Trotz digitaler Trends hat sich der Herausgeber Tyler Brûlé mit seinem Magazin Monocle durchsetzen können: Im Interview spricht er über seine trickreichen Print-Strategien.
"Zeitenwechsel" - eine neue Serie zur Zukunft des Journalismus geht Trends in der Presse und im Internet nach. Zusammen mit dem Berliner Institut für Medien- und Kommunikationspolitik bereitet sueddeutsche.de dabei in den nächsten Wochen Interviews mit namhaften Experten auf. Alle Interviews sind unter sueddeutsche.de/zeitenwechsel abrufbar.
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Tyler Brûlé öffnet Büros, statt sie zu schließen: Mit eigenwilligem Themenmix ist sein Monatsmagazin "Monocle" auf dem Printmarkt erfolgreich. (© Foto: privat)
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sueddeutsche.de: Vor einem Jahr haben Sie Monocle lanciert. Dass sich das Magazin mit dem eigenwilligen Themenmix aus Business, Lifestyle und Politik im dicht besetzten Printmarkt behaupten konnte, überraschte selbst erfahrene Magazinmacher.
Tyler Brûlé: Von denen neigen viele dazu, ihre Produkte so eng und knapp wie möglich zu produzieren. Aber es gibt auch eine völlig andere Strategie, die zum Beispiel japanische Kaufhäuser so unglaublich modern aussehen lässt: Sie bieten ein breites und dennoch fokussiertes Angebot unter einem Dach an. Genau dasselbe machen wir mit Monocle: Wir bieten einen breiten Blick auf eine ganze Palette an Themen rund um den Globus an. Aber die Art und Weise, wie wir diese Themen angehen, ist stark fokussiert. Das ist der redaktionelle Ansatz von Monocle und ich denke, dass die Leser und der Markt bereit waren für so etwas.
sueddeutsche.de: Schon mit dem Lifestyleblatt Wallpaper haben Sie Optik und Stil vieler Zeitschriften beeinflusst.
Brûlé: Als wir Wallpaper starteten, hat es sich noch vom Mainstream unterschieden, aber inzwischen scheint es mit anderen Magazinen ganz auf einer Linie zu liegen. Bei Monocle mussten wir den Markt stärker berücksichtigen und auf die neuen digitalen Marken achten, die derzeit überall entstehen. Aber wir haben uns auch gefragt, was ein Magazin heutzutage überhaupt leisten muss. Eine Reihe von Herausgebern zerbricht sich heute den Kopf darüber, wie relevant Gedrucktes noch ist und fragte uns, warum wir ausgerechnet ein Printobjekt machen. Dabei musste man sich nur den Zustand der Presse ansehen: Die Verleger lehnten sich zurück und dachten gar nicht mehr über Innovationen und neue Formate nach. Sie gaben einfach die gleichen Magazine heraus wie eh und je, vielleicht noch auf Hochglanzpapier, in DINA4 und 160 Seiten dick - aber der Markt sollte sich damit zufrieden geben. Dabei erfindet das Fernsehen ständig neue Formate, dasselbe gilt für das Radio und natürlich für den ganzen digitalen Bereich. Sogar Zeitungen erfinden sich gerade neu! Nur bei Magazinen tat sich so gut wie gar nichts. Monocle war unsere Antwort darauf: ein Magazin, das einen Journalismus der alten Schule pflegt und keine Leute beschäftigt, die bloß Agenturbilder zusammenkleistern, sondern Reporter, die vor die Tür gehen und Geschichten aufschreiben. Und wir eröffnen Büros, statt sie zu schließen. Unsere Leserschaft honoriert das mit Loyalität.
sueddeutsche.de: Müssen die gedruckten Zeitungen "Angst vor Google" haben, wie es das britische Wirtschaftsblatt Economist unlängst auf seiner Titelseite fragte?
Brûlé: Wenn ich Anbieter eines Dienstes wäre, der Nachrichten sammelt und diese über ein eigenes Kabelnetz verteilt, wäre mir vielleicht bange. Aber wir müssen uns klarmachen, dass Google ja keinerlei eigene Inhalte produziert. Und es gibt keine Korrespondenten, geschweige denn Redakteure, die Google beschäftigt wie die traditionellen Medien. Google ist und bleibt eine Suchmaschine. Aber natürlich müssen Nachrichten irgendwo herkommen. Es ist deshalb falsch, sich in eine Ecke zu verziehen und darauf zu hoffen, dass Google irgendwann verschwindet oder das Handtuch wirft. Auch in Zukunft wird es dort draußen eine Handvoll globaler Medienmarken geben, die tagtäglich Nachrichten von einer solchen Qualität produzieren, dass es mit Sicherheit Abnehmer geben wird. Es völlig egal, ob es sich dabei um digitalisierte Zeitungen handelt oder um Fernsehsender, die sich im Printbereich engagieren.
sueddeutsche.de: Werden Blogger - von denen einige zweifellos Experten auf bestimmten Gebieten sind - eine Bedrohung für den professionellen Journalismus?
