statussymbolen einer Elite entwickeln?

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Brûlé: Was wir in zehn, 20 Jahren auf jeden Fall erleben werden, sind viel stärker auf Analyse ausgerichtete Blätter. Und wir werden erleben, wie Verleger die Nerven verlieren, und zwar die selbstherrlichen und diejenigen, die zuviel auf ihre Berater gehört haben, als die ihnen rieten, ihre Druckerpressen möglichst schnell nach Nigeria zu verschiffen und ab sofort nur noch als digitale Marke zu existieren. Aber es wird natürlich auch Medienmarken geben, die den Pressemarkt, ihre Redaktionen und ihr Korrespondentennetz sorgfältig prüfen werden und mit ihren Werbepartnern verhandeln. Sie werden zu dem Schluss kommen, dass es noch Bedarf an Innovationen und einer Erfindergeist dessen gibt, was ein Produkt heute ausmacht. Ich glaube sogar, dass etwas Handfesteres dabei herauskommen könnte, als wir es erwarten.

sueddeutsche.de: Was könnte das konkret sein, wenn Sie an den Medienmarkt der Zukunft denken? Werden sogenannte Just-in-time-Zeitungen das Genre beleben?

Brûlé: Wie reden hier über eine neue Art der Nachrichtenzirkulation: Meine ersten Nachrichten bekomme ich morgens aus dem Laptop, weil der neben meinem Bett steht. Was ich aber möchte, ist eine Zusammenfassung: Wenn ich 20 Minuten später meine Wohnung verlasse, möchte ich gewappnet sein und zumindest wissen, was in der Welt passiert ist. Und danach, auf dem Rücksitz meines Autos, das mich zum Flughafen bringt, möchte ich vielleicht einen Podcast hören und im Flugzeug selbst möchte ich wahrscheinlich eher Analysen und längere Storys lesen. Und diesen großen analytischen Überblick entnehme ich weiterhin der Zeitung. Diese Zeitung kann in einer traditionellen Druckerei gedruckt worden sein oder auch am Münchener Flughafen, in Charles de Gaulle oder Heathrow, wo digitale Zeitungen künftig à la minute produziert werden. Das bedeutet, dass diese Zeitungen um sieben Uhr morgens gedruckt werden und man sie um halb acht im Flugzeug übereicht bekommt. Hier sehe ich noch großen Spielraum für Innovationen. Es wird weiterhin gute Argumente für Print geben. Am Ende des Tages, bevor ich zu Bett gehe, möchte ich mir vielleicht noch eine interessante Debatte ansehen und wende mich zu diesem Zweck 'meiner' Medienmarke zu. Entscheidend aber ist, ob diese Medienmarken imstande sein werden, die Aufmerksamkeit der Nutzer über den gesamten Tag auf sich zu konzentrieren. Und genau das wird es sein, worum in Zukunft die Schlachten gekämpft werden - ob im Video- oder Audiobereich, Pint und via Bildschirm.

sueddeutsche.de: Welche Zeitungsmarken werden in 20 Jahren noch Bestand haben?

Brûlé: In den nächsten zwei Jahrzehnten werden ohne Frage Marken wie die japanische Yomiuri Shimbun, heute die Zeitung mit der weltweit größten Auflage, dominant sein. Dabei muss man aber bedenken, dass zur Yomiuri Shimbun auch NTV gehört, einer der wichtigsten japanischen Fernsehsender. Außerdem betreibt die größte Zeitungsmarke der Welt eines der besten Korrespondentennetzwerke und eine sehr aggressive Website. Auch die Financial Times hat enormes Potenzial, anscheinend soll es diesen Sommer einen Relaunch ihrer Website geben. Mit einem überzeugenden Online-Angebot könnte die FT jetzt Grundlagen für ihre Zukunft schaffen. Es hängt allerdings davon ab, wie gut das Videoangebot sein wird, wie die Kommentarfunktion ausfällt, ob es neue Kolumnisten gibt, und ob die bisherigen Redakteure und Leitartikler allesamt mikrofon- und kameratauglich sind. Es gibt viel zu tun, aber ich denke, dass die FT eine Chance hat, auch weil sie attraktiv für Werbekunden ist. In Nordamerika könnte es die New York Times schaffen, allerdings muss ihr Videoangebot noch verbessert werden. Auch nutzt die Times ihr Korrespondentennetz noch nicht richtig. Man könnte fast meinen, dass dieses Unternehmen noch nie Fernsehen besessen hätte, dabei hatte es eine riesige TV-Senderkette. Nicht zuletzt könnte der brasilianische Medienkonzern Globo einer der Major Player werden - sowohl in Lateinamerika als auch in Nordamerika.

sueddeutsche.de: Können also nur Großkonzerne überleben, oder gibt es auch kleinere Zeitungsmarken mit zukunftsweisenden Konzepten?