Brûlé: Das ist nur für diejenigen Menschen eine wirkliche Bedrohung, die den Unterschied zwischen dem, was ein Blogger schreibt, und dem, was ein Journalist tut, nicht kennen. Die meisten Blogger reagieren ja nur anstatt selbst zu recherchieren oder zu berichten. Sie gehen nach dem Copy-and-Paste-Prinzip vor, sprich: Sie kopieren irgendwo Texte heraus, fügen sie in ihr Blog ein und kommentieren das. Für mich hat das aber nichts mit Journalismus zu tun! Natürlich gibt es mittlerweile auch eine Reihe traditioneller Medien, die Blogs in ihr Online-Angebot integrieren. Sieht man sich das Blog-Phänomen allerdings genauer an, erkennt man, dass es sich um ein amerikanisches Phänomen handelt, obwohl es auch in Deutschland und anderswo einflussreiche Blogger gibt. Trotzdem ist die Blog-Kultur etwas sehr Amerikanisches.
sueddeutsche.de: Warum ist das so?
Brûlé: Es hat eher etwas mit dem Zustand des amerikanischen Journalismus zu tun: Schauen Sie, im US-Fernsehen hat doch jeder etwas zu sagen, der eine versucht lauter zu brüllen als der andere, ob das nun bei "Larry King", "Judge Judy" oder ähnlichen Formaten ist. Das gleiche beim Radio: Dort laufen ätzende Programme, und die Leute, die sich für so etwas interessieren, rufen dort an. Aber wenn Sie sich die amerikanischen Printmedien ansehen, stellen Sie das genau Gegenteil fest: Hier gibt es nur objektive Fakten, keine Meinungen. Als Journalist ist es Ihnen nicht erlaubt, Meinungen in die Berichte einfließen zu lassen. Aber das ist doch gerade der Grund, warum ich Zeitungen kaufe: Ich kaufe den Guardian, weil ich den Standpunkt des Guardians kaufen möchte, ganz anders als bei der L. A. Times oder dem Wall Street Journal, wo Journalisten nur dafür da sind, Fakten zu berichten - sonst nichts. Niemand schreibt dort über seine Ansichten oder seine Meinung. Und das ist genau der Punkt: Mit der Blog-Kultur in Amerika haben die Menschen endlich eine Plattform gefunden, auf der sie nicht nur selbst berichten, sondern auch ihre Meinung kundtun können.
sueddeutsche.de: Mehr Reportagen, mehr investigative Recherche - ist das der zukunftsweisende Weg für den Print-Journalismus?
Brûlé: Darauf wird sich die Presse künftig stärker konzentrieren müssen. Zeitungen, die ihren Foto-Etat kürzen und die Zahl ihrer Reporter verringern oder investigative Rechercheeinheiten auflösen, liegen meiner Ansicht nach völlig falsch. Es kann ja nicht die Rolle des kleinen Mannes sein - nennen wir ihn mal den Blogger -, etwa großen Ölkonzernen die Stirn zu bieten oder zu versuchen, eigenmächtig zu recherchieren. Solche Leute haben weder die Kontakte noch die finanzielle Ausdauer, die ein Medienhaus braucht, um sich auch mal für einen Rechtsstreit zu wappnen. Man könnte zwar einwenden, dass niemand so verrückt sein kann, gegen Blogger vorzugehen, doch wir alle wissen auch, dass Großunternehmen und Größenwahnsinnige sehr fies werden können und eine Enthüllung ihrer Machenschaften um jeden Preis verhindern wollen. Gegen sie zu stänkern, kann sehr gefährlich werden. Und deshalb braucht es potentere, finanziell besser ausgestattete Medienunternehmen, die den investigativen Journalismus unterstützen und es sich zudem leisten können, Reporter und Korrespondenten rund um den Globus zu schicken und sich im Ernstfall hinter sie zu stellen.
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Die Süddeutsche weiss, dass sie eine Menge ihres Bildmaterials nun dorther bezieht, wo die gern geschmähten Hobby-Blogger sich versorgen?
Wenn das gleiche istock-Bild uns auf 50 Blogs ebenso auf der Frontseite unter die Nase gehalten wird, welchen Grund gibt es dann noch, hier zu lesen? (Die meisten Blogs nehmen Kommentare ausserdem gern ohne Öffnungszeitbeschränkung an, wie hier schon des öfteren angemerkt).
Nase rümpfen über vermeintliche Amateure und sich gleichzeitig ihrer bedienen (wie im Falle der "istock community") ist nicht nur unfein, es wird auf Dauer nicht gut gehen.