Brûlé: Die italienische Zeitung Il Foglio zum Beispiel: Sie vereint aufs Interessanteste alles, was eine moderne Zeitung ausmacht. Sie hat zwar nur eine Auflage um die 13.000 Exemplare, was sehr wenig ist. Allerdings umfasst sie lediglich zehn bis zwölf, manchmal 16 Seiten, und sie erscheint im Broadsheet-Format, ist also sehr leicht zu transportieren. Außerdem bietet sie wunderbare Denkanstöße, derentwegen man eine Zeitung ja kauft. Auf wenigen Seiten bekommt man viele Informationen geliefert: Es wird analysiert, kritisiert, es werden tiefgründige Interviews gedruckt, kurzum: Diese Zeitung bietet alle wichtigen Hintergründe, so dass man wenig Lust verspürt, solche Geschichten online zu lesen. Die Leute wollen ja gründlich recherchierte Geschichten eigentlich nicht am Bildschirm lesen, aber sie wollen Texte, die länger sind als 200 bis 300 Worte. Und sie wollen Detailanalysen und Leitartikel.

sueddeutsche.de: Finden Sie, dass Qualitätsjournalismus durch Steuergelder bezuschusst werden sollte?

Brûlé: Wir sind ja mittendrin in dieser Debatte, ob der Staat in die Medienlandschaft eingreifen darf. Staaten haben natürlich ein Interesse daran sicherzustellen, dass ihre Bevölkerung ausreichend informiert wird, oder dass die Welt eine bestimmte Sicht auf die Dinge hat. Daher gibt es auch die Deutsche Welle und den BBC World Service, also Organisationen, die durch die Außenministerien finanziert werden. Damit gibt es also schon eine staatliche Unterstützung bestimmter Medienangebote! Was mich allerdings bis zu einem gewissen Grad überrascht, ist die Haltung der BBC, jetzt auch noch ein globales Printprodukt herauszugeben. Natürlich gibt sie bereits jetzt schon unter anderem eine Afrika-Zeitschrift heraus. Und seit längerem liest und hört man von einem Projekt mit dem Arbeitstitel Phoenix, das ein Economist nach BBC-Machart werden soll. Hier findet also bereits etwas statt, das zwar keine Zuwendungen durch das Außenministerium erhält, aber offensichtlich das Korrespondentennetzwerk des World Service nutzt, der wiederum indirekte Beihilfen vom britischen Außenministerium erhält. Der Staat ist also schon längere Zeit dabei, den Qualitätsjournalismus zu bezuschussen.

sueddeutsche.de: Beobachten Sie das nur in Europa?

Brûlé: Dasselbe ließe sich auch über den arabischsprachigen Nachrichtensender Al-Dschasira sagen. Möglicherweise bringt der demnächst in der gesamten arabischen Welt eine Zeitung heraus, die immer freitags erscheint, entweder auf Englisch oder Arabisch. Auch dieses Projekt wird staatlich bezuschusst, nämlich vom Emirat Katar. Bei staatlichen Beihilfen geht es aber nicht nur darum, Einfluss auszuüben. Es steckt auch der Ansatz dahinter, dass sich Regierungen einen Namen machen wollen, indem sie sagen: "Wir wollen die klügsten, bestinformierten Bürger der Welt haben, die hinausgehen und die richtigen Geschäftsentscheidungen treffen und in der Lage sind, ihre Möglichkeiten zu entdecken." Und ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass die Regierung von Singapur oder die Regierungen im Nahen Osten irgendein Problem damit hätten. Tatsache ist, dass das auch ausländische Investoren anlocken könnte.

sueddeutsche.de: Könnten auch privates Förderer eine sinnvolle Alternative darstellen?

Brûlé: Auch das passiert ja bereits! Sogar bei Monocle erleben wir das: Wir haben Leser, die bereit sind, für ihr Abonnement weitaus mehr zu zahlen, als sie müssten. Sie tun das, weil sie finden, dass wir etwas anbieten, das nicht nur für die Medienlandschaft, sondern auch für den Journalismus notwendig ist. Es gibt also besorgte Bürger und Konsumenten, die die Erosion des Qualitätsjournalismus kommen sehen und helfen wollen, Marken wie unsere zu stärken.

Tyler Brûlé, geboren 1968 in Winnipeg, ist Vorsitzender des Medienunternehmens Winkorp und Gründungsherausgeber des Monatsmagazins "Monocle". 1996, mit nur 28 Jahren, gründete er das Lifestyle-Magazin "Wallpaper", das fast alle modernen Hochglanzmagazine beeinflusste, und kurze Zeit später von Time Warner für zwei Millionen Dollar gekauft wurde. Der gebürtige Kanadier gilt heute als einer der vielseitigsten Medienmacher überhaupt: Er berichtete für die BBC aus Krisengebieten, schrieb Reportagen und Essays für "Guardian", "Stern" und "Vanity Fair", war Gastgeber der TV-Show "The Desk" (BBC 4), drehte eine Dokumentarreihe über die Shopping-Kultur und schreibt heute Kolumnen für Blätter wie "Financial Times", "New York Times", "Neue Zürcher Zeitung", "The International Herald Tribune" und "T: The New York Times Style Magazine". Bekannt wurde Brûlé aber auch als medienästhetischer Kopf und Trendscout der Mode- und Lifestyle-Welt: Der abwechselnd in London und Genf lebende Unternehmer unterhält die Kreativagentur Winkreative (zuvor Winkmedia), zu deren Kunden Swiss International Air Lines, Sky One, Marks & Spencer, Stella McCartney, Prada zählen. Brûlé setzte sich jüngst immer wieder für einen politischen Qualitätsjournalismus ein. Im Februar 2007 startete er das Magazinprojekt "Monocle". Die Onlineseiten des Magazins sind unter der Internet-Adresse www.monocle.com abrufbar.

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